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Report | Montag, 11. März 19

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Früchte vom Afghanen. Im Bratfischwinkel eröffnete Sayyed Ahmadzai einen „Tante-Emma-Laden“. Von Zitronen bis Zahnpasta. (Foto: Tobias Köhler)
Tante-Emma aus dem Orient

Zurück in die Zukunft

Die Stadt gewinnt verlorene Strukturen zurück. Händler und Handwerker um die Ecke siedeln sich wieder an: unsere Neubürger.

Die Kundin war eigentlich nur gekommen, um zwei Tütchen geröstete Sesamkörner zu kaufen.  Sie wird den Laden mit zwei zusätzlichen Papiertüten verlassen, die eine gefüllt mit in Safran geröstete Pistazien, die andere mit afghanischen Mandeln. „Die schmecken viel süßer als gewöhnliche Mandeln“, schwärmt sie nach der Kostprobe.  Der Einkauf von Andrea Link, einer 51-jährigen Modeverkäuferin aus der Nachbarschaft, hätte wahrscheinlich nur fünf Minuten gedauert, aber er zieht sich länger als eine Viertelstunde hin.

Sie kommt ins Gespräch mit dem Inhaber des kleinen Lebensmittelladens im Bratfischwinkel. Sie lässt sich auf sein Angebot ein, hier und da zu probieren. Der junge Händler, dunkler Hauttyp, gepflegter, schwarzer Vollbart, weißes Hemd und lustige Augen, heißt Sayyed Ahmadzai. Er stammt aus Afghanistan, ein 22-jähriger Flüchtling, den es diesen Sommer von Aachen nach Passau verschlagen hat. „Es hat sich herumgesprochen, dass es bei ihnen sauber und ordentlich ist und sie sehr gut deutsch sprechen“, hatte Link, die Kundin aus der Modebranche, den afghanischen Lebensmittelhändler gelobt. Sie erzählt ihm, wie wichtig das sei, von der Pingelkeit der Deutschen, dass sie selbst solche Läden manchmal nicht betreten möchte, „weil es so komisch riecht.“ Er steigt so fort darauf ein. „Sie dürfen offen sagen, wenn es bei mir was zu kritisieren gibt“, sagt er. Sie blickt sich um und zeigt auf die Kühltheke, die leer und unbenutzt im hinteren Teil des Ladens steht.

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Die Preisschilder sind zweisprachig und handgeschrieben, viele Produkte in keinem deutschen Supermarkt erhältlich: Fläschchen mit Safran aus Afghanistan zu ungewöhnlich günstigen Preis. (Foto: Tobias Köhler)
Ahmadzai hat sie offenbar gebraucht gekauft, denn auf der Außenseite einer Wange blättert der Lack ab. Ein optischer Makel. „Wenn unser eins das sieht, denkt man gleich, diese Kühltruhe ist vielleicht nicht funktionstüchtig“, erklärt sie ihm. „Sehen Sie, darauf hätte ich überhaupt nicht geachtet“, bedankt sich Ahmadzai für den Tipp. Er werde das neu lackieren. Wer den beiden zuhört, wähnt sich in einem Integrationstraining: die deutsche Kundin und der orientalische Händler, was können wir voneinander lernen? Das „Grüß Gott!“ geht dem muslimischen jungen Mann wie selbstverständlich über die Lippen, wenn neue Kundschaft eintritt.   

Eine Frau um die 70, weiße Leggings, weiße Bluse, rote Schuhe, hat sich aus den Obstkisten vor der Tür ein besonders schönes Exemplar der Zitronen ausgesucht. „Heute mal kein Großeinkauf“, kommentiert sie sich selbst, als wollte sie den Umstand entschuldigen, dass sie ihn wegen der einzelnen Frucht an die Kasse bitten muss.  „Das ist doch kein Problem“, sagt er im galanten Ton und nennt ihr den Preis, 35 Cent. „Haben Sie es auch klein?“

DIE NEUE „TANTE EMMA“ KOMMT AUS DEM ORIENT

Für die Bewohner im Neumarkt zeigt sich in Ansätzen etwas, was an das Stadtbild längst vergangener Zeiten erinnert. Plötzlich gibt es wie der den Einzelhändler um die Ecke, bei dem sich  die Rentnerin schnell eine Banane kaufen kann;  einen Zuckerwarenverkäufer im Viertel, bei  dem sich der Student Samstagabend in letzter  Minute Blätterteigtaschen fürs Sonntagsfrühstück holen kann; einen Schneider im Stadtteil, der sich eines losen Knopfes annimmt, ein zerrissenes Hemd wieder flickt. Es sind die Neubürger, die zugewanderten Flüchtlinge, die solche neuen Infrakstrukturen wachsen lassen.

