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Meinung | Freitag, 11. August 17

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Die Polizei informiert Journalisten per E-Mail. Diese Rohfassungen stellt die PNP ungefiltert ins Netz; behäbiges Beamtendeutsch als Lesestoff. (Foto: PNP)
Polizei und Presse

Rohkost statt Recherche

Liebe Leserinnen und Leser,

besorgt Euch guten Lokaljournalismus doch selbst! Sucht Euch aus der Vielzahl der Pressemitteilungen von Polizei und Feuerwehr, von Rathaus und Parteien diejenigen heraus, welche Euch interessieren. Bringt diese Texte in vernünftiges Deutsch, formuliert schwachsinnige Wörter und Sätze um in sinnvolle, kürzt den Inhalt auf das Wesentliche ein und bastelt euch daraus eine eigene Tageszeitung!

Das hat die „Passauer Neue Presse“  ihren Leserinnen und Lesern so natürlich nicht gesagt. Aber nach dem schlechten Vorbild von Focus, einem einst seriösen Nachrichtenmagazin, hat die PNP im Netz ein neues Portal eröffnet, welches genau dieses den Nutzern abverlangt. Unter der Rubrik „Polizei“ werden - bis aufs i-Tüpfelchen unverändert - alle Polizeimeldungen des Verbreitungsgebiets, so wie sie im E-Mail-Briefkasten der Redakteure landen, kopiert und veröffentlicht. Korrekturlos, kritiklos, geschweige denn recherchiert oder redigiert. Nach eigenen Angaben etwa 2.500 Meldungen im Monat.

Das ist an erster Stelle peinlich für den Verlag wegen der Missachtung der Leser. An zweiter Stelle ist dies aber auch eine Taktlosigkeit gegenüber den betroffenen Beamtinnen und Beamten, die mit ihren Texten öffentlich vorgeführt werden. Es ist überhaupt nicht ihre Aufgabe, druckreif zu formulieren.  Für die schreibenden Polizisten bedeuten die unbearbeiteten Kopien im Netz mitunter eine peinliche Bloßstellung; für die Leser wird die Litanei im Netz eine schwer verdauliche Rohkost; für den Journalismus verheißt dieser Umgang mit Pressemitteilungen nichts Gutes, ja eigentlich dessen Untergang.

Zur Erklärung: Jede Polizeidienststelle berichtet im Sinne der Informationspflicht den Lokalredaktionen über die wichtigsten Vorfälle vom täglichen Polizeigeschehen.  Früher, als die Zahl der Medien überschaubar und der Zeitdruck der schreibenden Zunft geringer war, geschah dies mündlich. Polizeireporter holten per Telefon oder durch einen persönlichen Besuch die Informationen ein. In ausgedünnten Redaktionen der PNP scheint für diese journalistische Sorgfalt und die Dienstleistung am Leser keine Zeit mehr zu sein.

Heute erledigt die Polizei diese Informationspflicht per E-Mail. In den Verteiler aufgenommen werden allerdings nur Journalisten, die sich legitimieren können. Dies soll einen vertrauensvollen Umgang mit diesen Texten garantieren. Sie sind verfasst mit typischem Fachjargon und können Polizeireportern allenfalls als Grundlage für ihre Berichte dienen. Der sorgfältige Journalist wird recherchieren: zum Telefon greifen, um Details und Hintergründe zu erfragen, sich weitere Quellen erschließen. Woran Sie eine Redaktion erkennen, die Lesern aus Faulheit und mangelnder Wertschätzung Polizeitexte in Rohkost mit der Kopiertaste vorsetzt?

Autos werden generell zum „Pkw“, wenn es mehrere sind gar zu „Pkw ́s“, Verletzte verstecken sich im „Personenschaden“ und Bestohlene hinter „Geschädigten“; der Autofahrer wird zum „Fahrzeugführer“, Ermittlungen „dauern an“ und waren, wenn sie abgeschlossen sind, stets „umfangreich“; der 7. Mai liest sich so: „07.05.17“, im Schlusssatz findet sich oft die Telefonnummer für den „sachdienlichen Hinweis“.  Medienprofessor Ralf Hohlfeld von der Uni Passau sagt auf Anfrage: „Man sollte davon ausgehen, dass solches Rohmaterial verarbeitet und in Form gebracht wird“. Dies wäre eine selbstverständliche Aufgabe der Journalisten. Näher wollte er sich zu diesem Thema nicht äußern.

Die Polizei ist selbst davon überrascht worden, dass ihre für die journalistische Weiterverarbeitung gedachten E-Mails von der „Passauer Neue Presse“ unbearbeitet der Netzöffentlichkeit als Lesestoff vorgesetzt werden. Die Anfrage dieses Magazins hat man zum Anlass genommen, die Kolleginnen und Kollegen in Dienststellen dafür zu sensibilisieren. „Wir können gegen dieses Vorgehen nicht großartig etwas unternehmen“, sagt ein hochrangiger Vertreter der Polizeidirektion Straubing. Ein Pressesprecher bezeichnet die Arbeit der Redaktion „journalistisch unter null“. Für ihn sei dies ein weiteres Beispiel, wie „das Niveau im Netz erschreckend sinkt“. Man wolle wohl Personal und Arbeitszeit sparen.

Ein anderer Polizeisprecher vermutet, dass die E-Mails ungelesen von einem Programm automatisch ins Netz eingepflegt werden.  Anders könne er sich nicht erklären, dass selbst sinnfreie Datumsangaben übernommen werden. Es sei wohl ein Tribut an die „Schnelllebigkeit unserer Zeit“. „Da kann man auch einen dressierten Affen hinsetzen“, feixt er.  

Hubert J. Denk

Beitrag erschienen in Bürgerblick-Magazin Nr. 106/ Juni 2017

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