Google-Anzeigen

Meinung | Dienstag, 17. Dezember 19

bild_klein_0000016305.jpg
Die alten Linden an der Wörthstraße kennen die Geschichte vom Haus Nummer 7 und erleben dessen vorzeitiges Ende. (Foto: mediendenk)
Nachruf für Wörthstraße 7

Diese Barbaren!

Das Haus, das ich als Mieter mit einer Wohngemeinschaft seit mehr als zwei Jahrzehnten bewohne ist fast 150 Jahre alt. Jeder, der es betritt, ist angetan vom ungewöhnlichen Flair, der Mischung aus Alt und Neu. Warum ich davon erzähle? Weil in meiner Heimatstadt der würdelose Umgang mit wertvoller, alter Bausubstanz einen neuen Höhepunkt erreicht hat.

Die Stadt schafft just Tatsachen im Klinikviertel und hat mit der Zerstörung des Wohnhauses Wörthstraße 7, einer 100 Jahre alten anspruchsvollen Architektur begonnen. Das Gebäude steht im Besitz einer Stadttochter, des Klinikumbetriebs. Klinikleiter Stefan Nowak hat wohl angewiesen, dass der Abbruch sofort zu beginnen hat. Man befürchtet weitere Widerstände, die Vorweihnachtszeit wird als geeignet angesehen, diesen zuvorzukommen. Am Montag sind die ersten Doppelfenster und Fensterläden bereits herausgerissen worden. 

Damit Sie verstehen, warum mich das erzürnt, muss ich Ihnen von "meinem" Haus erzählen. Ich habe es 1998 mit zwei Freunden gemietet. Die Handwerker waren gerade dabei, das nach dem Tod der Eigentümerin leerstehende Gebäude im Auftrag der Erben von Öl- auf Gasheizung umzurüsten. Es hat uns fasziniert, dass ansonsten beim Innenleben die Zeit stillgestanden ist. Im Original sind aus der nicht genau datierbaren Bauzeit zwischen 1870 und 1890 vorhanden: die massiven Kassettenholztüren, deren Riegelschlösser klemmen und klacken; die hohe, schwere Haustüre, deren Angeln müde geworden sind, aber durch deren vergitterte Oberlichte man die Veste Oberhaus wie in einem gerahmten Gemälde erblicken kann; die kunstvoll bemalten Decken im Obergeschoss, deren Ölfarben bis heute nicht blättern, die Böden aus mächtigen Eichenholzdielen, die von alten Lacken befreit Behaglichkeit verbreiten; die fast 2,70 Meter hohen Räume, die hochgewachsene Menschen sich heute in Neubauwohnungen wünschen würden. Auch das sei erwähnt: Ausgebaut worden sind leider die Originale der hölzernen Doppelfenster, die wie die Stürze im Rundbogen geformt waren, es wären heute unbezahlbare Einzelanfertigungen.

Der Architekt des 19. Jahrhunderts durfte wohl ohne ökonomische Fesseln gestalten. Er hat ein Gebäude geschaffen, das der heutige Betrachter als „italienische Villa“ bezeichnet. Hohe Räume, von Handwerkern Maßgefertigtes statt genormte Industrieware, eine lebendige Fassade mit hervorspringenden Bauteilen und Fensterverzierungen, die sich in keinem Stockwerk gleichen. Wunderschön, wertvoll, erhaltenswert.

Im Sommer habe ich mir im Klinikviertel erstmals das Gebäude Wörthstraße 7 genauer angesehen, dessen Abriss zur Debatte stand. Als Mieter eines historischen Hauses zog ich den Vergleich: Was für ein herrliches Wohnschloss! Neidisch blickte ich auf die Originale der Doppelfenster, aufwändiger gebaut als unsere verlorenen; geschnitzte Fensterläden, Risalite und Fassadenschmuck prächtiger als die erhaltenen Strukturen unserer Gründerzeitvilla – verschwenderisch gestaltet in allen Himmelsrichtungen. Unser Architekt hat sich zumindest auf der von der Straße nicht einsehbaren Nordseite den Fassadenschmuck erspart. Die tannengrün lackierten Haustüren sind hübscher gestaltet wie unsere wuchtige, mit einer gemauerten, fein gegliederten Überdachung. Meine laienhafte Bewertung kann damals nicht falsch gewesen sein, denn bald sollten sich ein starker Verein, Historiker und Bauexperten vehement für dieses steinerne Erbe einsetzen. 

