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Report | Mittwoch, 29. November 17

Gestörte Störer

Arme AfD!

In Passau läuft vieles anders als im Rest der Republik. Auch für die AfD. Man könnte mit der blauen Partei fast Mitleid haben, denn mit ihrem Merkelprotest beim Kanzlerauftritt hatte sie wirklich einen schweren Stand. Anfangs wurde ihre Kundgebung von Antifa-Aktivisten gestört, zum Schluss ihr Protest vor der Merkelbühne von Flüchtlingen ausgebremst. Lesen Sie dazu diesen Report.

17.30 Uhr: Mit Panzerband befestigt Robert Schregle eine Deutschlandflagge am Stativ eines Lautsprechers. Für den AfD-Direktkandidaten ist es ein großer Tag. Er steht im Mittelpunkt einer Anti-Merkel-Kundgebung. Heute kommt die Kanzlerin nach Passau. Den Prospekt seiner Rednerbühne bildet ein weißer Kleintransporter, dessen Seitenwand mit einem Großplakat beklebt ist. Durch den spärlichen Schlitz eines schwarzen Gesichtsschleiers blickt ein Augenpaar, „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ steht darunter. Hinter dem Kleintransporter beginnt die Polizeiabsperrung. Sechs Polizeifahrzeuge säumen den Veranstaltungsort, für den die Partei unter dem Motto „Merkel muss weg!“ 200 Teilnehmer angekündigt hat. Es werden weniger als ein Drittel kommen.

AfD-Quereinsteiger im Stadtrat
Die AfD ist in der ehemaligen Flüchtlingshochburg Passau eher schwach vertreten. Im Passauer Stadtrat, 44 Mitglieder, sitzt als einziger AfD-Vertreter ein Zahnarzt. Er hat ursprünglich als Mitglied der rechten Gruppierung „Pro Passau“ das Mandat bekommen, ein AfD-Quereinsteiger. Ihm wurde bei den Sitzungen im Großen Rathaussaal, vom Zuschauerraum aus gesehen, ein einzelner Tisch in der hinteren rechten Ecke zugewiesen, der ursprünglich den Rathausreportern vorbehalten war.

17.40 Uhr: Vorbeieilende Passanten halten in der Bahnhofstraße kurz inne, um Schregle, dem AfD-Mann im knallblauen Pullover beim Aufbau zuzusehen. Ein aufmerksamer Beobachter hat sich auf der anderen Seite des Ludwigsplatzes postiert, Josef Ilsanker, der Direktkandidat der Linken. Er verfolgt von der Freitreppe der Volksbank aus das Treiben im Umfeld des weißen Lieferwagens. Er sei heute als Privatperson der und beobachte aus Distanz, sagt er. Er leitet den „Runden Tisch gegen Rechts“ in Passau, von dem, wie er betont, keine Aktion geplant sei. „Wir möchten uns von keiner politischen Seite instrumentalisieren lassen“, erklärt Ilsanker. Es dürfte ihm später aufgefallen sein, dass einige wenige junge Männer auftauchen, vereinzelt und in Grüppchen, die selbst bei flüchtigem Blick dem linken Spektrum zugeordnet werden können.

17.55 Uhr: Zuschauer in der Größe von etwa zwei Schulklassen haben sich innerhalb der Polizeiabsperrung eingefunden. Schregle verteilt Plakate und Fahnen. Die Hände, die sich ihm entgegenstrecken, die dieses Material danach eifrig hochhalten oder schwenken, gehören meistens Männern mittleren Alters. „Unser Land, unsere Regeln!“, steht auf blauer Pappe oder „Merkel verspielt unsere Zukunft!“ Zu den Plakaten gesellen sich Deutschland- und Bayernflaggen.

18.05 Uhr: Elke Brunner, Kreisvorsitzende der AfD, eröffnet die Kundgebung vor dem nun etwa 90 Anwesenden, darunter ein Dutzend Polizisten. „Merkel muss weg!“, beginnt sie ihre Rede, erntet Applaus und bittet kurz darauf der Hauptredner auf die Bühne. Schregle ist kein Mann gefeilter Rhetorik oder großer Gesten. Fast statisch spricht er ins Mikrofon, erinnert an vergangene Demonstrationen, trägt ein Gedicht vor, beklagt, dass die AfD verfolgt werde. Er verbindet dies mit dem Hinweis, dass man keine verfassungsfeindlichen Symbole trage. „Sollten solche festgestellt werden, führt dies leider zur Anzeige“, belehrt er das Publikum.

18.10 Uhr: Schregle hat diesen Satz kaum beendet, da übertönt ihn ein Sprechchor von fünf Jugendlichen, getarnt mit Sonnenbrillen, Schals und Kapuzen: „Es gibt kein Recht auf Nazi Propaganda!“ Polizisten umstellen die Störer. Schregle erhebt seine Stimme, versucht den Sprechchor der Störer zu übertönen. Vergeblich. Es werden immer mehr. Schregle ringt um Fassung, schimpft, das lasse er sich nicht bieten, ruft „Vielen Dank fürs Pfeifen Ihr Linken!“. Sein Kommentar zum „Stand der Demokratie“ geht unter in Gesängen und Pfiffen. Drei junge Gegendemonstranten, einer im Pandakostüm, versuchen aufs Rednerpodium zu steigen. Bereitschaftspolizisten eilen herbei, packen die Stören an den Rucksäcken und schieben sie aus der Szene.

