Google-Anzeigen

Nachrichten | Montag, 18. Juli 11

bild_klein_0000005195.jpg
Bahnsteig Waldkirchen: Umsteigen vom Regio-Shuttle zum Schienenbus. (Photo: Roll)
Der Bürgerbonus

Ilztalbahn fahren ist ein schönes Gefühl

Passau – Überhitzte Motoren, ein umgestürzter Baum, ein Güterzug, der die Ausfahrt blockiert – die Ilztalbahn hatte am Eröffnungswochenende mit allen Schikanen zu kämpfen. Geärgert hat sich darüber von den Fahrgästen offenbar keiner. Im Gegenteil. Jeder stieg aus mit einer unglaublichen Begeisterung.

Die Landschaftsreise durchs Ilztal muss süchtig machen. „Ich fahre heute das zweite Mal, es ist wirklich fantastisch“, schwärmte ein gestandenes Mannsbild. Er ist kein Tourist, er ist ein unmittelbarer Anwohner der Bahn, ein Tiefenbacher.

Es war die Freude an der Entschleunigung, die Lust, einmal ohne Auto vergessenen Fleckchen der Heimat wiederzuentdecken: die wunderschöne Liegewiese am Ilzufer, das gemütliche Wirtshaus direkt an der Bahn, die Abzweigung zu einem unbekannten Wanderweg. Auf immer breiteren und schnelleren Straßen jagt man heutzutage daran vorbei. Die Ilztalbahn zeigt uns, was wir verpassen. Vermutlich deshalb waren ebenso viele Einheimische wie Urlauber in den grüngelben Triebwagen und roten Schienenbussen unterwegs.

„Wir sind doch in der Freizeit, da kenne ich keinen Stress“, antwortet ein Familienvater an der Haltestelle Fischhaus dem Reporter auf die Frage, ob er nun enttäuscht sei. Der Zug Richtung Passau ist laut Fahrplan seit mehr als einer Stunde überfällig und jetzt ziehen auch noch Regenwolken auf. Mit Frau und Sohn ist er aus dem benachbarten Ruderting gekommen. „Nächstes Wochenende werden wir einen neuen Versuch starten“, sagt er. Seine Ehefrau schwelgt in Erinnerungen, von diesem Bahnhof aus sei sie immer in die Schule nach Passau gefahren. Und der zwei Kilometer weite Weg den Berg hinauf nach Ruderting? Es gab einen Zubringerbus, aber auch sportlich zu Fuß war das kein Problem.

Was keiner der verhinderten Reisewilligen am Bahnhof Fischhaus ahnen konnte: Die Dieselmaschinen der Ilztalbahn hatten sich am Sonntagnachmittag auf freier Strecke zwischen Waldkirchen und Röhrnbach vom Dauerbetrieb eine Zwangspause gegönnt. Es löste sich die automatische Abschaltung gegen Überhitzung aus.

15 Tonnen Passagiere, 400 Höhenmeter

Die insgesamt 2.000 PS starken Motoren waren nicht allein von der Steigung strapaziert, es werden 400 Höhenmeter überwunden, auch durch die vielen Fahrgäste. Die Abteile waren oft brechend voll, bei 230 Plätzen summiert sich  das schnell auf ein Gewicht von 15 Tonnen an Passagieren.

Am Eröffnungswochenende wurden weit über tausend Tickets verkauft. Es dürfte die Erwartungen der Betreiber und Förderer der Ilztalbahn sprengen. Offizielle Zahlen gibt es noch nicht.

Auf den seit fast 30 Jahren verwaisten Bahnhöfen wie Waldkirchen wimmelte es jedenfalls von Reisevolk. Natürlich sah das Umfeld manchmal auch alles andere als perfekt aus. Der provisorische Bahnhof in Fischhaus zum Beispiel besteht aus einer Bierbank, es fehlt ein Unterstand. Anzeigetafeln oder Ansagen über Verspätungen gibt es auf der gesamten Strecke nicht. Dazu muss man wissen: Die ehemaligen Bahnhöfe sind bis auf Waldkirchen alle verkauft worden, sie sind in privater Hand. So bleibt es beim sehnsüchtigen Blick ans Ende des Gleises: Kommt er schon oder kommt er noch nicht?

Ilztalbahn hat jetzt eine Hotline

Die Telefonnummer des Fahrdienstleiters, der im Bahnhof von Waldkirchen sitzt, war noch nicht bekannt: 08581 – 971118.  „Sie wird  auch außerhalb der Betriebszeiten automatisch weiter geschaltet und kann für alle Auskünfte und Bestellungen gewählt werden“, sagt Hermann Schoyerer, Vorsitzender vom Ilztalbahn-Förderverein.

