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Nachrichten | Freitag, 21. Juni 19

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Unfall beim Rettungseinsatz am NS-Opfer-Mahnmal: Eine Holzplatte mit Absperrbändern und Schrammen am Granitpflaster markieren, wie weit der Feuerwehrwagen den tonnenschweren Gedenkstein, im Hintergrund, geschleudert hat. (Foto: mediendenk)
Drei Flüsse, zwei Dramen

Zwischen Glück und Unglück

Glanz und Elend, Glück und Unglück liegen in der Dreiflüssestadt oft nah beieinander.

Während am Freitagnachmittag auf der Donauseite Ehrengäste gekleidet in Seide und feinem Zwirn im Großen Rathaussaal den Festreden zur Eröffnung der "Europäischen Wochen" lauschen, kämpft auf der Innseite eine Unglückliche aus bescheidenen Verhältnissen in nassen Kleidern um ihr Leben.

Feuerwehr rettet Frau
Ein junges Pärchen, ein syrisches Flüchtlingsmädchen und ein bayerischer Bursche, das sich im Schatten der Bäume in der Parkanlage am Innstadtbahnhofweg niedergelassen hatte, war Zeuge geworden, als sich die offenbar Lebensmüde rücklings in den Fluss fallen ließ. Hilferufe, Handynotrufe.

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Die wichtigsten Retter zu Wasser in der Dreiflüssestadt: Ilzstädter Feuerwehrleute und (im Hintergrund) Grubweger Kollegen mit ihren Einsatzbooten. (Foto: mediendenk)
Die Rettungskette beim Alarm "Person im Wasser" ist in Passau eingespielt. Rund vier Dutzend Kräfte stürmen los. Feuerwehrleute aus Ilzstadt und Grubweg legen mit ihren Schnellbooten ab. Kollegen der Feuerwehrhauptwache besetzen die Ufer; Besatzungen mit Notarzt-, Rettungs- und Streifenwagen eilen hinzu.

Schöne Klänge, grässlicher Rumms
Bei den "Europäischen Wochen" hält ein französisches Streichquartett, "Quatuor Modigliani" aus Paris, gerade mit sensationellem Saitenspiel das Festspielpublikum in Atem, während drüben am Innufer die vom Adrenalin gepeitschten Einsatzkräfte aufatmen können. 50 Meter von der Unglückstelle entfernt fischen sie die erschöpfte Frau Mitte 40 aus dem Wasser. "Jetzt bekommt sie wenigstens eine Zeitlang das, was sie vielleicht vermisst hat: Betreuung und Zuneigung", sagt ein weiser alter Mann, ein ehemaliger Stadtrat, der auf der Parkbank die Sonne genießt und Zeuge wird, wie die Gerettete von Helfern gestützt übers Bahngleis zum Sanitätswagen geführt wird. 

Feuerwehr rammt Monument
Dem Glück der Rettung folgt ein Unglück anderer Art. Die schönen Klänge der Feierlichkeiten in der Altstadt erwidert ein grässlicher Rumms im südlichen Neumarkt. Ein Rüstwagen der Feuerwehr, den der Fahrer für den Rettungseinsatz rasant beim Proli-Kino zum Innkai lenkt, rammt mit dem rechten vorderen Kotflügel einen tonnenschweren Granitblock und schleudert diesen aus der Bodenverankerung; es ist der Gedenkstein, der zum Gitterturm aus rostigem Stahl gehört, das Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus.

Der Schaden am Monument, das müssen die Feuerwehrmänner erfahren, lässt sich nicht so schnell beheben. Selbst mit vereinter Muskelkraft können sie den tonnenschweren Würfel keinen Millimeter bewegen. Er ist sechs Meter weit verschoben worden und liegt jetzt wie ein Stolperstein im Weg. Der Fahrer entschuldigt sich, er habe auf eine Gruppe Fußgänger geachtet und das Denkmal auf der Beifahrerseite übersehen. Er hat die Polizei gerufen und Selbstanzeige erstattet.

Als die Feuerwehrleute, das peinliche Missgeschick mit Humor überspielend, den Schauplatz verlassen, wechseln die Gäste der Eröffnungsfeier gerade vom Rathaus in den Großen Redoutensaal zum Staatsempfang. Von den großen und kleinen Dramen, die sich draußen abgespielt haben, ahnt die feine Gesellschaft nichts. Der Reporter, der öffentlichen Neugierde folgend, hatte statt des großen Kulturereignisses den großen Blaulichteinsatz verfolgt. 

Nachtrag zum herausgerissenen "Stein": Es handelt sich um einen geschliffenen Granitwürfel des österreichischen Künstlers Wolfgang Kirchmayer, Jahrgang 1943, mit der Inschrift: "In der Zukunft ist die Vergangenheit latent. Jeder Mensch hat die Freiheit gegen das Böse aufzutreten. Das gibt mir Hoffnung". Das Mahnmal wurde 1996 geschaffen, der Granitwürfel steht im Mittelpunkt der Gedenkfeiern, welche die Stadt Passau hier regelmäßig zum Tag der Befreiung von Auschwitz und der Reichspogromnacht abhält. Der Oberbürgermeister legt hier die Kränze nieder. Zum Gewicht: 1 Kubikmeter Granit wiegt 2,8 Tonnen. Der Würfel entspricht etwa einem Drittel Kubikmeter.

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12. November 2019
 
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