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Meinung | Donnerstag, 20. Juni 19

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Eine Uni-Umfrage zur Genderdebatte, die auch nach Meinung von Sozialwissenschaftlern unglücklich gelaufen ist, führte zum Funkenschlag zwischen Lehre und Journalimus.
Leser*innenbrief

Gender-Umfrage gibt Zündstoff

Ein Lehrprofessor wissenschaftlicher Mitarbeiter der Uni Passau hat auf den Online-Beitrag im Bürgerblick „Studierendenbefragung: Welcher Fisch sind Sie?“ von Anfang Mai jetzt mit einem Leserbrief reagiert, der aus dem Ungleichgewicht geraten ist. Den 3.000 Zeichen des Journalisten stehen 7.000 des Lehrprofessor für Sozialforschung gegenüber. Der Leserbriefschreiber begegnet dem Bürgerblick-Journalisten mit einem entliehenen Zitat „Einfach mal die Fr... halten!“, vergleicht diesen mit Putin und Trump und sieht darin einen neuen Fall „Relotius“. Sie sehen, es geht ans Eingemachte.

Nachtrag: Der Hintergrund der Verärgerung erhellte sich heute bei einem persönlichen Gespräch. Der Uni-Mitarbeiter sieht ein anerkanntes, wissenschaftliches Umfrageinstrument in den Schmutz gezogen, zumal der Journalist die Studie mit einem flapsigen Kommentar zur Genderdebatte vermengt hat. Aufgestachelt war er bereits vor dem Beitrag, weil die Verantwortlichen bei dieser Befragung nicht auf die Kompetenz des eigenen Hauses zuzurückgegriffen hatten. Die Umsetzung - ersichtlich an Reaktionen der Befragten - war wohl unglücklich. Auf Bitte des Absenders haben wir sein Foto wieder entfernt.  

Hier die Zuschrift:

"Sehr geehrter Herr Denk u.a. Mitarbeiter*innen der Redaktion Bürgerblick, ich habe Ihren oben, im Betreff genannten Artikel mit Gewinn gelesen und halte das Gros der Kritik, der darin zum Ausdruck kommt, für durchaus nicht unberechtigt. Jedoch mit dem Titel, dem Aufhänger und dem Abschluss des Artikels, die alle das graphische Element des "Fischschwarms" aus einer aktuellen Befragung der Universitätsfrauenbeauftragten aufgreifen, schießen Sie mit Ihrer Kritik aus fachlich-methodischer Sicht, die ich hier vertreten möchte, über jedes Ziel hinaus.

Ich erlaube mir, Sie bzw. Ihren Artikel selbst zu zitieren: "Welcher Fisch sind Sie? Welcher Fisch wären Sie gerne?“, lautet die erste Frage der Umfrage und nennt fünf Möglichkeiten. In der Zeichnung eines Schwarms gilt es sich einzuordnen: Anführer oder Nachzügler? Ein einsamer Fisch, der gegen den Strom schwimmt ist links oben zu sehen. Er wird wie sein alleinstehender farbfremder Artgenosse der „Besondere Fisch“ genannt." Und an anderer Stelle: "Wer die Reaktionen im Netz studiert, findet zu dieser Aktion wenig Applaus. Es hagelt Kritik. Vor allem die Männer scheinen genervt, nicht nur wegen der Papierverschwendung, sondern des Umstands, dass an der Passauer Universität ein hoher Frauenüberschuss und weibliche Führung herrscht; die Männer gefühlt das schwächere Geschlecht sind."

Ich habe wirklich keine bessere Möglichkeit gefunden, um Sie bloßzustellen, als Ihren Artikel wortwörtlich zu zitieren: "Wer die Reaktionen im Netz studiert"? Sollen wir neuerdings unsere Forschungsinteressen davon abhängig machen, dass diese im Netz - z.B. auf der Plattform "Jodel" - mehrheitsfähig sind? Oder: "die Männer gefühlt das schwächere Geschlecht sind"? Ach so, Ihnen geht es um gefühlte Realitäten. Sind Sie Anhänger von Wladimir Putin oder von Donald Trump, dass Sie sich derart für das Konzept "alternativer Fakten" aussprechen, das von beiden Staatenlenkern so vehement propagiert wird?

Im Gegensatz zu solchen "Fake News" - herzlichen Glückwunsch übrigens, dass sich jetzt auch noch der Bürgerblick in die illustre Reihe hipper, moderner aber unzuverlässiger Journalisten á la Claas Relotius einreiht - ist es allerdings eine überprüfbare Tatsache, dass das Befragungsinstrument "Fischschwarm" von Jutta Allmendinger zusammen mit den beiden Kolleginnen, Sophie Krug von Nidda und Vanessa Wintermantel, an der Landeszentrale für politische Bildung Bayern entwickelt und anschließend für eine Umfrage zu den "Lebensentwürfen junger Frauen und Männer in Bayern" verwendet wurde. Diese Umfrage wurde gemeinsam vom BayernForum der Friedrich-Ebert-Stiftung und vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) organisiert und vom infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft GmbH im Sommer 2015 durchgeführt (vgl. Allmendinger/Krug von Nidda/Wintermantel 2016).

