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Report | Samstag, 25. März 17

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Sebastian Kellner, langjähriger Mitarbeiter, hat die Kultkneipe von Klaus Kubitschek übernommen. (Foto: Tobias Köhler)
Passauer Kultkneipe

Alles erledigt

Klaus Kubitschek, 56, ist mit seiner Kneipe „Colors“ im Passauer Nachtleben Kult. Jetzt hat er seinen Laden nach einem Vierteljahrhundert abgegeben. Der Zeitpunkt könnte für ihn nicht passender sein. Warum, das erzählt er in dieser Geschichte.

Die Putzfrau wischt den Boden, die Stühle stehen noch auf den Tischen. Der Geruch von Seifenwasser liegt in der Luft. In zwei Stunden öffnet die Kneipe Colors wie jeden Freitag pünktlich um 19 Uhr seine Tür. Über der kleinen Tanzfläche hängt eine Diskokugel, die Wände sind in Rot, Braun und Weiß gestrichen. Klaus Kubitschek sagt: „Alles hat seine Zeit“, um gleich darauf zu betonen, dass er solche abgedroschenen Phrasen nicht mag. Diesmal muss er zustimmen.

Jetzt ist seine Zeit gekommen aufzuhören. Den 56-Jährigen plagen weder finanzielle noch gesundheitlich Probleme. In den letzten Jahren hatte er schon öfters mit dem Gedanken gespielt, ihn aber immer wieder verworfen. Er hört auf, weil er will.
Sein „Colors“ ist eine Institution in der Passauer Innstadt. Sie prägt seit Anfang der 1990er Jahre das Nachtleben. Ein Laden, dessen Publikum so bunt zusammengewürfelt ist wie die Farben an der Wand. Einheimische und Studenten, Eltern und Schüler. Er ist mit jedem Gast per Du, seinen Familiennamen kennen die wenigsten.
Klaus trägt ein schwarzes, halboffenes Hemd, darunter ein schwarzes T-Shirt, auf dem in weißen Großbuchstaben „Colors“ steht. Sein stämmiger Körperbau, die kahlgeschorene Glatze, die rauchige Stimme – dieser Wirt ist eine harte Erscheinung.

"Ich habe zwar von der Kneipe gelebt, aber ich habe sie auch gelebt"

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Generationen von Gästen haben sich mit Fotos verewigt, welche Wandtafeln schmücken. Sie entstanden in Jubiläumsjahren. (Foto: Tobias Köhler)
Trocken sagt er: „Das Colors ist im Prinzip auch nur ein materielles Ding, das man loslassen muss.“ Seine Stirn legt sich in Falten. Der ernste Satz scheint eher rationales Denken als kühle Distanz zu sein. Denn wer ihm länger zuhört, erfährt, dass für Klaus die Bar nie ein reines Geschäftsmodell war. „Ich habe zwar von der Kneipe gelebt, aber ich habe sie auch gelebt“, sagt er. Gerüchten zufolge hat er in der Silvesternacht ein paar Tränen verdrückt, als er seinem Nachfolger Sebastian Kellner, genannt Kelly, der seit zwölf Jahren bei ihm arbeitet, den Schlüssel übergeben hat. „Daran kann ich mich aber nicht erinnern“, meint er, als der Reporter ihn darauf anspricht.

Klaus wurde 1961 in Fürstenstein geboren. Er machte sein Abitur an der Fachoberschule. Ein Architekturstudium in Regensburg brach er ab wegen einer Jugendliebe. Es folgte eine Fotografenausbildung beim Fotografenmeister Geins. Einen Job als Kameramann in Berlin hatte er bereits in Aussicht, da boten ihm seine älteren Brüder eine neue Aufgabe an: Er sollte nach Portugal gehen und die Zweigstelle eines Granitwerks leiten, das seine Brüder vom Vater geerbt hatten. Klaus lernte portugiesisch und arbeitete sich in die Firma ein. Der Mauerfall 1989 brachte auch für Klaus die Wende: „Das Werk in Portugal war gestorben, meine Brüder wollten sich nach Osten orientierten. Aber da wollte ich nicht hin.“ Der Job in Berlin war inzwischen weg. Während er sich als Barkeeper ein Zubrot im „Café Aquarium“, heute „Theatercafe“ verdiente, erkannte er, dass seine Zeit gekommen ist: „Es ist noch Platz für eine Kneipe in Passau.“

„Noch heute gibt es Schlaumeier, die sagen, ich hätte den Namen falsch geschrieben“

