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Hintergrund | Mittwoch, 15. Februar 17

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Die Gerchgroup wirbt für ihr "Peschl-Quartier". (Foto: mediendenk)
Alleingang mit Bauspekulant

Peschl-Areal: OB Duppers Desaster?

Der Passauer Oberbürgermeister greift im Alleingang einem Düsseldorfer Projektentwickler unter die Arme, der auf dem ehemaligen Peschl-Brauereiareal südwestlich vom Hauptbahnhof mehrere Wohntürme errichten will. Das Bauvolumen sprengt jeden vernüftigen Rahmen. Warum das Stadtoberhaupt die Bedenken seiner wichtigsten Berater, ja selbst die Warnungen seiner Verwaltungsbeamten ignoriert, gibt vielen Stadträten Rätsel auf.

Der Investor bekennt, dass ihm nicht an der Stadtentwicklung, sondern der schnellen Vermarktung gelegen sei. Die "Gerchgroup" hat das Gelände der ehemaligen Peschlbrauerei teuer gekauft, will dort fünf- bis sechs Stockwerk hohe Blöcke mit mehr als 450 Wohneinheiten hochziehen. Mit 250 Wohneinheiten hatten die Planungsgespräche begonnen, 350 werden von den Fachleuten als Obergrenze betrachtet. Sicher ist: Die "Gerchgroup" wird das Objekt spätestens nach Bauabschluss, vielleicht schon mit der Baureife abstoßen, verkaufen.

Beton-Ghetto statt schöner Wohnen
Die dichte Bebauung lässt die Betrachter der Modelle befürchten, dass hier anstelle ansprechender Architektur ein abstoßendes Wohnghetto entsteht. Markante Bestandteile der 1259 gegründeten Peschl-Brauerei, gelistet unter den 100 ältesten deutschen Unternehmen, betrachten Historiker und geschichtsbewusste Bürger als erhaltenswert für die Nachwelt; beispielsweise das Pförtner- und Kutscherhäuschen, der alte Kastanienbiergarten. Nur für Letzteren scheint Rettung in Sicht, weil es Stadträten gelungen ist, seinen Rang als Naturdenkmal durchzusetzen. Das Interesse der "Gerchgroup", auf dem Gelände Geschichte zu bewahren: offenbar null.

Gestaltungsbeirat boykottiert

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Gerchgroup-Geschäftsführer Mathias Düsterdick leitet die Verhandlungen in Passau persönlich. (PR-Foto: Gerchgroup)
Es ist zum Eklat gekommen. Die "Gerchgroup", ihre verantwortlichen Inhaber heißen Mathias Düsterdick und Christoph Hüttemann, boykottierte ein Gremium, das vom Rathaus installiert worden ist, um die Stadtentwicklung einer der schönsten Städte Deutschlands fachkundig und beratend zu begleiten: der Passauer Gestaltungsbeirat. Er besteht aus den Architekten Klaus Leitner ("Laskahof", Linz), Wolfgang Fischer (FH Würzburg) und Peter Haimerl (Konzerthaus "Blaibach"). Dass die Investoren einem Termin mit dem Gestaltungsbeirat fernblieben, war das eine. Dass der Oberbürgermeister diese Brüskierung indirekt förderte, war die schlimmere Ohrfeige für dieses Beratergremium und all diejenigen, welche dessen Arbeit für gut befunden hatten. Dupper ließ die Vertreter der „Gerchgroup“ in einer nicht-öffentlicher Stadtratssitzung auftreten, um deren Wunsch Genüge zu tun: fortan keine Gespräch mehr mit dem Gestaltungsbeirat, ausschließlich mit der Politik und der Verwaltung. Bei dieser geheimen Sitzung wurden die Weichen für die Bauleitplanung gestellt, die nach Duppers Wunsch und ganz im Sinne der "Gerchgroup" alsbald vollzogen werden soll.

"Vertrauen erschüttert"
Am 10. Februar haben sich die drei Vertreter des Gestaltungsbeirates mit einem Brief an den Oberbürgermeister und alle Fraktionsführer gewandt. „Das gegenseitige Vertrauen zur Zusammenarbeit im Interesse von Passau ist erschüttert“, heißt es dort unmissverständlich. Man sei "verwundert über die Vorgangsweise", "wohl überlegte Einwände gegen das Projekt" seien "vom Tisch gewischt" worden.

