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Universität | Sonntag, 28. Januar 18

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Mit Baseballschläger und Ketten auf Gewaltorgien aus: David Moorbach (Georgie), Alessandro Scheuerer (Dim), Julian Niedermeier (Alex) und Manuel Karadeniz (Pete). (Fotos: Peter Litvai)
Schauspielpremiere "Clockwork Orange"

Vom Abschaum zum Angepassten

Da warten sie nun auf ihren Auftritt, die bösen Burschen mit Baseballschlägern und Ketten, und sind eingesperrt. Unter dem schwarzen Theatervorhang blitzen nur die knallgrünen Enden ihrer Hosenbeine und schwarze Stiefel hervor. Dramatische Musik erklingt in einer Endlosschleife. Als eine Spielleiterin vor den Vorhang ins aufglimmende Scheinwerferlicht tritt, um Entschuldigung bittet, ist dem Publikum klar: Hier ist nicht künstlich Spannung aufgebaut worden, es liegt an der Technik. Der Theatervorhang klemmt.

„Clockwork Orange“, den verstörenden Filmklassiker aus den 1970er Jahren, hat das niederbayerische Landestheater mit der Regie von Markus Bartl mit packender Rohheit auf die Bühne gebracht. Der 25-jährige Julian Niedermeier spielt als Bandenführer Alex seine erste große Hauptrolle. Er ist der Filmfigur wie aus dem Gesicht geschnitten, aber darin liegt es nicht, dass er zum Schluss den größten Beifall erhält. Gefühlloser Menschenschinder, geschundenes Menschenkind -  sein Einsatz ist großartig, er geht an seine körperlichen Grenzen.

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Gehirnwäsche im Klinikbett: Kranke Filme, von denen er sich nicht abwenden darf, sollen den kranken Kerl Alex heilen: Antonia Reidel (Dr. Branom), Julian Niedermeier (Alex), Ella Schulz (Pflegerin), Joachim Vollrath (Dr. Brodsky)
Bartl hat versucht, Szenen entfesselter Gewalt, in denen Gesichter zerschlagen und Knochen gebrochen werden, erträglicher zu gestalten. Er verrät die Tricks der Bühne. Die Schläger werfen ihren Opfern Beutel mit Kunstblut zu, damit diese die rote Flüssigkeit im Takt der Schläge selbst verspritzen; wenn sie Knochen brechen, zeigen sie dem Publikum, dass sie das Knackgeräusch mit Kanthölzchen erzeugen.

Es war absehbar, dass sich ein Dutzend Zuschauer nach der technischen Zwangspause oder spätestens zur Halbzeit verabschiedet. Wenn auf der Bühne vergewaltigt und onaniert wird, stößt das diejenigen ab, denen sich der Sinn dieser Darstellungen nicht erschließt. Wer den Film jedoch kennt, ist beeindruckt von der Bühnenumsetzung, von der starken Leistung der Akteure, der punktgenauen Choreografie, den grellen, bunten Kostümen, dem schlichten, aber wirkungsvollen Bühnenbild.

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Alex, der sich eines Mordes schuldig gemacht hat, wird von seinem enttäuschten Jugendamtsbetreuer misshandelt und in die Mangel genommen: Joachim Vollrath (Deltoid), Julian Niedermeier (Alex).
Im britischen Original der Romanvorlage von Anthony Burgess ist für Alex, dem Abschaum der Gesellschaft, ein Happyend vorgesehen. Der grausame Bursche, der mit grausamer Gehirnwäsche zum guten Menschen geformt werden soll, wird nach einem Selbstmordversuch, einem Sturz aus dem Fenster, rückfällig. Doch letztendlich gelingt ihm im letzten Kapitel aus eigenem Antrieb der Zugang zu einem gewaltfreien, zufriedenen Leben. Er ist gereift.

Die amerikanischen Buchverlage, in der Folge auch die verfimte Version von Stanley Kubrick, haben das letzte Kapitel gestrichen. Das pessimistische Ende vertuscht, dass der freiheitsliebende Autor seinen Finger nicht allein auf Alex, sondern auf Staat und Gesellschaft richten will. Bartls Bühnenfassung entlässt Alex und die Zuschauer mit dem Happyend des Originals. Mehr noch: Sie fokussiert die Kritik an Staat und Gesellschaft mit dem Paradebeispiel eines repressiven Regimeführers. Zwischen den Gewaltszenen lässt die Regie eine Figur in der Maske des Präsidenten von Turkmenistan vor den Vorhang treten, Gurbanguly Berdimuhamedow. Ein Despot mit Dauerlächeln, der Vaterlandsliebe und Treue zur Heimat als unabdingbare Tugenden predigt. Wenn ein Heranwachsender diese Tugenden nicht pflegt, nicht von Kindesbeinen an verinnerlicht, wird er ausgestoßen, sagt der Mann im Diktatorendress.

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Alex hat seine böse Vergangenheit abgestreift und sich angepasst. Mit Anzug und Krawatte tritt er im Schlussbild mit Freundin auf: Julian Niedermeier (Alex), Ella Schulz (Marty)
Die Reparatur der Bühnenvorhangaufzugsmaschine hatte eine gute halbe Stunde gedauert. Um das Publikum bei Laune zu halten, wurde von der Theaterleitung der Sturm auf die Bar ausgerufen: „Gratis Sekt für alle!“  Auch ohne Panne und Freigetränk verspricht "Clockwork Orange" ein besonderes Theaterlebnis: acht Schauspieler, von denen manche in ebenso viele Rollen schlüpfen, erzeugen mit entschlossenem Einsatz Ekel, Abscheu und Mitgefühl.

Hubert Jakob Denk

 



 

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