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Meinung | Mittwoch, 28. Oktober 15

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Grenzübergang Passau-Achleiten: Warten in der Kälte, bis zu sechs Stunden, obwohl 60 Meter weiter, auf bayerischer Seite, fünf Busse warten. (Fotos: mediendenk)
Rollenspiel

Nachts in Achleiten: Wie sich ein Flüchtling fühlt

Der Reporter besucht seit drei Nächten den Grenzübergang Passau-Achleiten, um sich ein Bild von der Situation und den Menschen zu machen. Er schreibt einen Beitrag mit einfachem Blick: von Mensch zu Mensch. Auf Facebook folgen die üblichen gehässigen Kommentare, darunter auch Bilder und Videos vom morgendlichen Gelände, die Empörung auslösen sollen. Der zurück gelassene Müll, vor allem Plastikbecher und Rettungsfolien, Einwegprodukte, welche die Sanitätern ausgegeben haben. Der "Gutmensch-Blick" des Journalisten auf das nächtliche Notfalllager stört die Empörungswelle. Der Passauer Georg P. schreibt: "Es gab da anscheinend wirklich Alkohol für die Reporter". Der Reporter entdeckt diesen Kommentar kurz vorm Schlafengehen und rafft sich noch einmal auf. Er tippt eine Antwort, aus dem Bauch heraus und kann nicht ahnen, was sie auslöst. Sie trifft den Nerv und wird so oft geteilt, dass Georg P. seinen Eintrag löscht. Was der Reporter auf Facebook geschrieben hat, lesen Sie hier:

"Ich lese gerade Ihren reizenden Kommentar. Vorschlag, sie kommen heute Nacht in meinen Garten, Sie spielen Flüchtling in Achleiten und ich den Reporter. Meine Rolle ist einfach. Ich nehme mir eine Flasche Wodka, setze mich auf die Bank und schaue Ihnen zu. Ihre Rolle wird etwas anspruchsvoller. Sie dürfen sich entscheiden für einen Platz auf dem Rasen oder oder auf dem Pflaster. Also feuchtkalt und etwas weich oder trockenkalt und hart. 

Ihre Aufgabe: Ein paar Stunden lang sich nicht vom Fleck rühren. Sie dürfen stehen, sitzen, gerne auch liegen. Wenn Sie sich für Stehen entscheiden, müssen sie so bis zum Ende durchhalten. Es simuliert die Situation, wenn Sie sich entschieden haben, in die Warteschlange zwischen der Absperrung anzustellen. 

Es hat angenehme sechs Grad, die sich anfühlen wie vier, weil vom Fluss her ein feucht-kalter Wind weht. Wenn Sie die Frage stellen, wie lange es noch dauert, werden Sie eine dumme oder gar keine Antwort bekommen. Wenn Ihnen kalt ist, haben Sie zwei Möglichkeiten: Rettungsdecke oder heißer Früchtetee. Decke können Sie nur einmal bekommen, Tee soviel sie wollen, allerdings nicht mehr, wenn Sie in der Schlange stehen. 

Nach drei Stunden ist Ihnen ziemlich kalt. Wenn Sie sich für Stehen entschieden haben, möchten sie sich jetzt lieber sitzen oder sich hinlegen, vielleicht sogar schlafen. Geht in der Warteschlange aber nicht. Sie haben seit vier Wochen nicht mehr richtig geschlafen. Aber sie sind mindestens ein Dutzend Mal in solchen Warteschlangen gestanden. Stundenlang. Doch dies ist die erste in empfindlicher Kälte. Ihre Laune wird von Minute zu Minute schlechter. Wollen Sie jetzt wenigstens einen warmen Früchtetee? Gibt es leider nicht mehr.

Wie es Ihnen in der fünften Stunde geht, weiss ich nicht. Vermutlich sind Hände und Zehen kalt, etwas taub, vielleicht bekommen sie von der Kälte auch einen leichten Muskelkrampf. Tapfer bleiben! Ich mache nämlich jetzt Bilder von Ihnen. Sie wollen doch in der Presse ein gutes Bild abgeben. 

Bringt die Rettungsdecke keine Wärme mehr? Ich habe gehört, Sie haben mir irgendwann in der fünften Stunde Geld angeboten, wenn ich Sie in ein warmes Zimmer bringe? Geht leider nicht, Sie haben keine Bewegungs- und Entscheidungsfreiheit. Flüchtlingsschicksal. Willkommenskultur war gestern. Haben Sie gerade gesagt, wenn Sie das gewusst hätten, wären sie lieber Zuhause geblieben? Sie möchten lieber auf heimischem Boden erschossen werden als in der Fremde erfrieren? Ich drücke "Gefällt mir". 

Sechs Stunden sind um! War´s schlimm? Sie dürfen jetzt in einen warmen Bus steigen. Alles gut. Stopp, aber nicht gleich. 60 Meter Fußmarsch, nochmal eine halbe Stunde warten, aber wenigstens haben Sie jetzt den Bus im Blick. 

Halt! Was fällt Ihnen ein! Sie gehen jetzt schön noch einmal zurück und räumen ihre sechs gebrauchten Plastikbecher und die weggeworfene Folie weg. Ist ja wohl nicht zuviel verlangt. Sie haben keinen Abfalleimer gesehen? Sie haben kein Platz in ihrem kleinen Rucksack? Ja, dann stecken Sie sich den Müll doch gefälligst in die Hosentasche - und schön trennen: Links die Plastikbecher, rechts die Metallfolie. Typisch Flüchtling. Kein Schäufelchen und Beselchen dabei und keine Ahnung von Mülltrennung!"

Hubert Jakob Denk

Bürgerblick in ARD-Tagesthemen.

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30. März 2020
 
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