Der nächste Kunde ist ein Auslandsstudent, ebenfalls ein orientalischer Typ. Ein Landsmann des Inhabers ist er nicht, denn sie unterhalten sich auf Deutsch. Er möchte „etwas Süßes, aber nicht zu süß, etwas Knuspriges“. Er schaut sich ratlos um. „Das hier sind unsere meistgekauften Kekse“, greift Ahdmadzai eine Packung aus dem mittleren Regal. Der junge Mann zeigt sich zufrieden und fährt fort: „Dazu vielleicht noch etwas Weiches.“ „Ich verstehe, was Du meinst“, antwortet Ahdmadzai als könne er Gedanken lesen und führt ihn zu seinem Sortiment mit getrockneten Maulbeeren und Pflaumen.

Der Reporter stellt sich diese Szene in einem Discounter vor. Man würde einer Angestellten, die vielleicht gerade im Gang die Regale einräumt, mit der Bitte belegen: „Ich hätte heute Lust auf etwas Süßes, aber nicht zu süß; etwas Knuspriges und etwas Weiches sollte es sein. Was könnten Sie mir denn empfehlen?“ Die Verkäuferin würde ihm wahrscheinlich innerlich den Vogel zeigen, ihn nicht ernstnehmen. Danach gefragt, wie seine Kundschaft sich aufteile, antwortet der junge Afghane „Einheimische und Landsleute je zur Hälfte“. Nach drei Monaten ist er davon überzeugt, dass sein Ladenkonzept funktioniert, ja ausbaufähig ist. Er zeigt auf die leere Kühltheke im hinteren Raum, die mit den beschädigten Wangen. Hier werde er bald frisches Fleisch anbieten.

Den Zusatz „natürlich kein Schweinefleisch“ kann er sich nicht verkneifen. Für den Reporter ist es ein merkwürdiges Gefühl in diesem Raum zu stehen. Es ist der Laden seiner Kindheit, hier hatten seine Eltern eine Bäckerei. Jetzt ist es ein vertrauter Ort mit fremdartigen Lebensmitteln. Weiches Fladenbrot statt knusprige Brezen, Würfel aus Sesambrei statt Nussecken, roter indischer Kürbissaft in Kunststoffflaschen statt Caprisonne, das gezuckerte Orangengetränk aus der Tüte. Dieser Laden ist eine Mischung aus „Tante Emma-Laden“, Ahmadzai kennt übrigens den Begriff, und neuem „Unverpackt-Laden“, sein Angebot eine Mischung aus Orient und Wochenmarkt. Ingwerknollen so groß wie Handflächen, rotbackige Äpfel, leuchtend grüne Limetten. „Jetzt brauchst du nicht immer bis zum Supermarkt gehen“, sagt der Reporter später zu seiner 87-jährigen Mutter. Von der Zahnpasta bis zu den Zwiebeln hat sie jetzt alles wieder vor der Haustüre.

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Süßes vom Syrer.Rechtsanwalt Kamal Saba Allil, 52, begann ein neues Leben als Konditoreiwarenhändler. (Foto: Tobias Köhler)
Ein weiterer orientalischer Laden befindet sich fast in Sichtweite entfernt, am unteren Ende des Bratfischwinkels, gegenüber in der Frauengasse.  Es ist ein winziger Gewölberaum, der für den schwierigen Neuanfang einer wahrscheinlich einst wohlhabenden syrischen Familie steht; er Anwalt, sie Ärztin, drei Kinder im Ausbildungsalter; das Schicksal der Eltern, beruflich zurück geworfen zu sein auf die Stunde Null. Der 52-jährige Rechtsanwalt Kamal Saba Allil aus der syrischen Hafenstadt Latakia hat sich vor vier Jahren mit seinem ältesten Sohn auf den Weg übers Meer gemacht. Der 22-Jährige Hicham erinnert sich: „Nach sieben Tagen hat uns die Besatzung eines Frachters an Bord genommen.“ Sie waren 450 Flüchtlinge in einem 23 Meter langen, hölzernen Fischerboot. Heute steht Hicham hinter der Ladentheke. In gläsernen Vitrinen türmen sich Pyramiden von knusprig braunen Hörnchen und Blätterteigtaschen, gefüllt mit Walnüssen und Mandeln, bestreut mit grünen Pistaziensplittern.

