Google-Anzeigen

Meinung | Donnerstag, 15. August 19

bild_klein_0000015817.jpg
Best Buddies: B-Moviestar Rick (Leonardo DiCaprio) und sein Stuntdouble Cliff (Brad Pitt). (Bild: Sony Entertainment)
Kino: Once Upon a Time in Hollywood

Die Letzten ihrer Art

Es war einmal in Hollywood... In seinem neunten Film ist Quentin Tarantino scheinbar auch räumlich da angekommen, wohin er stilistisch immer unterwegs war: im sonnigen Los Angeles der 1960er Jahre. Hier wird in Flugzeugen geraucht und jedes Auto ist mindestens vier Meter lang, am Straßenrand verkaufen Hippiemädchen LSD-Zigaretten für fünfzig Cent.

Dass Tarantino gestrig ist, ist nichts Neues. Sein Werk war stets Hommage. An den Exploitationfilm, den Gangsterfilm, den Spaghettiwestern, eben den Pulp. “Es war einmal in Hollywood” – das überschreibt sein ganzes Werk. Und so ist dieser neunte Film gewissermaßen eine Zäsur. Tarantino steckt nochmal das eigene Gebiet ab, zeigt uns, was eigentlich dahintersteckt. Die Antwort? Nostalgie und Gewalt. 

Die Geschichte dreht sich um den B-Movie-Star Rick Dalton (Leonardo DiCaprio), der panisch feststellt, dass sein Stern im Begriff ist zu sinken. Tarantino legt Dalton mit der für Künstler üblichen Mischung aus Versagensängsten und Größenwahn an. DiCaprio würzt die Figur mit der für ihn typischen Darstellung: Knallkopf mit Hang zur Manie. Den Rücken stärkt ihm sein Stuntdouble und Mädchen für Alles, Cliff Booth (Brad Pitt). Der hat ein breites Zahnpastagrinsen, schwere Knochen und möglicherweise seine Frau umgebracht, so ganz klar wird das nicht. Aber das hinter der Fassade oft Abgründe schlummern, ist bekannt - gerade in der Traumfabrik. Der selbstbezogene Rick, der zerknitterte Cliff, sie sind ein gutes, manchmal etwas tragisches Team. Auf jeden Fall sind sie unterhaltsam.

Hollywood als permanente Inszenierung zwischen Drama und Komödie. Das Hippiedorf, über das Booth stolpert, entpuppt sich als reales Gegenstück zu Daltons Westernkulissen. Vom „Summer Of Love“ ist nicht viel zu spüren, als diese etwas dreckigen, verwirrten Blumenkinder Booth die Reifen aufschlitzen. Während Dalton an seiner Karriere bastelt und Booth im Ami-Schlitten zu „California Dreamin’“ durchs sonnige L.A. brettert, zieht eine Filmgröße in den Hollywood Hills auf Daltons Nachbargrundstück ein: die Polanskis.

Sharon Tate (Margot Robbie) ist ein verträumtes Mädchen mit großen Augen und sanftem Lächeln, welches das Leben genießt und manchmal ein bisschen melancholisch wird; spürt sie das Unheil, das über ihr schwebt? Wer sich den Film ansieht, der weiß um die düsteren Hintergründe, um die Manson-Family und die Morde an Sharon Tate sowie drei ihrer Begleiter. Es sorgte wohl für Aufregung und Beklemmung gleichermaßen, als Tarantino verkündete, sich diesem Stoff zu widmen. Er liebt das Gemetzel, und dafür lieben ihn seine Fans. Aber hier wurde im Sommer 1969 eine Hochschwangere gnadenlos umgebracht und Tarantino liebt ja nicht wirklich die Gewalt: Er liebt die Filmgewalt, den Trash, die rote Farbe, die alles vollspritzt, Kunstblutfontänen, starke Jungs und Knarren. 

Tarantino löst das Problem also anders; und vor dem Hintergrund realer Morde zeigt sich mehr denn je, was Leinwandgewalt für Tarantino ist: moralfreie Phantasie, die nie die Falschen trifft. In einer Schlüsselszene des Films fordert einer der Möchtegernmörder seine Getreuen auf, jene zu morden, die ihnen das Morden beibrachten haben; gemeint sind die reichen Schauspieler, die Mord und Gewalt über den Film in die Wohnzimmer bringen. Natürlich kommen sie nicht weit. Die “guten Absichten” der jungen Generation scheitern am durchtrainierten Booth und seinem Kampfhund. Gewalt wird endgültig zur Farce, zur Doppelfiktion. 

Mit den Hippies und ihrem naiven Weltverbesserertum metzelt Tarantino gleichzeitig die Kritik am Nostalgiekino nieder und gibt solchen Medienreflexionen der “Gegenkultur” eine höhnische Absage. „Ihr wollt es doch auch“, scheint er dem Zuschauer zuzuraunen. Und er dreht weiter. Nostalgiekino handelt von der Zeit, wo alles noch in Ordnung war. Tarantino will sich nicht vorwerfen lassen, diese Leidenschaft zu teilen. Er steckt in einem Zwiespalt, denn jegliche Art von Gleichberechtigung sucht man im Hollywood von Gestern vergeblich. Frauen sind hier in erster Linie schön, Männer schlagfertige Macher. Das ist die DNA dieses Kinos. Wer sie in die Moderne bringen will, muss sie zwangsläufig verfälschen. Anderes zu behaupten ist für Tarantino puritanische Besserwisserei. 

