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Nachrichten >> Sonntag, 23. November 08

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Helmuth Rücker: Der Lehrer des Lokaljournalismus und Leiter der PNP-Stadtredaktion sitzt auf einem Schleuderstuhl.
PNP-Lokalchef Rücker

Vom Lehrer zum Prügelknaben

Ein leitender Redakteur der Passauer Neue Presse (PNP), der auch als Lehrbeauftragter an der Uni wirkt, soll abgesägt werden.  Viele reden darüber, aber keiner traut sich darüber zu schreiben. Hier ein Versuch.

Das schriftliche Hausverbot gab´s zur fristlosen Kündigung gleich mit. Auf knallhartem Wege wurde ich einst als Chefredakteur im Unternehmen der Verlegerfamilie Diekmann („Passauer Neue Presse“, „Am Sonntag“, „Unser Radio“, „Passauer Wochenblatt“) gefeuert. Ich hatte mich geweigert, freiwillig hinzuwerfen und trotzig mein Büro besetzt. Ich erinnere mich noch gut, wie ein Redakteurslehrling mir helfen musste, flugs den Schreibtisch zu räumen. Weigerung meinerseits zwecklos, man hätte wohl die Polizei wegen Hausfriedensbruch geholt.

Sieben Jahre später wird gegen einen Kollegen im Haus der PNP nicht ganz so drastisch vorgegangen, aber das Ziel ist dasselbe: Helmuth Rücker soll als Leiter der Passauer Stadtredaktion abdanken. Diese Gerüchte rauschen noch nicht im Blätterwald, aber in den Schaltzentralen zwischen Rathaus und Redaktionen. Denn die Wortführer der Presse sind in einer Provinzstadt so bedeutend wie die Leithammel in der Politik.

Wir sind Weggefährten. Redakteur Rücker erklärte mir, dem kleinen Volontär, die Funktion der Kaffeemaschine und die Bedeutung der Glosse. In 30 Jahren diente sich der Bayerwäldler hoch zum Chef der Stadtredaktion.

Ein Kämpfer der alten Garde, für den die innere Pressefreiheit noch als hohes Gut zählt. Ein Vollblutjournalist, der lieber auf der harten Pressebank im Rathaus sitzt als im weichen Bürosessel; der mit spitzer Feder schreibt und natürlich auch mal daneben sticht. Ein dünnhäutiges, ehemaliges Stadtoberhaupt piekte er genauso gern wie ich.

Was Lehre im Lokaljournalismus anbelangt, steht Helmuth Rücker in Passau in vorderster Reihe: Er engagiert sich seit 20 Jahren in der Fortbildung, übernahm 2005 die Geschäftsführung des Instituts für Journalistenausbildung an der Universität Passau und vermittelt als Lehrbeauftragter den Hochschülern der Medienkommunikation „Journalismus hautnah“.

Es ist fast absurd: Rücker, der Lehrer des Lokaljournalismus, wird plötzlich zum Prügelknaben. Hat er schlechte Arbeit geleistet?

Der Druck kommt von ganz oben und dort sitzt Simone Tucci-Diekmann. Die junge Verlegerin hat kein leichtes Erbe angetreten. Immer weniger Leser halten ihrer Tageszeitung die Treue. Die Abo-Zahlen der PNP  für Stadt und Landkreis Passau entwickeln sich höchst unerfreulich. Im dritten Quartal 2006 waren es noch 28.139 Abonnenten, im Vorjahr 27.867 und heuer nur noch 27.528 – jedes Jahr rund 300 Stammleser verloren. Die unbestechliche Quelle nennt sich „Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e.V.(ivw).

Die tausenden Studenten greifen lieber zu Blättern, in denen kritischere Töne und komplexere Themen vorherrschen, wie „Süddeutsche“ oder „Die Zeit“. Den größten Feind für das Mutterschiff PNP hat das Verlagshaus aber selbst zu Wasser gelassen: die AS, das Gratisblatt "Am Sonntag". Schlagzeilen für lokalen Gesprächsstoff und Partyfotos für die Eitelkeit werden hier im Überfluss serviert. Wozu ein Abo kaufen,wenn man hier in groben Zügen das Stadtgeschehen vom Polit- bis zum Sexskandal kostenlos erfahren kann?

Die PNP, so sagen Beobachter, habe im Lokalen ihre Vorreiterrolle verloren; sie treffe weniger den Nerv der Bürger als ihre Boulevardtochter. Die Zeichen stehen schon seit Wochen auf Sturm. Denn ein alter Hase wurde verpflichtet, der alten Dame auf die Sprünge zu helfen: PNP-Ex-Chefredakteur Rudolf Kollböck (64).

Zwölf Jahre stand der smarte, ehemalige Lokalchef der Münchner Abendzeitung, an der Spitze der "Passauer Neuen Presse" und verschaffte sich einen klugen Abgang. Er wechselte zur Geschäftsführung der verlagseigenen „Astrowoche“, gründete die Mondhaus Medien GmbH mit Sitz in Schärding. Sein Unternehmen belässt es laut Internetseite schon lange nicht mehr beim Sternedeuten: „Kommunikation ist einfach - wir optimieren und relaunchen Print- und Internet-Medien“.

Kollböck pendelt nun von Schärding ins Medienzentrum nach Sperrwies als Redaktionsberater. Mit allen tonangebenden Lokalredakteuren des Verbreitungsgebietes hat er gesprochen, nur mit Helmuth Rücker, dem Lokalchef der Stadtausgabe, nicht. Es sieht nach Verlagstaktik aus: Wer übergangen wird, geht vielleicht freiwillig.

Als ich Helmuth, wir sind per Du, anrufe, weicht er geschickt meinen Fragen aus. Er spielt den Überraschten: „Wer sagt denn so was?“. Aber er widerspricht nicht, weil Journalisten nichts mehr hassen als die Lüge. Ich spüre, wie gelähmt er ist. Ein Freund, so weiß ich, hat ihm zu einem guten Anwalt geraten. Er soll geantwortet haben: „Ich werde darüber schlafen“.

Nach 30 Jahren einen vielleicht unbequemen, aber rechtschaffenen Lokaljournalisten zu opfern, bringt einer Zeitung bestimmt keinen kreativen Schub, aber die Kollegen noch mehr ins Schwitzen.
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