„Syrische Süßigkeiten“ steht auf dem lila Werbeschild. Das Angebot sei ähnlich dem Naschwerk in der Türkei. „Nur mit weniger Zuckerwasser“, preist der Junior die Ware an.  Sein Vater betreibt das in der Fußgängerzone etwas abgelegene Geschäft seit fast einem Jahr. Es ist werktags von 9 bis 20 Uhr geöffnet. Hicham erzählt, er sei heute ausnahmsweise wegen eines Notfalls eingesprungen. Der Vater musste überraschend die Mutter ins Krankenhaus begleiten. Sein Arbeitgeber habe ihm sofort frei gegeben. Hicham lässt sich bei einem großen Softwarehaus, das offenbar auch auf Migranten setzt, zum Fachinformatiker ausbilden. „Wir sind jetzt sieben Syrer und Afghanen.“ Für seine Eltern sind die größten Herausforderungen die Deutschkurse, wieder die Schulbank drücken zu müssen, aber mehr noch, das Leben umzukrempeln.

Für den Vater ist sein syrisches Rechtswissen ein totes Kapital; er entdeckte seine Leidenschaft fürs Kochen und verdingt sich nun eben als Süßwarenhändler. Die Mutter, eine Zahnärztin, kann ihren Beruf nicht mehr ausüben. Für die deutsche Zulassung sind die Hürden zu hoch. Die Kurse und Gebühren würden sich auf einen mittleren fünfstelligen Betrag summieren. Für sie ist es wahrscheinlich am schwierigsten, eine neue Erfüllung außerhalb ihres bisherigen Berufes zu finden. Sie werde nach dem Sprachkurs im Laden mithelfen, wird später ihr Mann berichten. Der neue syrische Schneider im Neumarkt ist im Gegensatz zum afghanischen Lebensmittelhändler ein eher zurückhaltender, schweigsamer Mann.

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Lässig mit Flipflops. „Bei uns stellt man als Einladung einen Stuhl vor den Laden“, erklärt Schneider Badawi. Das kommt jedenfalls sympathischer als Werbeaufsteller, die nur im Weg stehen. (Foto: Tobias Köhler)
Er heißt Hussam Badawi, muss eine Frau und drei Kindern im Alter von 13 bis 15 Jahren ernähren. Verständigungsprobleme überspielt er mit einem Lächeln. Er stammt aus Damaskus, wo er sein Handwerk in einer Großschneiderei gelernt hat.  Bei ihm kann man lernen: Ein guter Neuanfang beginnt mit Improvisation und Bescheidenheit. Mit Zehenschuhen und blau- weiß-schwarz kariertem Hemd, ein knallblaues Maßband umgehängt, steht der 42-Jährige im Oberen Sand am Bügelbrett und plättet Wäsche. Der Fotograf bittet ihn, sich für ein Foto an die Nähmaschine zu setzen. Keine deutsche „Singer“, ein günstiges chinesisches Modell. Ein altes Kofferradio steht im Regal, ein Heizlüfter in der Ecke; die Vorhangstange für die Umkleide ist montiert, der Vorhang fehlt noch.

 „Die Aufträge dürften etwas mehr sein“, deutet Badawi an. Ein Dutzend Kleidungsstücke hängen abholbereit an einem rollbaren Kleiderständer. In diesem Moment kommt Fabian, ein 26-jähriger Staatswissenschaftsstudent, mit einer großen Tüte herein. Er zieht einen Stoff nach dem anderen heraus: ein Hemd, das er sich am Ellbogen zerrissen hat; Bettwäsche, an der Knöpfe fehlen, ein aufgerissener Saum. „Kann man das noch reparieren, wissen Sie was es kostet?“ „Schreiben Sie mir Ihre Telefonnummer auf, dann ruf ich sie vorher an“, sagt der Schneider und holt einen Notizblock. Badawi ist Anfang 2016 als Flüchtling über Griechenland gekommen. Drei Monate Asyl- bewerberheim in Landshut, dann Passau. „Das Integrationsteam im Passauer Rathaus hat mir sehr geholfen“, lobt er. Bei der Wohnungssuche, auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Vor einem Jahr durfte er seine Familie nachholen.  Seine zwei Söhne besuchen das Gymnasium in Fürstenzell, haben zusätzliche Deutschkurse am Nachmittag.