Wie wir seit Montag erfahren müssen, waren alle Anstrengungen, die Wörthstraße 7 zu retten, vergeblich. Sie haben begonnen die Fenster herauszureißen, vollendete Tatsachen zu schaffen. Die Besonderheit dieses Gebäudes besteht in seiner vollständigen bauzeitlichen Überlieferung: Vom Türgriff bis zu den Fensterläden sind alle Details im Original aus den Goldenen Zwanziger Jahren erhalten. Was für eine Fundgrube für historische Baustoffhändler! Was macht Klinikleiter Nowak? Er lässt die 100 Jahre alten bestens erhaltenen Fenster „entsorgen“ wie Sperrmüll. Nachtrag: insgesamt 69 Fenster zählt der von Gärtchen umgebene Bau, je 28 gen Norden und Süden, weitere 9 auf der Ost- und 4 auf der Westseite; es gibt sechs Hauseingänge, nummiert mit Emailleschildchen.

Die Stimmen von acht Stadträten (drei CSUler, drei SPDler, ein Freier Wähler und ein FDPler) hatten ausgereicht, im Klinikumsausschuss den Mehrheitsbeschluss für den Abriss zu fassen. Sie waren dem Vorschlag des Oberbürgermeisters und des Klinikleiters gefolgt. Ein Bürgerantrag, knapp 600 Unterschriften, Lichterketten – nichts hatte die Abrissbefürworter umstimmen können. Während die Beschützer des historischen Erbes, an der politischen Spitze Vizebürgermeister Urban Mangold und Historiker Matthias Koopmann, tags darauf berieten, wie der Beschluss möglicherweise rechtlich noch angefochten werden könnte, ordnete Nowak bereits die rasche Zerstörung an. 

Diese Barbaren! 

Wie leicht könnte man diesen steinernen Schatz den Nachfahren erhalten, ihn wie unsere kleine Gründerzeitvilla behutsam modernisieren und wieder seinem Zweck zuführen: behagliches Wohnen. Meinetwegen exklusiv für das künftige Personal des wachsenden Klinikums. „Graue Energie“ von solcher Anmut zu zertrümmern nenne ich eine große Dummheit. Einen Oberbürgermeister, der sich als Klimaschützer gibt mit einem hauseigenen Konzept, aber „graue Energie“ in diesem Ausmaß vernichtet, kann ich nicht ernst nehmen. Es ist die „Arroganz der Macht“, die jetzt die Tatsachen schafft, empört sich Forumsvorsitzender Friedrich Brunner heute im Telefonat. Ich kann ihm nur recht geben. 

Wie Altes mit Neuem verbunden werden kann, wie Ehrwürdiges erhalten werden kann, dafür hat mir Historiker Koopmann ein wunderbares Beispiel geliefert. Die Erbauer des Barockdomes nach dem Stadtbrand 1662 führten es vorbildlich vor. Sie intergrierten den Teil der Kathedrale, der nicht eingestürzt war, in das neue Bauwerk. Hätten Dupper oder Klinikleiter Nowak damals Regie geführt, der gotische Chor, das alte Gesicht der Kathedrale gen Osten, wäre Geschichte. 

Mich begeistern alte Kunst und neue Technik. Als die Entscheidung anstand, die verzogene, zugige Haustür gegen eine neue zu tauschen, überredete ich die Eigentümerin einen Restaurator ranzulassen. Mit installierten Windstoppern und digitalem Zahlenschloss bewegt sich die betagte Tür jetzt ins zweite Jahrhundert. Bewegungsmelder dosieren in Treppenhaus und Gemeinschaftsräumen stromsparend warmes LED-Licht; über das digitale Netzwerk gesteuerte Heizkörperthermostate drosseln den Energieverbrauch. Dass die Heizungsrohrverleger Ende der 1990er bei der Umrüstung von Öl auf Gas rücksichtslos ein Dutzend der sechseckigen Originalfliesen im Flur zerstört haben, ist unverzeihlich. Meine Suche im Netz nach Ersatz war bislang erfolglos. Ja, Sie sehen, ich habe dieses geschichtsträchtige Haus liebgewonnen als wäre es mein eigenes. Deshalb geht mir der Verlust von Häusern wie der Wörthstraße 7 nahe. Wer solchen Häusern Wertschätzung entgegenbringt wie ein Oldtimerfan seinem besten Stück in der Garage, wer sie mit moderner Technik und alter Handwerkskunst verwöhnt, den belohnen sie mit einem unvergleichlichen Charme. Das weiß ich eben aus eigener Erfahrung. Ob zeitgenössische Bauten in 100 oder 150 Jahren in selbiger Würde altern, bezweifle ich. Umso größer ist der Frevel, der gerade geschieht.