Zweitgrößtes Projekt nach ECE

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Das Areal der ehemaligen Peschlbrauerei südwestlich vom Hauptbahnhof. Hier sollen Wohnblöcke dicht an dicht entstehen. (Foto: mediendenk)
Das Projekt "Peschl-Quartier" liegt zwar nicht im Herzen der Stadt, aber es würde weithin sichtbar das Stadtbild prägen. Es ist, gemessen an der Investitionssumme von 90 Millionen Euro, das zweitgrößte Buavorhaben nach dem ECE-Center ("Stadtgalerie",130 Millionen Euro), entspricht dem Dreifachen des neuen Stadtteilgebietes „Innviertel“ von Baulöwe Kapfinger in der Innstadt (30 Millionen).

Die Stadt sitze am längeren Hebel. „Warum diese Unterwürfigkeit?“, wundert sich ein Stadtrat. Die „Gerchgroup“ hat das Grundstück angeblich überteuert, jenseits des Bodenrichtwerts, also wahrscheinlich für weit über 7,5 Millionen Euro gekauft; sie sei zur Verwertung gezwungen, könne es nicht ohne Verlust abstoßen, müsste also Vorgaben der Stadt notgedrungen hinnehmen.

Selbst Stadträte, die dem Oberbürgermeister bei diesem Projekt loyal zur Seite standen, äußern sich jetzt irritiert. Mit einer Einleitung der Bauleitplanung unter Akzeptanz der vorgestellten Pläne habe er nicht gerechnet, schreibt ein Vertreter der „Freien Wählergemeinschaft“. Denn der Gestaltungsbeirat habe die „zu massive Bebauung und die mangelhafte Einfügung in die Umgebung“ kritisiert, er teile die Bedenken wegen der Dichte der Bebauung.

Die Vertreter der „Gerchgroup“ wollen jetzt – am Gestaltungsbeirat vorbei – die einzelnen Fraktionen besuchen und für Zustimmung werben.

***

Was treibt ein Stadtoberhaupt an, zum Speichellecker von Investoren zu werden, die der Stadt die Zunge strecken? Es ist bekannt, dass die Pressestelle des Rathauses zurzeit alle Projekte rühmt, welche die Einwohnerzahl mehren und Wohnraum schaffen. Neue Wohnungen sind zweifellos für die Stadtentwicklung wichtig, aber wäre nicht Augenmaß angebracht: Qualität statt Quantität? Sonst könnte es uns mit den Wohnflächen ergehen wie seit fast einem Jahrzehnt bei den Gewerbeflächen: Missstand durch Überfluss, Geisterhäuser wie das Nibelungen- und Donau-Center, Leerstand durch Spekulanten wie in der Fußgängerzone. Oberbürgermeister Dupper läuft Gefahr, in die Fußstapfen seines CSU-Vorgängers Albert Zankl zu treten, der ähnlich die Hamburger ECE (Alexander Otto, "Stadtgalerie") in der Neuen Mitte hofierte.

Warum muss sich die Gerchgroup nicht einem städtebaulichen Wettbewerb unterwerfen wie in Hamburg? Dort entwickelt sie gerade das 8,6 Hektar große Gelände der ehemaligen Holstenbrauerei im Stadtteil Altona. Zwölf Architekturbüros aus Deutschland, Norwegen und Dänemark wettstreiten um den Siegerentwurf. Ein Bürgerarbeitskreis war vorangegangen, der laut Gerchgroup-Mann Düsterdick seinen Fokus „auf Synergien zwischen der Historie und dem neuen Quartier“ legte. Geschichtsbewusstsein wird offenbar auf dem Holsten-Gelände (gegründet 1879) gepflegt, aber bei Peschl (gegründet 1229) pfeift man darauf. In Passau ist die Meinung der Bürger nicht gefragt, selbst das Mitspracherecht eines Expertengremiums wird ausgehebelt. Hamburg zeigt Haltung, Passau gibt den Provinzdeppen. 

hud

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