Bei diesem "Fischschwarm"-Modell handelt sich übrigens um eine sozialwissenschaftliche Anwendung des aus der Programmierung stammenden "artifical fish swarm algorithm" kurz AFSA. Zudem wurde im Rahmen einer Qualifikationsarbeit an der Lehrprofessur für Methoden der empirischen Sozialforschung an der Universität Passau im Sommer 2017 mit Hilfe einer qualitativen Evaluation bestätigt, dass dieses Erhebungsinstrument eine hohe inhaltliche Gültigkeit (Inhaltsvalidität) für sich beanspruchen kann.

Es handelt sich also mitnichten um eine bloße "akademische Spinnerei", wie Sie in Ihrem Artikel (implizit) zu unterstellen belieben, sondern im Gegenteil um ein interdisziplinär entwickeltes, elaboriertes sowie bereits mehrfach getestetes und bewährtes Erhebungsinstrument. Zugegebenermaßen fällt die Qualität der Darstellung des "Fischschwarms", der in der Umfrage der Universität Passau (in grün und gelb) verwendet wurde, gegenüber der ursprünglichen Entwicklung deutlich ab (vgl. Allmendinger/Krug von Nidda/Wintermantel 2016: 54). Doch die äußere Struktur (Anordnung und Richtung der Fische) ist identisch. Überdies empfiehlt es sich nach den existierenden Empfehlungen zur "Dramaturgie von Umfragen" nicht, ein solches (streitbares bzw. umstrittenes) Instrument an den Anfang eines solchen Fragebogens zu stellen. Dafür ist es dann doch zu ungewöhnlich und regt zu sehr zu Widerspruch an, wie Ihr eigener Artikel ja beweist. An dieser Stelle wäre jedoch nicht zu kritisieren, dass die Universität Passau ein innovatives Fragebogeninstrument verwendet, sondern dass dabei nicht auf universitätsintern wie -extern bereits bestehende Erkenntnisse zurückgegriffen wurde.

Alles in allem nutzt das Instrument "Fischschwarm" eine aus der Kognitionspsychologie, Neurologie und Verhaltensforschung stammende (übrigens sehr alte) Erkenntnis: Nämlich dass Bilder eher den affektiven emotionalen Aspekt der menschlichen Persönlichkeit ansprechen und nicht den Intellekt. Aus dem gleichen Grund verwenden Sie übrigens im Bürgerblick neben dem Text auch Fotos und Abbildungen, um die Wirkung Ihrer Artikel zu steigern. Für die Erkenntnis, dass (alle) Menschen, derart emotional getriggert, spontaner und somit ehrlicher auf Herausforderungen reagieren, wurde dem israelisch-US-amerikanischen Psychologen Daniel Kahnemann im Jahr 2002 zusammen mit Vernon L. Smith der Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen.

Wie Sie sehen, wären (fast) alle Informationen, die ich Ihnen zusammen mit dieser E-Mail zukommen lasse, leicht im Internet zu recherchieren gewesen. Der inhaltliche Aufhänger und das Ende des im Betreff genannten Artikels zeichnen sich somit durch eine starke Meinung aber leider durch nur sehr wenig Kenntnis und noch weniger durch sorgfältige journalistische Recherche aus.

Aus diesen Gründen möchte ich Ihnen zunächst mit einer Fabel von Iwan A. Krylov antworten:

Der Hahn und die Perle
Beim Wühlen in der Düngerpfütze
fand eine Perle einst der Hahn
und sprach: "Was ist denn da daran?
Das Ding ist gar nichts nütze!
Ist s eine Torheit nicht, daß man so hoch es schätzt?
Mich hätte in der Tat unendlich mehr ergötzt ein Gerstenkorn – wenn s auch den Glanz nicht hat, es macht doch satt.
So urteilt auch der Ignorant: Wovon er nichts versteht, das ist ihm bloßer Tand.


Damit Sie meine Intention, aus welcher heraus ich Ihnen diese eMail geschrieben habe, aber auch absolut richtig verstehen, werde ich für Sie noch deutlicher, indem ich den Kabarettisten Dieter Nuhr zitiere ( [0.24 - 0:34]): "Man darf in der Demokratie eine Meinung haben, aber man muss nicht. Das ist ganz wichtig, das sich das mal rumspricht. Wenn man keine Ahnung hat: Einfach mal die Fr... halten!" Ich selbst würde das selbstverständlich anders formulieren. Allerdings finde ich, das Zitat von Dieter Nuhr bringt meine persönliche Meinung zum Aufhänger Ihres Artikels viel besser zum Ausdruck. Beste Grüße Christian Rademacher.

