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Meinung | Sonntag, 17. November 19

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Der österreichische Kaiser (Reinhard Peer) und sein Hofstaat lauschen einer Mozartoper. (Foto: Peter Litvai)
Nachtkritik

Atemberaubender Amadeus

Es ist eine Theaterpremiere gewesen, nach der man sich wünschte, auch das Schauspielensemble hätte in Passau seinen Sitz. Dann wäre der Reisebus mit den Bühnenstars des Abends nicht um 22.25 Uhr gen Landshut abgefahren und man hätte mit ihnen im Foyer des Opernhauses feiern, sie mit einer tiefen Verbeugung verehren und beglückwünschen können. Ovationen wie sie Musikensemble und Orchester nach Opern- und Musicalpremieren oft erleben.

Es war ein grandioses Schauspiel! Es spielte in einem grandiosen Ambiente! Das Passauer Opernhaus, ein historisches Kleinod für Bühnenkunst, passte perfekt zu den gepuderten Gesichtern, Barockperücken und Reifröcken. Und überhaupt, diese geschichtliche Nähe: Als der sechsjährige Mozart in Passau vorspielte, der die Kunst geringschätzende Fürstbischof dessen Vater verärgerte, stand dieses Haus bereits als Ballhaus; zum heutigen Opernhaus umgebaut wurde es 20 Jahre später.

An diesem Samstagabend, 257 Jahre nach Mozarts Besuch, haben sich im Parkett und auf den Balkonen Frauen und Männer von den Stühlen erhoben, um stürmisch der Künstlertragödie "Amadeus" zu applaudieren. Mit Bravorufen und trampelnden Füßen holen sie die elf Schauspieler, allen voran Mozartdarsteller Julian Ricker und Jochen Decker, der in der Hauptrolle den kaiserlichen Hofkomponisten mimt, immer wieder an den Bühnenrand. Einmal, zweimal, dreimal, viermal, fünfmal. Sie schenken ihnen und den Mitwirkenden die Gewissheit: Eure Kunst ist uns wichtig und das Theater darf nicht sterben!

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Hofkomponist Antonio Salieri (Jochen Decker) versucht Mozarts Gemahlin Konstanze (Ell Schulz) zu verführen. Als Gegenleistung für den Ehebruch stellt er ihr in Aussicht, Mozart aus der Finanzklemme zu helfen. (Foto: Peter Litvai)
Natürlich schwingt an diesem hochemotionalen Abend die Solidarität des Publikums mit. Hatte doch Schauspieler Joachim Vollrath vor Beginn der Aufführung im Barockkostüm – er mimt den Wiener Opernhausdirektor - um Unterschriften gebeten für die Bittschrift, dass das stillgelegte Landshuter Stadttheater endlich saniert werde. Die Stadtväter dort zieren sich. Wie würdelos, ja beschämend ist es, die darstellende Kunst in ein Zirkuszelt zu verbannen, ohne ein Ende des Provisoriums in Aussicht zu stellen. Zum Verständnis: Das niederbayerische Landestheater ist ein Dreistädtetheater, in einem Zweckverband getragen von Passau, Landshut, Straubing und dem Bezirk.

Hier die armen Künstler, dort die geizigen Mächtigen. Das Stück zeigt unfreiwillig Parallelen. Wie Mozart seinerzeit, wohl aus Neid um sein Talent, eine angemessene Zuwendung versagt geblieben ist, so darbt das Landestheater gerade an der mangelnden Wertschätzung durch die Verantwortlichen der Kommunalpolitik.

Wie Neid den Menschen zerfrisst steht im Mittelpunkt der Tragödie. Der Wiener Hofkomponist Antonio Salieri lebt in den Diensten des Kaisers eigentlich sorgenfrei. Da fühlt er sich plötzlich von Gott verhöhnt, als dieser ihm das Genie Mozart vorsetzt und er sein Mittelmaß erkennt. Sein Zorn steigt ins Unermessliche. Dass er Mozart vergiftet habe, ist eine von der Wissenschaft widerlegt, aber eine bereits 1830 vom russischen Dichter Alexander Puschkin aufgegriffene Legende. Die Fiktion des britischen Dramaturgs Peter Shaffler, der 2016 im Alter von 90 Jahren starb, wurde 1984 verfilmt und mit den Tony Award ausgezeichnet.