Trotzdem:  Die Premierenfahrgäste schenkten gerne ihre Geduld, weil sie den Einsatz und Pioniergeist der Ilztalbahnleute bewundern. Die kleinen Pannen wurden zum Gesprächsstoff - und verkürzten die Wartezeiten. Gegner und Kritiker des Projekts sind erstmal verstummt. Die Sonntagszeitung, das fiel auf, brachte über die Eröffnung der Ilztalbahn keine einzige Zeile. Dieses Blatt war stets Plattform der kritischen Stimmen gewesen.

Die Menschen auf den Bahnsteigen waren sich einig, dass es der „größte Blödsinn“ gewesen wäre, dieses Gleis für einen Radweg zuzuschütten.„Wenn das Benzin fünf Euro der Liter kostet, werden wir uns freuen, dass wir wieder diesen Zug haben“, sagte einer. Und die Ilztalbahn mag auch Radfahrer: Für zwei Euro Zuschlag nimmt sie den Drahtesel mit. Der Slogan „Bergauf mit der Bahn, bergab mit dem Rad“ klingt attraktiv.

 „Das Wirtschaftsministerium reagiert zurückhaltend, weil es derzeit von keinem rentablen Konzept ausgeht“, erklärt Landwirtschaftsminister Helmut Brunner in der Heimatzeitung. Während CSU-Politiker sich noch in Skepsis üben, überlegen Bürger, wie diese faszinierende Bahn einfach sinnvoll genutzt werden kann. Die Jüngeren haben es schon begriffen: Die erste Passauer Schule hat die Ilztalbahn für ihren Wandertag im September gebucht. Mit dem Zug lässt sich auch das entferntere Ilztal entdecken.

Die Macht der Landräte

Ob diese Strecke künftig auch werktags wieder bedient wird, hängt nicht von den Betreibern der Ilztalbahn ab. Es genügt nicht die Nachfrage zu wecken, ausschlaggebend sind Planung und Politik. Die wichtigsten Köpfe sind zunächst die beiden Landräte von Passau und Freyung-Grafenau. Sie müssten die Ilztalbahn in ihren Nahverkehrskonzepten verankern und den Busunternehmen neue Aufgaben zuteilen – kurze Zubringerdienste statt langer Überlandfahrten. Die Betreiber der Buslinien sind davon natürlich nicht begeistert. Aber: Eine Bahnverbindung, so haben alle Erfahrungen gezeigt, zieht doppelte so viele Menschen an wie eine Busverbindung. „Bahnbonus“ nennt sich dieser nicht ganz erforschte Faktor, es geht um Komfort und Fahrgefühl.

Bei der Ilztalbahn kommt der Bürgerbonus hinzu: Bahnbegeisterte Bürger haben den Mitbürgern eine alte, neue Bahn geschenkt. Das ist mehr als bloß eine wiederbelebte Zugverbindung zwischen Passau und Freyung, das ist ein schönes Gefühl.

Beitrag im Bayerischen Fernsehen.

Investieren Sie in die freie Presse!

Ihnen hat dieser Artikel genützt oder gefallen? Sie möchten auch weiterhin die Passauer Online-Zeitung Bürgerblick, ein Angebot im Netzwerk der freien Presse, lesen? Dann unterstützen Sie uns, indem Sie für dieses Angebot nach eigenem Ermessen bezahlen. Jeder Cent zählt. Einfach und bequem per Paypal.

05:28
Freitag
16. November 2018
 
Bitte klicken Sie diese Förderer
und Freunde der freien Presse:

SOCIAL MEDIA

KULTURKALENDER
16.11. | Freitag
KLAVIERHAUS MORA
Podiumsdiskussion
 

Die Folgen der Globalisierung für das Musikerleben in Europa diskutieren Vertreter der Uni Passau und des Mozarteums Salzburg.


19:00 Uhr | 7 Euro, ermäßigt 4 Euro
OPERNHAUS
Arsen und Spitzenhäubchen
 
bild_klein_0000014628.jpg

Morbide Komödie von Joseph Kesselring (1902-1967) um unscheinbare Damen mit Geheimnis im Keller.


19:30 Uhr | ab 8 Euro
SCHARFRICHTERHAUS
Volkmar Staub
 
bild_klein_0000014636.jpg

Wortspielgeladenes, politisches Kabarett mit dem Schwarzwälder Jahrgang 1952.


20:00 Uhr | 22 Euro, ermäßigt 10 Euro

Google-Anzeigen