Google-Anzeigen

Meinung | Sonntag, 07. Oktober 18

bild_klein_0000014585.jpg
Frankenstein in Not. Die mörderischen Witwen halten sich ihren bösartigen Neffen mit Stricknadeln vom Leib.
Nachtkritik

25 Leichen und ein paar Lacher

Vielleicht hätte man die Pause bei dieser 160-Minuten-Krimikömodie etwas früher legen sollen. Der temporeiche kürzere zweite Teil versöhnte für den ersten, der etwas langatmig geraten ist. Bei „Arsen und Spitzenhäubchen“ sorgt schwarzer Humor seit fast acht Jahrzehnten für Lacher und Unterhaltung. Mit seiner Anzahl der Leichen toppt dieses Stück jeden Tatort.

bild_klein_0000014588.jpg
Mortimer wird zum Gefangenen von seinem Bruder Frankenstein und dessen Begleiter Dr. Einstein. (Fotos: Peter Litvai)
Die Schauspielheldinnen des Abends sind Antonia Reidel und Paula-Maria Kirschner. Sie spielen Abby und Martha Brewster, zwei alte Witwen, mordlüsterne Gutmenschen, die einsamen alten Männern das zufriedene Lächeln eines gnädigen Todes ins Gesicht zaubern wollen. Sie locken ihre Opfer – übertragen ins Heute - als Airbnb-Gastgeber an. Die Bettwäsche müssen sie nie wechseln, denn der Tod verbirgt sich im Begrüßungsgetränk: selbstgemachter Holunderwein vermischt mit Arsen, Strychnin und einer Prise Zyankali. Wie effektiv er wirkt, bekommt der Zuschauer nie zu Gesicht, denn potentielle oder versehentliche Opfer entgehen dem Giftmord durch überraschende Zwischenfälle in letzter Sekunde. Beim letzten Mordopfer, Nummer 25, dem Leiter der Irrenanstalt (Klemens Neuwirth) löscht sich das Licht.

1939 schrieb Joseph Kesselring (1902-1967) dieses Stück, das ihm als einziges Ruhm und Reichtum einbrachte. Es lief nach der Broadway-Premiere am 10. Januar 1941 dreieinhalb Jahre lang vor ausverkauften Häusern in New York und London. In der Hollywood-Verfilmung durch Frank Capra mit Cary Grant und Priscilla Lane wurde es 1944 zum Kinoklassiker des schwarzen Humors.

bild_klein_0000014583.jpg
Sie schenken alten, einsamen Männern einen gnädigen Tod: die Witwen Abby und Martha Brewster.
Als Kesselring sein Stück schrieb, war Frankenstein als Filmfigur längst geboren. Der Maskenbildner der Universal Studios, Jack Pierce, hatte Frankensteins Monster 1931 erschaffen. Der Frankenstein, der als bösartiger Neffe Jonathan Brewster auf die Bühne tritt, zwölf Leiche auf dem Kerbholz hat wie die Giftmörderinnen, ähnelt dem dem Original wie aus dem Gesicht geschnitten. Kompliment an die Maske! Großartig verkörpert und gespielt von Joachim Vollrath, der seine Oberlippe gefährlich zucken lässt. Im Schlepptau hat er seinen Pfuscher Dr. Einstein (Julian Ricker).

Das gutmütige Gegenstück in dieser gestörten Brewster-Familie ist der wahnsinnige Neffe Teddy, der glaubt, US-Präsident Franklin Roosevelt zu sein. Herrlich energiegeladen gespielt von Reinhard Peer, der mit Säbel und Trompete geschickt umzugehen weiß. Er schaufelt im Keller des Hauses seinen persönlichen Panamakanal, lässt darin bereitwillig die Leichen der Tanten verschwinden. Sie haben ihm weisgemacht, es seien Gelbfieberopfer. Als Bruder "Frankenstein" um ein zusätzliches Grab für sein Mordopfer begehrt, hängt der Haussegen schief.

bild_klein_0000014584.jpg
Erst die unheimlichen Dinge dieses Hauses regeln, dann die Hochzeit. Mortimer Brewster vertröstet seine Braut.
Im Haus der Leichen entfaltet sich eine Liebesgeschichte zwischen dem einzig normalen Bewohner, Theaterkritiker Mortimer Brewster, und einer Pfarrerstochter (Ella Schulz); im Chaos des Verbrechens droht ihre geplante Hochzeit zu scheitern.

Das Bühnenbild ist bestrickend. Strickmuster tragen Türen und Tapeten, Strickhüllen schützen Kaffeekanne und Zuckerdöschen, Stuhlbeine und Rehgeweih, nicht zuletzt den Deckel der Fenstertruhe, die als Zwischenlager der Leichen dient. Allein der giftige Holunderwein wird in einer Karaffe nackt wie die Unschuld serviert.

Vielleicht lag es an der von der Heizung erwärmten Theaterluft oder am Glas Rotwein auf nüchternen Magen vor der Vorstellung, dass viele Zuschauer beim Gang in die Pause das Gähnen nicht unterdrücken konnten. Beim komisch-makabren Finale jedenfalls waren sie wieder alle hellwach.

Fotos: Peter Litvai

Besetzung:
Antonia Reidel (Abby Brewster); Paula-Maria Kirschner (Martha Brewster); Reinhard Peer (Teddy Brewster); Julian Niedermeier (Mortimer Brewster); Joachim Vollrath (Jonathan Brewster); Julian Ricker (Dr. Einstein); Ella Schulz (Elaine Harper); Olaf Schürmann (Dr. Harper / Leutnant Rooney); Laura Puscheck (Brophy); Klemens Neuwirth (Mr. Gibbs / Mr. Witherspoon); Stefan Sieh (O'Hara)

Investieren Sie in die freie Presse!

Ihnen hat dieser Artikel genützt oder gefallen? Sie möchten auch weiterhin die Passauer Online-Zeitung Bürgerblick, ein Angebot im Netzwerk der freien Presse, lesen? Dann unterstützen Sie uns, indem Sie für dieses Angebot nach eigenem Ermessen bezahlen. Jeder Cent zählt. Einfach und bequem per Paypal.

17:32
Dienstag
16. Oktober 2018
 
Bitte klicken Sie diese Förderer
und Freunde der freien Presse:

SOCIAL MEDIA

KULTURKALENDER
16.10. | Dienstag
Keine Einträge

Google-Anzeigen