„Die Sprache ist wichtig, das ist meiner Familie bewusst“, sagt der Syrer. Seine Frau konzentriere sich derzeit auch auf ihren Deutschkurs. Zum Schluss stellt Baldawi dem Reporter eine Frage: Ob es denn tatsächlich so sei, dass der Schneiderberuf in diesem Land ein reiner Frauenberuf ist? Es fallen ihm in Passau nur Frauen ein: Die Schneiderin in der Theresienstraße, die irgendwann in den Ruhestand gehen will, die Schneiderin am Kleinen Exerzierplatz, die sich neu orientiert hat, die Schneiderin im Unteren Sand, die nach 23 Jahren aus gesundheitlichen Gründen im Juli aufgehört hat.  Die neuen Händler und Handwerker im Neumarkt erleben offenbar wohlwollenden Zuspruch. „Wir haben sie zum Gassentreffen ein- geladen, sie gehören selbstverständlich dazu“, sagt Elisabeth Salwiczek, die neue Leiterin vom „Citymarketing Passau“, dem Verein der Geschäftleute. 

„SIE ZAHLEN DOCH SOWIESO KEINE STEUERN!“

Zynische Bemerkungen und Anfeindungen sind selten, aber es gibt sie natürlich. Denn die Falschnachrichten über Flüchtlinge im Netz zeigen bei bestimmten Bürgern ihre Wirkung. Der Afghane vom Bratfischwinkel erzählt von einem solchen Fall. Als eine Kundin an der Kasse beobachtete, dass er sich den Warenausgang auf einen Zettel notiert, erhielt er die spitze Bemerkung: „Warum machen Sie das eigentlich?  Sie zahlen doch sowieso keine Steuern!“ Anfangs habe er gedacht, sie meine es scherzhaft, aber auf Nachfrage stellte sich heraus, sie meinte es bitterernst. „Die glaubte tatsächlich, dass ich als Flüchtling 2000 Euro einfach so auf die Hand bekomme“, sagt Ahmadzai. Er ist ein gewandter Redner, gibt sich Mühe, Vorurteile auszuräumen.

Aber manchmal stößt selbst er an seine Grenzen. Vor der Tür des Schneiderbetriebs, eine Zigarette rauchend, hat Jodat, ein 23-jähriger Landsmann, das Gespräch mit dem Reporter verfolgt.  Er bietet sich als Dolmetscher an, stammt ebenfalls aus Damaskus. „Für unsere Eltern ist es viel schwieriger, eine neue Sprache zu erlernen“, gibt er zu Bedenken. Er selbst habe nach dem Abschluss seiner Sprachqualifikation ein klares Ziel vor Augen: Er will sich eine Ausbildung als Zahntechniker suchen.

Hoch motiviert sind diese Neubürger anscheinend alle. Allil, der syrische Süßwarenhändler, will sich vergrößern, eine bessere Geschäftslage finden. Er verhandelt gerade mit dem Einkaufszentrum am ZOB. Badawi, der Schneider, setzt auf Mundpropaganda und die sozialen Netzwerke. Über Facebook habe er schon 400 Kontakte gesammelt, berichtet er stolz. An einer eigenen Netzseite werde gearbeitet.  Der Tante-Emma-Laden-Mann schaut hinüber zum leerstehenden Laden auf der anderen Gassenseite. „Dort drüben wäre Platz, Obst, Fleisch und Gemüse auszulagern“, denkt er laut über Expansion nach. Denn in seinem Gewölbe wird es langsam eng.  Orientalische Kaufleute wie er bauen sich abseits der etablierten Großhändler eigene Lieferantennetzwerke auf, kalkulieren ohne Vorgabe ihre Preise. „Meine Lieferanten sitzen in Salzburg und Wien, in München und Hamburg“, berichtet er auf Nachfrage.

