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Meinung | Sonntag, 29. April 18

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Der Pflegepatient und sein guter Geist: Olaf Schürmann (Prospero), Katharina Elisabeth Kram (Ariel).
Nachtkritik zur Uraufführung "Der bayerische Sturm"

Shakespeare zwischen Komik und Pflegekrise

„Ganz anders, als ich erwartet habe“, sagte der grauhaarige Herr, dunkler Anzug und Krawatte, vierte Reihe Parkett, am Ende der Aufführung zu seiner Frau.

Er hatte wohl Schlechteres erwartet. „Shakespeare auf bayerisch“ vielleicht, so wie manche Zuschauer bei der flüchtigen Lektüre des Programmheftes. Jetzt rief der Pessimist „Bravo!“ bei jedem Mitwirkenden, der bei der Uraufführung „Der bayerische Sturm“ im Passauer Opernhäuschen sein Bestes gegeben hatte.

„Bravo!“ rief er für Katharina Elisabeth Kram, die großartig den Luftgeist Ariel verkörperte, ein weißer Engel ohne Flügel, anmutig und akrobatisch zugleich; die auf schmalen Stegen balancierte, einem Kobold gleich sich an die Körper ihrer Mitspieler heftete, in tänzerischer Leichtigkeit der Schwerkraft entronnen schien.   

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Vater und Tochter in der Verbannung: Olaf Schürmann (Prospero), Mona Fischer (Miranda). (Foto: Peter Litvai)
„Bravo!“ rief er für Mona Fischer, die in ihren Gesangseinlagen die Zuhörer anrührte, eine junge Joan Baez, in der Rolle der Miranda, der Tochter des unglücklichen Titelhelden Prospero.

„Bravo!“ für Olaf Schürmann in der Rolle des Prosperos, der mit seiner Tochter auf eine Insel verbannte Herzog, der am Ende seines Lebens mit sich und der Welt Frieden schließt, nachdem er die Rache an seinen Feinden gekostet, aber schmerzlich den eigenen körperlichen und geistigen Verfall vor Augen hat.

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Die Komiker des Abends, tolle Kostüme: Joachim Vollrath (Caliban), Reinhard Peer (Trinculo). (Foto: Peter Litvai)
„Bravo!“ für die Schauspielkunst der beiden Figuren des Abends, welche köstlich die Komik bedienten: Joachim Vollrath als Caliban, verkrüppelter, bösartiger Sklave, radebrechend und Klicklaute ausstoßend; Reinhard Peer, der als Kammerdiener Trinculo einen bayerischen Trunkenbold gibt, den bösen Sklaven mit der Weinflasche besänftigend und diesem erfolgreich Sprachunterricht erteilend: „Oachkatzlschwoaf“.

„Der Sturm“, ein Spätwerk William Shakespeares (1564-1616), eine Romanze, die auf der Insel der Verbannung spielt, hat Regisseur Wolfgang Maria Bauer in ein Altenheim verlegt. Die ins Altenheim Abgeschobenen sind die Verbannten der Neuzeit. Der entmachtete Herzog Prospero als Demenzkranker im Pflegebett, Krankenschwestern mit feschen weißen Häubchen, ein gelassener Pfleger (Julian Niedermeier). Die Shakespeare-Figuren in Doppelrollen.   

Gesangseinlagen und Gitarrenstücke (David Moorbach als Jonny Cash), Zitate von Brecht, Platon und Goethe, Krankenschwestern-Monologe über die aktuelle Pflegekrise: Bauers Sturm wechselt häufig die Richtung, sorgt für Kurzweil und Überraschungen.

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Im Sturm dem Verderben ausgesetzt: Schauspielensemble des Landestheaters. (Foto: Peter Litvai)
Als draußen vor der Tür nach langem, begeisterten Schlussapplaus der große Kulturkritiker der Stadt seine schwarze Vespa startet, bremst er das überschwängliche Lob eines Zuschauers, eines Schauspielschülers. Bei aller schauspielerischen Leistung und dem zweifellos hohen Unterhaltungswert habe das Shakespeare-Stück durch die fremden Anleihen seiner Meinung nach inhaltlich eher verloren als gewonnen.

HJD
 

"Der bayerische Sturm", Schauspiel nach William Shakespeare

Regie
Wolfgang Maria Bauer;  Ausstattung Aylin Kaip; Dramaturgie Peter Oberdorf; 

Besetzung:
Prospero, rechtmäßiger Herzog von Mailand Olaf Schürmann; Antonia, seine Schwester, unrechtmäßige Herzogin von Mailand Paula-Maria Kirschner; Ferdinand, Sohn des Königs von Neapel Julian Niedermeier; Caliban, ein wilder, unförmiger Sklave Joachim Vollrath; Trinculo, ein betrunkener Kammerdiener Reinhard Peer; Miranda, Tochter Prosperos Mona Fischer; Ariel, Luftgeist Katharina Elisabeth Kram; Zwei Krankenschwestern Laura Puscheck, Ella Schulz; Johnny Cash David Moorbach;

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17:45
Sonntag
27. Mai 2018
 
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27.05. | Sonntag
OPERNHAUS
Der bayerische Sturm
 

Ein Schiffbruch, eine Zauberinsel und ein Mordkomplott – diese Fassung von Shakespeares "The Tempest" bietet so viel wie das Original und noch mehr: die Protagonisten sprechen bairisch.

Zum letzten Mal in Passau.


18:00 Uhr | ab 8 Euro

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