Ende der Zuschrift.

Der Journalist hat die Zuschrift, die sechs Wochen nach Veröffentlichung des Beitrags eintraf, wie folgt beantwortet:

"Lieber Herr Rademacher, vielen Dank für Ihre Zuschrift. Es war ein Online-Beitrag auf der kostenlosen Plattform "Bürgerblick". Der "Kritik im Netz", auf die ich stieß, ging der Unmut analoger Kritiker hervor, die mich inspirierten. Es handelte sich um keine wissenschaftliche Abhandlung. Der Unterzeichner hat versucht, den Text bis zu Ende zu lesen. Sein Eindruck: Hier will jemand eine Fliege auf der Elefantenwaage messen. Sie sehen in diesem Beitrag wegen der aus Ihrer Sicht fälschlichen Fischbetrachtung den "Relotuis"-Fall im Bürgerblick. Diese Ehre gebührt dem Beitrag nicht, dafür ist er zu belanglos, aber im Kern korrekt: Ich habe den Test selbst mitgemacht und fühlte mich manipuliert, Klischees zu bestätigen.

Der Unterzeichner hätte Ihre Zuschrift gerne als Leserbrief abgedruckt, aber dafür ist diese etwas zu lang geraten. Wenn die Kritik länger ist als der kritisierte Text, offenbart der Verfasser, dass seine Motivation tiefer liegt. Den 3.000 Zeichen des Journalisten stehen 7.000 des Lehrprofessors gegenüber. Es muss ein großer Wurm ihn diesem genagt haben. Oder fischt er nach Lorbeeren von höherer Stelle?

Ich füge Ihre Zuschrift Online für alle sichtbar ein, hebe ihn vielleicht sogar als Meinungsbeitrag prominent ins Netz. Denn wie Sie selbst sinngemäß erklären, ist das Netz geduldiger als Papier und sollte nicht zu ernst genommen werden. In große Sorge, dass Zeit vergeudet und übers Ziel hinausgeschossen wordne ist. Beste Grüße, Hubert Jakob Denk."

Rademacher ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter für Sozialforschung an der Uni Passau tätig. Er hat an der Uni in Halle-Wittenberg promoviert. Transparenzerklärung: Sein Doktorvater war Soziologie-Professor Dr. Reinhold Sackmann, gebürtiger Passauer, der mit dem Bürgerblick-Schreiberling einst am Gymnasium die Schulbank teilte. Es haben vor diesem Beitrag keine Rücksprachen stattgefunden.

Ja, die Welt ist klein.



 

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10:46
Sonntag
17. November 2019
 
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KULTURKALENDER
17.11. | Sonntag
HAIDENHOF SÜD
Weltfrühgeborenentag 2019
 

Die Kinderklinik bietet an diesem Tag ein Rahmenprogramm mit Musik, Clown und Kinderschminken. Ort: Kinderklinik Passau, Bischof-Altmann-Str. 9.

Bischof-Altmann-Str. 9

14:00 Uhr | Eintritt frei
MEDIENZENTRUM
„Vorsicht, Kinder! Oper!“
 
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Oper für Kinder ab vier Jahren. Es singen und spielen Mitwirkende des Landestheaters und die Niederbayerischen Philharmonie unter der Leitung von Basil H. E. Coleman.


15:00 Uhr | 15/ 10/ 7 Euro
METROPOLIS
Bolshoi Ballett
 
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Im Mittelpunkt des balletts Le Corsaire steht die Liebesgeschichte zwischen dem Korsaren Konrad und der Griechin Medora, die in einen Harem verkauft werden soll. Zweimal muss Konrad sie entführen, ehe sie frei dem Ruf der Liebe folgen kann. Le Corsaire wurde komplett überarbeitet, um der Ballettgruppe mehr Möglichkeiten zum Tanz zu geben. Aufwendig inszeniert im Bolschoi-Theater.

16:00 Uhr | ab 21,50 Euro
CAFÉ MUSEUM
Sinfonia de Carnaval
 

Abwechslungsreiches Duo an den Instrumenten Cello, Akkordeon (Anna Lang) sowie Posaune und Perkussion (Alois Eberl). Doppelstimmiger Gesang.


18:00 Uhr | 14 Euro, ermäßigt 7 Euro
OPERNHAUS
Amadeus
 

Schauspiel des britischen Dramatikers Peter Shaffer (1926-2016) über Antonio Salieri, den Neider und Widersacher Wolfgang Amadeus Mozarts. 


18:00 Uhr | ab 7,50 Euro
RATHAUSSAAL
Abschlusskonzert Young Classic Europe
 
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Das Sinfonieorchester des Musischen Gymnasiums Salzburg spielt zusammen mit dem franko-spanischen Gitarristen Thibaut Garcia (Foto). Auf dem Programm stehen neben zwei Südeuropäern die Symphonie Nr. 5 von Beethoven.


18:00 Uhr

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