So mag man sich die fast drei Stunden Laufzeit erklären, von denen mindestens zwei eine schier endlose Hommage an die Goldenen Jahre Hollywoods darstellen. Eine trotzige Bestandsaufnahme. Bemerkenswert ist, dass es Tarantino noch einmal in gewisser Hinsicht gelingt, Erwartungen zu unterlaufen, wenn er die Geschichte lange nur so vor sich hin erzählt. Auch Manson und seiner Sekte räumt er kaum Platz ein. Er scheint wenig Lust zu haben, sich an der Mythenbildung um den Guru zu beteiligen. Steckt hier ein Statement dahinter? 

Tarantino macht, was ihm gefällt, und was war das gleich nochmal? Flotte Sprüche, ein Flammenwerfer, „Red Apple“, die Zigarettenmarke, Füße in Nahaufnahme, sein Fetisch, dazu ein ordentliches Maß an Fremd- und Selbstreferenzen, das obligatorische Blutbad. 

Es ist das Spätwerk einer Regielegende, die sich in mehrfacher Hinsicht überlebt hat. „Once Upon a Time ist Tarantinos Museumsstück und mit dieser Einstellung sollte man den Film nahe treten, um mit seinen Längen und fehlenden Botschaft klarzukommen.

Tarantino hat verkündet, dass sein nächster, zehnter Film sein letzter sein wird. Es ist eine kluge Entscheidung, denn so gelänge ihm ein würdevoller Abschied. Es gäbe nichts Deprimierenderes, als mitansehen zu müssen, wie dieser Regisseur sich öffentlich mit seinen lauter werdenden Kritikern zerfleischt. Und noch schlimmer wäre es, mitansehen zu müssen wie sich sein - nach wie vor perfekter - Stil abnutzt.

Clemens Pittrof

„Unce Upon a Time in Hollywood“ läuft im Cineplex, im Metropolis und der Filmgalerie Bad Füssing.

Investieren Sie in die freie Presse!

Ihnen hat dieser Artikel genützt oder gefallen? Sie möchten auch weiterhin die Passauer Online-Zeitung Bürgerblick, ein Angebot im Netzwerk der freien Presse, lesen? Dann unterstützen Sie uns, indem Sie für dieses Angebot nach eigenem Ermessen bezahlen. Jeder Cent zählt. Einfach und bequem per Paypal.

11:01
Sonntag
17. November 2019
 
Bitte klicken Sie diese Förderer
und Freunde der freien Presse:

SOCIAL MEDIA

KULTURKALENDER
17.11. | Sonntag
HAIDENHOF SÜD
Weltfrühgeborenentag 2019
 

Die Kinderklinik bietet an diesem Tag ein Rahmenprogramm mit Musik, Clown und Kinderschminken. Ort: Kinderklinik Passau, Bischof-Altmann-Str. 9.

Bischof-Altmann-Str. 9

14:00 Uhr | Eintritt frei
MEDIENZENTRUM
„Vorsicht, Kinder! Oper!“
 
bild_klein_0000016058.jpg

Oper für Kinder ab vier Jahren. Es singen und spielen Mitwirkende des Landestheaters und die Niederbayerischen Philharmonie unter der Leitung von Basil H. E. Coleman.


15:00 Uhr | 15/ 10/ 7 Euro
METROPOLIS
Bolshoi Ballett
 
bild_klein_0000016073.jpg
Im Mittelpunkt des balletts Le Corsaire steht die Liebesgeschichte zwischen dem Korsaren Konrad und der Griechin Medora, die in einen Harem verkauft werden soll. Zweimal muss Konrad sie entführen, ehe sie frei dem Ruf der Liebe folgen kann. Le Corsaire wurde komplett überarbeitet, um der Ballettgruppe mehr Möglichkeiten zum Tanz zu geben. Aufwendig inszeniert im Bolschoi-Theater.

16:00 Uhr | ab 21,50 Euro
CAFÉ MUSEUM
Sinfonia de Carnaval
 

Abwechslungsreiches Duo an den Instrumenten Cello, Akkordeon (Anna Lang) sowie Posaune und Perkussion (Alois Eberl). Doppelstimmiger Gesang.


18:00 Uhr | 14 Euro, ermäßigt 7 Euro
OPERNHAUS
Amadeus
 

Schauspiel des britischen Dramatikers Peter Shaffer (1926-2016) über Antonio Salieri, den Neider und Widersacher Wolfgang Amadeus Mozarts. 


18:00 Uhr | ab 7,50 Euro
RATHAUSSAAL
Abschlusskonzert Young Classic Europe
 
bild_klein_0000016060.jpg

Das Sinfonieorchester des Musischen Gymnasiums Salzburg spielt zusammen mit dem franko-spanischen Gitarristen Thibaut Garcia (Foto). Auf dem Programm stehen neben zwei Südeuropäern die Symphonie Nr. 5 von Beethoven.


18:00 Uhr

Google-Anzeigen