Schregle, geröteter Kopf, setzt seinen Vortrag fort. Erzählt von einer von Afghanen vergewaltigten Deutschen, trägt Zahlen vor, versucht das Pfeifen zu ignorieren. Seine Anhänger übertönen die Rufen der Gegner, in dem sie skandieren „Merkel muss weg!“ Die linken Demonstranten, die ohne Anmeldung gekommen sind, entrollen große schwarze und weiße Banner. Aus dem AfD-Lager gibt es wenig Gegenwehr. Ein älterer, glatzköpfiger Herr, neongelbe Regenjacke, Fahrradklammern an den Hosen, schnappt sich ein Plakat und umkreist die Protestierenden, ruft diesen verächtlich zu: „Und Ihr seid unsere Zukunft?“

Dass Protest auch leise sein kann, beweist Franz Hauber. Der 51-Jährige streckt seit Beginn der Veranstaltung ein einfaches, weißes Schildchen in die Höhe, dass er selbst beschriftet hat: „AfD muss weg!“ Seinen Platz in der ersten Reihe musste aufgeben, denn sie hätten ihn angerempelt und mit Klage gedroht, berichtet er. „Dabei halte ich nur ein Schild hoch wie die anderen auch“, sagt er. Er gehöre dem „Runden Tisch gegen Rechts“ an, sei jedoch spontan und privat hergekommen. Er habe zwei Kinder im Teenageralter und mache sich Sorgen, dass eine rechte Partei wieder hoffähig wird.

Welche Sorgen auf der anderen Seite sind, formuliert ein AfD-Mann um die 60, der seinen Namen nicht nennen will: „Wir haben im 15. Jahrhundert gegen den Islam gekämpft. Heute holen wir ihn rein, das wird die Jugend noch bereuen.“ Er sei kein Nazi, aber gegen einen starken Islam. „Die Merkel verspricht das Paradies.“

Auf Anonymität sind auch die jungen Demonstranten bedacht. Sie seien nicht organisiert, sagt einer der zwei Dutzend Störer. Von dieser Veranstaltung wisse man von AfD-Facebookseiten. „Wir wollen zeigen, dass Passau etwas gegen nationalistisches, sexistisches und homophobes Gedankengut hat."

18.45 Uhr: Geschlossen marschieren etwa 50 AfD-Anhänger hinauf zum Kleinen Exerzierplatz, wo seit einer guten Viertelstunde Merkel spricht.  Auf dem Weg dorthin werden sie bisweilen von Passanten beschimpft. „Verpisst Euch, Nazis!“, ruft ein Student. Die Gegendemonstranten folgen ihnen, Polizeibeamte marschieren als Puffer dazwischen. Die Gruppe trifft ein, als Merkel ihre Rede beendet hat. Sie stehen in der letzten Reihe außerhalb des abgesperrten Bereichs, hinter dem Wasserbecken der „Cagnes-Sur-Mer“-Promenade, 100 Meter entfernt von der Bühne, sodass ihre „Merkel muss weg!“-Rufe ihr Ziel nicht erreichen. Die Kanzlerin ist Schlimmes gewohnt in den östlichen Bundesländern. Dort werden ihre Auftritte durch Störer zur Belastungsprobe, in Passau traf dieses Schicksal die AfD.

19 Uhr: Andreas Scheuer überreicht der Kanzlerin ein Bild, das einen schwarzen Elefanten mit einem goldenen Rüssel zeigt. Sie amüsiert sich. In der letzten Reihe geht es jetzt mehr oder minder auch amüsant zu. Die AfD-Leute sind unfreiwillig mit einer Zuschauergruppe zusammengekommen, die besonders begeisterte Merkelfans sind: Flüchtlinge aus Afghanistan und Syrien; manche von ihnen leben seit mehr als drei Jahren hier, sind gut integriert. Ein Wettstreit beginnt, welche Schilder sichtbarer werden: Die blauen „Merkel muss weg!“ oder die mit dem Schriftzug „Angela Merkel“ auf Schwarz-Rot-Gold?

Es kommt fast zum Konflikt, als ein junger Flüchtling lachend mit einem Pro-Merkel-Schild einer AfD-Frau mit Anti-Merkel-Plakat vor der Nase herumtanzt und ihren Protest immer wieder verdeckt. Sie fährt ihn an, wie viel Geld er für seine Merkel-Begeisterung erhalte? Der Orientale ignoriert sie, lässt sich nicht provozieren und tanzt fröhlich für die Handykameras seiner Freunde.

Zwei AfD-Anhängerinnen, die sich mit schwarzer Burka verkleidet haben, um gegen Vollverschleierung zu protestieren, sind auch unter die orientalischen Merkelfans geraten. Hier ergreift ein Flüchtling das Wort: „Sie sind keine Muslima!“, ruft er. „Warum machen Sie das? Das ist nicht der Islam!“, redet er sich in Rage. Ein Freund beruhigt ihn. Um die verschleierten Frauen kümmert sich danach die Polizei. Welche Konsequenzen es hatte, haben wir im ersten Beitrags geschrieben.

Ben Balzereit

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