Die Eigentümerin unserer Gründerzeitvilla war zunächst verärgert darüber, dass ich das Haus hinter ihrem Rücken vor zehn Jahren als Einzeldenkmal unter Schutz stellen ließ. Es gab einen triftigen Grund, der mich zu diesem Schritt motivierte: 2006 hatte ich erfahren, dass die Stadt unser damals gut 100 Jahre altes Gebäude in den 1970er Jahren abreißen lassen wollte. In der Innstadt war eine vierspurige Autopiste ähnlich der am Anger geplant. „Danke, Forum Passau!“, muss ich heute sagen. Die vom Stadtrat geplante Abrisswelle war die Geburtsstunde dieses Vereins gewesen. Dessen junge Mitglieder stemmten sich gegen die Zerstörung des kulturellen Erbes mit derselben Vehemenz wie heute junge Klimaschützer gegen die Rodung eines Bannwaldes. Das hat unsere Gründerzeitvilla vorm Abriss bewahrt. Meine Hausbesitzerin hat mir meinen Alleingang mit dem Denkmalschutz spätestens nach der Jahrhundertflut 2013 verziehen: Einzeldenkmäler sind bei der staatlichen Flutsanierungsbeihilfe mit einer höheren Zuwendung bedacht worden.

Die Villen an der Kapuzinerstraße, so zeigen alte Bilder, hatten früher noch einen „Wohnzimmerteppich“ vor den Haustüren, Pflaster statt Asphalt. Das Auto und seine Ansprüche verwandelten unsere Straße vielerorts zum Hässlicheren. Architekten der Neuzeit zeigen dem Verkehr die kalte Schulter: fensterloser, nackter Beton anstelle üppig gestalteter Fassaden. 

„Wir erleben einen Rückfall in die 1970er Jahre“, sagt Koopmann und zitiert aus einem aktuellen Positionspapier des Deutschen Städtetages, das die Passauer Gesandten ihren Kolleginnen und Kollegen offenkundig nie zu Gehör gebracht haben: Demnach sollen Städte nachhaltig im Sinne eines „Bauens im Bestand“ unter Wahrung des kulturellen Erbes ganzheitlich und behutsam gestaltet werden. “So könne das bauliche kulturelle Erbe im Rahmen einer ganzheitlichen Baukultur seine positive Wirkung entfalten und durch die Prägung des baulichen Umfelds Räume, Lebens- und Begegnungsorte und Bezugspunkte für Mensch und Gesellschaft eröffnen und der durchgehenden Ökonomisierung vielerlei Lebensbereiche Grenzen setzen", heißt es in der gespreizten Bürokratensprache.

"Ein schwarzer Tag für unser Stadtbild! Die Entscheidung war absehbar. Kultur und Ästhetik haben leider keinen Stellenwert mehr", hat Diözesanbaumeister Jochen Jarzombek zur Wörthstraße 7 geschrieben.

Gasthaus Apfelkoch, Holzhaus am Linzer Tor, Peschl-Areal – „Bauen im Bestand unter Wahrung des kulturellen Erbes“ ist zuletzt in Passau nirgendwo mehr erfüllt worden. Im Gegenteil: Die Zerstörung der Wörthstraße 7 kennzeichnet einen neuen Höhepunkt im würdelosen Umgang mit der Baukunst unserer Vorfahren.

Schade, dass wir 1998 keine Wohnung in der Wörthstraße 7 bezogen haben. Dann hätte jemand den Vertretern der Denkmalpflege Tür und Augen geöffnet. An einem intakten Einzeldenkmal beißen sich, zumindest bis jetzt, Abrissbagger die Zähne aus.

Hubert Jakob Denk  

Investieren Sie in die freie Presse!

Ihnen hat dieser Artikel genützt oder gefallen? Sie möchten auch weiterhin die Passauer Online-Zeitung Bürgerblick, ein Angebot im Netzwerk der freien Presse, lesen? Dann unterstützen Sie uns, indem Sie für dieses Angebot nach eigenem Ermessen bezahlen. Jeder Cent zählt. Einfach und bequem per Paypal.

09:51
Mittwoch
08. April 2020
 
Bitte klicken Sie diese Förderer
und Freunde der freien Presse:

SOCIAL MEDIA

KULTURKALENDER
08.04. | Mittwoch
Keine Einträge

Google-Anzeigen