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Wolfgang Amadeus Mozart (Julian Ricker) in seinem Totenbett. Sterbebegleiter ist der Neid zerfressene Rivale, Hofkomponist Salieri (Jochen Decker). (Foto: Peter Litvai)
Regiesseur Stefan Tilch zeigt Shaffers Mozart in vielen Facetten. Der verspielte und vulgäre lässt sich von seiner Geliebten (Ella Schulz) neckisch den nackten Hintern versohlen oder schlüpft anstößig unter deren Rock; der verarmte krümmt den Rücken wie ein Bettler; doch sobald sich Mozart ans Klavier setzt, wird er zum Gottgleichen, der mit seinen Noten die Menschheit in Liebe umfängt. Julian Ricker ist die Rolle auf den Leib geschneidert, denn vor seiner Schauspielkarriere pflegte er als Siebenjähriger sein musikalisches Talent beim Tölzer Knabenchor. Das Klavierspiel beherrscht er. Die Technik muss kein Playback einspielen, wenn Mozart sich an den weißen Flügel setzt und die Tasten tanzen lässt.

Notenblätter flattern zu Boden, das erkrankte Genie zuckt im Totenbett und diktiert in den letzten Atemzügen ein Requiem. Die Feder in die Tinte taucht der Mann, der in diesem Künstlerdrama gemäß der Verschwörungstheorie sein Giftmörder ist. Decker spielt in Hochform den Hin- und hergerissenen zwischen Erlösung und Leid.

Mozart starb mit 35. Seine unsterbliche Musik liefert die Untermalung zu diesem Theaterstück. Es lässt den Gottgeliebte zu den Klängen seines eigenen Requiems sterben. Ein Mozart, der doppelt unter die Haut geht.    

HJD

Diese bebilderte Nachtkritik entstand zwischen 23 und 1.30 Uhr.

Der Hinweis gilt inbesonderen den Finanzbeamten, die seit September Bürgerblick und seinen Herausgeber nach einer anonymen Anzeige bis hinein in die Privatsphäre seiner Wohngemeinschaft überprüfen. Sie stellten ernsthaft die Behauptung auf: Ein Theaterbesuch ist für den Journalisten ein "privater Kunstgenuss" und deshalb als Geschäftsausgabe nicht anrechenbar.   

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19:19
Freitag
06. Dezember 2019
 
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06.12. | Freitag
OPERNHAUS
Der Nikolaus im Opernhaus
 

Weihnachtliche Oper für Kinder ab vier Jahren. Es singen und spielen Mitwirkende des Landestheaters und die Niederbayerische Philharmonie.


17:00 Uhr | ab 6,50 Euro
NIKOLAKLOSTER
Evensong
 

Circa 40-minütiges ökumenisches Abendlob mit Musik in der Universitätskirche.


19:00 Uhr
SCHARFRICHTERHAUS
Michael Fitz
 
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Der Krimischauspieler tritt in seinem Soloprogramm mit Gitarre auf und erzählt von Gefühlen und vom Leben.


20:00 Uhr | 25 Euro, ermäßigt 12 Euro
ZAUBERBERG
Punk trifft Ska
 

Drei Bands aus den Bereichen Punk, Hardcore und Ska: "Los Fastidios" (Italien), "Bunker Chaos" (Regensburg) und die "Bavarian Wrecking Crew".


20:00 Uhr | 10 Euro
CAFÉ MUSEUM
Martin Großmann
 
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Der Schauspieler und Kabarettist mit einem Best-of seiner vergangenen Soloprogramme.


20:00 Uhr | 18 Euro, ermäßigt ab 5 Euro

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