Google-Anzeigen

Report | Samstag, 01. Juli 17

bild_klein_0000012096.jpg
Beethovens 9. zum EW-Auftakt in der Dreiländerhalle, die Solisten: Sopranistin Yeree Suh, Tenor Sebastian Kohlhepp, Bariton Bauer und Mezzo-Sopranistin Marianne Kielland. (Foto: Tobias Köhler)
Eröffnung "Europäische Wochen"

Aus dem Vollen schöpfen

Er ist ein Unterhaltungstalent. Seine Begrüßungsrede inszeniert er als Monolog mit dem Ehrengast und Festredner, dem er am Vorabend den Genuss einer Freiluftoper auf Oberhaus und danach einen weinseligen Abend im tiefen Kellergewölbe eines ehemaligen Franziskanerklosters geschenkt hat. Seine Stimme scheint davon noch etwas angeschlagen und der Zuschauer fragt sich, ob das etwas ungeordnete Haar von der Eile am Morgen rührt oder ein Teil dieses Schauspiels ist.

bild_klein_0000012097.jpg
Beethovens 9. in der Dreiländerhalle: Das Neue Orchester aus Köln und ein 100 Sänger starker Passauer Chor. (Foto: Tobias Köhler)
Thomas Eduard Bauer hat als elfter Intendant der Festspiele „Europäischen Wochen“ (EW) die Eröffnung als Neuanfang inszeniert; von einer „Premiere“ sprach Oberbürgermeister Jürgen Dupper. Erstmals fand der Festakt in der barocken Anmut des Fürstbischöflichen Opernhauses statt, erstmals vereint sich in der Person des Intendanten ein Dreiklang aus Künstler, Kulturmanager und Teamspieler. Letzteres spiegelt sich wider in seiner Eröffnungsrede. Er schwärmt von der Opernaufführung des Landestheaters auf Oberhaus. Sein Ehrengast und Festredner, Philosoph Peter Sloterdijk, habe beeindruckt angemerkt, da müsse man erst nach Passau fahren, um eine anständige Aufführung der Oper „Lucia di Lammermoor“ zu erleben.

"Ich bin nicht mehr dazugekommen, eine Rede vorzubereiten", sagte Bauer. Er hatte die Lacher auch danach auf seiner Seite, als er - zur Aufklärung für seinen Gast Sloterdijk - die wichtigsten Vertreter der Politik im Publikum aufzählt, im Schnelldurchlauf deren Funktionen, Verbindungen und Befindlichkeiten benennt. So wurde aus einer langweiligen Begrüßungsaufzählung eine kurzweilige Geschichte.

„Passau, das schönere Salzburg“, solche EW-Slogans würden runter gehen wie Öl, lobte Bernd Sibler, der Kultusstaatssekretär, die PR-Kampagne des Intendanten. Seine Rede wurde eine Lobesrede auf den Duzfreund.

bild_klein_0000012049.jpg
Philosoph Peter Sloterdijk sprach über Kunst, Schönheit und Wahrheit.
Festredner Peter Sloterdijk zitierte Platon und Nietzsche, um sich der Definition von Kunst, Schönheit und Wahrheit im Gestern und Heute zu nähern. Der Philosoph bedachte das Publikum kaum eines Blickes, denn er las konzentriert von seinem Manuskript, darin fanden sich komplizierte, aber anrührende Sätze aus Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ die Schönheit betreffend: „Der Sonne lernte ich dies ab, wenn sie hinabgeht, die Überreiche: Gold schüttet sie da ins Meer aus unerschöpflichem Reichtum, dass selbst der ärmste Fischer noch mit goldenem Ruder rudert! Dies nämlich sah ich einst und wurde der Tränen nicht satt im Zuschauen.“