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Klaus Kubitschek am Tresen seiner Kneipe "Colors", die er vor 25 Jahren gegründet hat. (Foto: Tobias Köhler)
Geschützt mit einem alten Schalenhelm knattert Klaus bei gutem Wetter mit seiner Vespa durch die Gassen der Innstadt. Das italienische Zweirad, 50 Kubik, Baujahr 1981, war ursprünglich für seinen Sohn gedacht. Der hatte keine Lust auf Führerschein. Anfangs hatte Klaus Zweifel, ob das Teil für ihn nicht zu unmännlich sei. Dazu muss man wissen: Er war davor zwanzig Jahre lang eine Chopper gefahren, mit dickem Hinterrad und langer Lenkgabel. „Mit einem Freund tourte ich bis nach Spanien.“ Jetzt ist er Fan des Rollers geworden: “Vespa fahren ist kultig. Kostet nichts und man fährt an jedem Stau vorbei.“

Februar, 1991. In vier Monaten hatte Klaus mit zwei Freunden das leerstehende Wirtshaus „Weißes Lamm“ in eine Kneipe umgebaut. Im hintersten Raum, wo ein Schützenverein seinen Schießstand hatte, stellten sie Billiardtisch und Dartautomat auf. „Wir holten alte Stühle aus der Peschl-Brauerei und bemalten sie in allen Farben.“ Den Raum mit den Fenstern zu Straße möblierten sie mit runden und quadratischen Granittischen. Sie sind ein Stück Familiengeschichte: „Der Granit stammt aus dem Werk meiner Brüder, auch die Platte für die Theke.“

Am Tag vor der Eröffnung hatten sie immer noch keinen Namen für ihre Kneipe. Sie einigten sich auf das Naheliegendste: „Colors“, passend zur bunten Einrichtung. „Noch heute gibt es Schlaumeier, die sagen, ich hätte den Namen falsch geschrieben“, erzählt Klaus. „Colors“, so klärt er sie auf, ist die amerikanische Schreibweise. Mit den späteren Renovierungen hat das „Colors“ seine Farben verloren. Doch der Name passe nach wie vor, „nur seine Bedeutung hat sich gewandelt“, sagt Klaus. Bunt sind heute die Mischung des Publikums und die Musik. Von Elektro bis Rock.

Frau und Sohn gut versorgt

Klaus wohnt über der Kneipe in der Pächterwohnung, seit er sich von seiner Frau getrennt hat. Er hat mit der Grundschullehrerin einen Sohn, der Mitte der Neunziger zur Welt kam. Für ihn war wichtig, dass beide gut versorgt sind. Er überschrieb ihr sein Wohnhaus mit der Bedingung, dass es der gemeinsame Sohn erbt. Das Haus, keine zwanzig Meter vom Colors entfernt, hatte er über drei Jahre umgebaut, es wurde mit einem Denkmalschutzpreis ausgezeichnet. „Neben der finanziellen Absicherung war mir wichtig, dass mein Sohn seinen Weg findet. Guter Charakter, gute Freunde, dass er "gut denkt.“ Jetzt ist der Sohn 21, lernt Schreiner. Der Vater sieht seine Pflicht erfüllt. Diese Geschichte muss erzählt werden, wenn man begreifen will, warum sich Klaus jetzt die Freiheit nimmt: Er hat alles erledigt.

In den nächsten Monaten will er die Welt bereisen. „Mit einer Harley über die „Route 66“ oder mit dem Greyhound-Bus quer über den Kontinent.“ Er will Menschen besuchen, die er übers Colors kennengelernt hat: das Ehepaar aus Chicago, das sich an seinem Tresen kennenlernte, der Gitarrenspieler aus Los Angeles, der die Söhne von Bono, Frontmann von „U2“, unterrichtete oder die Stammkundin, die heute in Kolumbien lebt. Kein Druck, kein Stress, kein Zeitplan. Dass er nach dieser Reise wieder arbeiten muss, stört ihn nicht. Es werde keine Nachtgastronomie mehr, so viel sei sicher. „Mein Plan ist: kein Plan“, sagt er. Ein Credo, dass sich so mancher Mann wünscht.

Heimlicher Abschied mit Freibier

Als Klaus in der Silvesternacht die Schlüssel an seinen Nachfolger übergeben hat, waren nur wenige eingeweiht. Er wollte keine „Big Party“, wie er sagt. Um Mitternacht spendierte er 100 Liter Freibier. Was der Grund für seine Großzügigkeit war, bekamen die Gäste erst nach und nach mit: Klaus sagt leise Servus.

Text: Tobias Mayerhofer / Fotos: Tobias Köhler

Dieser Beitrag erschien im Magazin Heft Nr. 102/ Februar 2017

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