„BITTE OHNE PLASTIK, WIR WOLLEN DIE WELT RETTEN!“

Gewöhnungsbedürftig ist die Dekoration der neuen Händler. Es ist oft bunt, blinkt und wirkt für unseren Geschmack eher billig und kitschig. „Auch über diese Befindlichkeiten muss man offen reden“, sagt Ahmadzai. Das „Unverpackt“-Regal mit den Plexiglasbehältern und Klappen haben Freunde ihm in Heimarbeit gebastelt. Man sieht das, denn manche Scharniere sind locker und die Klappen ungenau gesägt.  „Ich weiß, das muss perfekter werden“, sagte er verständnisvoll. Die Kontrolleure vom Rathaus hätten es auch schon reklamiert.

„Die Umwelt ist uns wichtig“, steht auf Ahmadzais Visitenkarte. Sie zeigt schützende Hände über dem blauen Planeten. „Am liebsten wären mir Kunden, die zum Abfüllen selbst ihre Behälter mitbringen“, sagt er. Der Reporter wird zufällig Zeuge des Telefonats einer Warenbestellung, das den Anspruch des jungen Afghanen belegt. „... und Kardamon, gemahlen und ungemahlen, je zehn Kilo. ...Ja bitte, die ohne Plastik Verpackten wären mir lieber. Wir wollen doch die Welt retten!“  „Wenn wir so weitermachen wie bisher, dann werden die nächsten Generationen unser Leben nicht führen können“, ist er sich sicher. Deshalb möchte er etwas bewegen, in die Politik gehen. „Das Konservative gefällt mir nicht“, sagt er. Und: „Wer Bayern konservativ nennt, der kennt Afghanistan nicht. Konservativer geht es nicht“. Nach seiner Ankunft vor fünf Jahren in Deutschland hatte er in Aachen das Abitur nachgeholt. Ursprünglich sei er nach Passau gekommen, um Politikwissenschaften zu studieren.

Dann kam etwas dazwischen und er entdeckte die Freude am Kaufmannsleben. Klar, auch in seinem Laden gibt es viele Produkte mit Plastikverpackungen, darum kommen auch die Bio-Supermärkte nicht herum. Aber er hat für seinen Laden weitere Ideen: Offene Oliven, damit man sie vorher probieren kann. „Die Anregung kam von einer Kundin.“ Der „orientalische Laden“ im Bratfischwinkel erinnert die ältere Generation an die verlorene Vielfalt in diesem Straßenviertel. Da gab es im  unteren Teil einen Obst- und Gemüseladen;  gegenüber einen Gemischtwarenladen mit Kaffeerösterei, letztere wird noch betrieben; einen Eisenwarenhändler, der Schrauben und Nägel  für jeden Bedarf, sortiert nach Größen in hunderten Schachteln offen anbot; eine Bürstenhändlerin, die vom Dachshaarrasierpinsel bis  zum Rosshaarbesen alle Arten von Borsten im  Sortiment hatte; um die Ecke in der Großen  Klingergasse hatte die Mutter des Fotokünstlers  Rudolf Klaffenböck ihren Lebensmittelladen, wo die Kunden frische Milch in mitgebrachte Blechkannen abzapften; schräg gegenüber bot ein Wildhändler frisches Kaninchen- und Rehfleisch an.

Ein Hauch von Orient
Wahrscheinlich haben die Älteren mit derselben Neugierde, mit denselben Vorbehalten die Entwicklung beobachtet, als sich die ersten Italiener mit Restaurants und Eisdielen niederließen, der erste Chinese, die erste Dönerbude eröffnete. Heute wie damals grenzten einige wenige mit garstigen Vorurteilen und rufschädigenden Lügen die Neuen aus. Doch bald wurden diese als Bereichung erlebt und waren aus dem Stadtleben nicht mehr wegzudenken. „Integration funktioniert nur von Angesicht zu Angesicht“, sagt Ahmadzai, der wortgewandte Afghane. Jeder Passauer hat jetzt die Chance, daran mitzuwirken. Mit einem Besuch bei Ahmadzai, Allil und Badawi - oder wie sie alle heißen.  

Beitrag erschien in Magazin Nr. 119/ Oktober 2018

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23. August 2019
 
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