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Report | Dienstag, 22. August 17

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TV-Kameraleute und Pressefotografen drängen sich hinter der Absperrung: Der Mordangeklagte zwischen seinen beiden Strafverteidigern Holm Putzke und Thomas Krimmel. (Foto: Tobias Köhler/mediendenk)
Mordprozess in Passau

13-Minuten-Schauspiel mit Schweigen und Fesseln

Das Verbrechen von Freyung. Der erste Prozesstag dauerte dreizehn Minuten.

Als der Staatsanwalt die Anklageschrift verliest, sitzt ihm der 23-jährige Mordangeklagte mit gefalteten Händen und erhobenem Kinn gegenüber, in fast trotziger Pose. Als die wuchtig geführten Messerstiche zur Sprache kommen, runzelt er kurz die Stirn, lässt seinen Blick hinauf zum Deckengemälde des Saals schweifen. Es zeigt Mariä Himmelfahrt. Das Passauer Landgericht residiert in der Alten Residenz der Fürstbischöfe. Der Raum gehörte zur Hofkapelle.

Der Freyunger Bursche trägt den selben grauen Hoodie, den ihr auf der Flucht mit seinem damals 18 Monate alten Sohn getragen hat. Er hatte ein Handyfoto ins Netz gestellt, auf dem Arm seinen kleinen Buben, ein Gruß aus Paris, dass es seiner kleinen Familie gut gehe. Es sollte wahrscheinlich vorgaukeln, dass die junge Mutter noch am Leben ist.

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Der Haupteingang war von wartenden Zuschauern und Presseleuten blockiert. (Foto: Tobias Köhler/mediendenk)
Bereits eine Stunde vor Prozessbeginn warten vor dem Eingangstor des Passauer Landgerichtes mehrere Dutzend Zuschauer auf Einlass. 18 Stühle sind für die Presse reserviert, etwa 50 für die Zuschauer. Die Plätze reichen nicht aus.

Gefesselt an Händen und Füßen, schwarze Jogginghose, auffällige rote Markenturnschuhe, kahl rasierter Kopf und Dreitagebart. So erleben die wartenden Zuschauer auf der Gasse den Angeklagten, als er das blaue Justizfahrzeug verlässt. Seine linke Hand ist bandagiert. Es wird spekuliert. War er im Gefängnis in eine Schlägerei verwickelt? Hat er sich aus Wut selbst verletzt? 

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Der an Händen und Füßen gefesselte Mordangeklagte musste die zehn Stufen einer Außentreppe hoch humpeln zu einem Nebeneingang. (Foto: Tobias Köhler/mediendenk)
Punkt 9 Uhr betreten die fünf Vertreter des Schwurgerichts den Saal. Als der Vorsitzende Richter Wolfgang Hainzlmayr vom Angeklagten wissen will, ob der eingetragene Beruf „Bauhelfer“ richtig sei, korrigiert ihn dieser: Er sei auch Fitnesstrainer. „Ein Ausbildungsberuf?“, fragt der Richter. Die Antwort bleibt aus, aber er ändert den Eintrag. Beruf „Fitnesstrainer“ steht jetzt in der Akte.

Der Angeklagte will wie erwartet keine Angaben zur Sache machen. Auch seine beiden Strafverteidiger geben zu erkennen, dass sie sich erst zu einem späteren Zeitpunkt äußern möchten. Zeugen sind am ersten Prozesstag keine geladen. „Dann sehen wir uns wieder am 4. September um 14 Uhr“, sagt der Vorsitzende Richter. Der Prozessauftakt ist beendet.

Auf der Nebenklagebank sitzen drei Rechtsanwälte. Einer vertritt die Mutter der Getöteten, einer den Vater der Getöteten, der dritte den heute zwei Jahre alten Halbwaisen.

Der Staatsanwalt schildert anhand der Obduktionsergebnisse, wie heimtückisch und grausam der Täter gegen die junge Mutter vorgegangen ist. Messerstiche in Kopf und Hals hätten Arterien durchtrennt, in der Tiefe die Halswirbelsäule erreicht, Knochen seien gesplittert und zwei Zähne herausgestochen. Schnittwunden an den Händen würden belegen, dass das Opfer versuchte, sich zu wehren. 

Die Anklageschrift beschreibt das Motiv. Nach der Trennung im September 2016 hatte die 19-jährige Mutter dem Vater ihres Kindes gestattet, weiter in der gemeinsamen Wohnung zu wohnen. Sie sei ein neues Liebesverhältnis mit einem anderen Mann eingegangen. Verlustängste und Eifersucht, nicht ertragen zu können, dass ein anderer seine Rolle einnehmen werde, auch die Vaterrolle, soll die Tat ausgelöst haben. 

Viele Zuschauer sind enttäuscht. Sie haben stundenlang für ein 13-minütiges Schauspiel gewartet. Die Jurastudenten, deren Professor als Strafverteidiger auftritt, diskutierten lebhaft über den möglichen Ausgang des Verfahrens.

Text und Fotos: Ben Balzereit, Christian Zarnke, Tobias Köhler, Hubert J. Denk

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