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Meinung | Dienstag, 09. April 19

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Das Publikum solle die Handys erheben, um ein Massaker fürs Netz festzuhalten: seine eigene Hinrichtung. (Foto: mediendenk)
Neues Kabarett von Sigi Zimmerschied

Ketzer, Terrorist und Kammerjäger

"So aufgeregt und nervös wie heute habe ich den Sigi noch nie erlebt", sagte Walter Landshuter, das Gründergesicht der linken Kleinkunstbühne. Die Passau-Premiere, mit eingeflochtenen lokalen Improvisationen, ist für den 65-Jährigen die Herausforderung schlechthin. "Bravo!", schallt es zum Schluss durchs Gewölbe. Das verbal geohrfeigte und gegeißelte Publikum verneigt sich vor seinem seelischen Folterknecht.

Sigi Zimmerschied, die geballte, vom Aussterben bedrohte politische Kraft des Kabaretts, hatte seine Heimspielpremiere. Was für eins! Zehn Wochen in München, Nürnberg und Würzburg dienten wohl zum Warmlaufen. Auf der Bühne hängt neben dem ans Kreuz Genagelten der Genickbruch, eine von der Falle getötete Ratte. Beide Opfer des Menschenwerks. Menschenwerk ist Teufelswerk und ohne das Böse hätte die Religion keine Botschaft, keinen Nährboden. Auch das gehört zu den Weisheiten des Ketzers und Kammerjägers namens Sigi Heil.

Der 65-Jährige spielt den Jubilar, einen einsamen Trinker am 65. Geburtstag. Wie der Diener im „Dinner for One“ für Miss Sophie spielt er für sich selbst die fehlenden Geburtstagsgäste. Der Kräuterlikör hilft ihm dabei. Er zerquetscht eine Fliege und legt los: der Herr Pfarrer, ein Spezl vom Bund, seine Ex. Er selbst hat eine langjährige Berufserfahrung als Schädlingsbekämpfer - und steht jetzt vor der Rente. Mit 267 Euro lässt sich nicht leben, er sucht ein Zubrot.

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Der Schädlingsbekämpfer Sigi Heil hat zwei Schädlinge ausgemacht und aufgehängt: Religion und Ratte.
„Es ist tatsächlich mehr Drama als Kabarett, was über die Jahrzehnte hinweg zum Zimmerschiedschen Markenzeichen geworden ist“, schreibt ein Münchner Kritiker. Wie immer fänden bei ihm Faschismus und Katholizismus ganz eng zusammen. Für Zimmerschied ist es ertragreich, dass sich wieder selbstbewusst auftretende Rechtspopulisten scharen im Netz, auf der Straße und in den Parlamenten.

Flüchtlingskrise im Herbst 2015? Das größere Problem seien die Wirtschaftsflüchtlinge, die in den Jahrzehnten davor gekommen sind: die Freyunger, Tittlinger, die Bauernfünfer, die vom Land in die Stadt drängten, um sich neumalklug auszubreiteten als Beamte, als Bus- oder Bauunternehmer. „Für den Schwarzafrikaner ist der Kakerlak Ernährung“, sagt der weiße Kammerjäger, dessen Berufung das Ausrotten ist. "Auf dem rechten Auge blind zu sein, ist in der Bundeswehr ein Geschenk", sagt er.

Sein Sologeburtstag droht mit zunehmendem Rausch im Desaster zu enden. "Stehen Sie jetzt auf und zücken Sie ihre Handys!", ruft der erzürnte Jubilar. Showdown für Social Media. Es erklingt „Memorial“ vom britischen Komponisten Michael Nyman und der Kernsatz des Stückes: „Es ist eine ehrenvolle Aufgabe, die Menschheit vom Ungeziefer zu befreien,  aber es ist die ehrenvollste sich selbst als solches zu erkennen".  Sigi Heil, der Kammerjäger, sagt es und träufelt Todestropfen in ein Glas.

Die fünf Vorstellungen im April sind ausverkauft. Die Zuspätkommenden seien vertröstet auf die Wiederaufnahmen ins Herbst- oder Winterprogramm.

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