Die Schönheit eines Trauerliedes, das im freudigen Tanz endet, lernten die Passauer Gesellschaft und die angereisten Vertreter der hohen Politik bei der musikalischen Einlage des Festaktes kennen. Ein Quartett mit Bariton Bauer, begleitet von einem Musikerquintett, stimmte die Kantate „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ an, eine der ältesten Vokalwerke von Johann Sebastian Bach. Bauers Baritonsolo lautete: „Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben und nicht lebendig bleiben...“

Der neue Intendant hat sein Haus bestens bestellt; er schüttet Energie in die Passauer Kultur verschwenderisch wie die Sonne, schöpft aus dem Vollen, bedient sich am reichen Schatz der Klassik. Die begnadeten Bachsänger haben die Zuhörer drei Stunden später beim Eröffnungskonzert in der Dreiländerhalle erneut erlebt, bei Beethovens 9., als sie mit einem 100-köpfigen Chor aus Laien- und Profisängern die „Ode an die Freude“ schmetterten. Bauer hatte Sängerinnen und Sänger aus der Region zum Mitmachen aufgerufen. Ein kluger Schachzug: Es stärkt das "Die-Europäischen-Wochen-sind-wir"-Gefühl.

bild_klein_0000012098.jpg
Beethoven im Original: Sie spielen auf zeitgenössischen Instrumenten. (Foto: Tobias Köhler)
Das Neue Orchester aus Köln spielte auf Original-Instrumenten der Zeit Beethovens. Dirigent Christoph Spering ließ den alten Meister in seiner stürmischen Verrücktheit aufleben, wie Intendant Bauer es in seiner launigen Anmoderation angekündigt hatte. Der Chor, die Musiker, die Solisten, der Dirgent - alle legten sich ins Zeug. Einige wenige Zuhörer waren so mitgerissen, dass sie den Schlussapplaus nicht abwarten konnten und ein Zischen der Klassikfreunde ernteten: "Psssst!" Beim "Alle Menschen werden Brüder!" trieb es vielleicht manchen wie in Nietsches Betrachtung die Tränen in die Augen, ob der Schönheit dieser Musik und ihrer Stimmung, ob der wunderbaren Kraft und Harmonie zwischen Passauer Chor und Kölner Orchester. 

Andere wiederum mögen innerlich vor Traurigkeit geweint haben. Sänger und Musiker kämpften an gegen den brutalen Raumklang einer Mehrzweckhalle. Die Blechhörner schepperten verzögert von der linken oberen Hallenecke, als wären die Öffnungen der vier mächtigen metallenen Lüftungsrohre an der Decke ihre Schalllöcher. Die armen Solisten! Sopranistin Yeree Suh, eine Koreanerin, die auf internationalen Bühnen regelmäßig vertreten ist, der lyrische Tenor Sebastian Kohlhepp, herausragendes Ensemblemitglied der Staatsoper Stuttgart, die ausgezeichnete Mezzo-Sopranistin Marianne Kielland aus Norwegen und Bauer, der große Bariton - ihre kraftvollen unverstärkten Stimmen fraß das Raumungeheuer "Dreiländerhalle" spätestens ab der sechsten Reihe.

Passau, die europäische Festspielstadt, reich an Kultur, Geschichte und märchenhafter Schönheit, hat kein Festspielhaus. Beethovens 9. führte diese Bitterkeit einmal mehr vor Augen.

Das Publikum würdigte die Leistung der Mitwirkenden und blendete gnädig diesen Mangel aus. Es klatschte, rief "Bravo!" und merkte, dass das Raumungeheuer auch seine Anstrengungen zunichte machte; da trampelten sie mit den Füßen, andere sprangen auf, um zu zeigen: Danke, Ihr ward große Klasse!

Mit Bach den Tag beginnen, ihn nachmittags mit Beethoven vorantreiben – und am Abend? Den Abend überlässt Bauer seinen geschätzten Freunden vom Landestheater Niederbayern. Die Philharmonie Niederbayern, dirigiert von Generalmusikdirektor Basil Coleman, wird den Tag bei einem Freiluftkonzert auf der Veste Oberhaus ausklingen lassen. Mit der 4. Sinfonie von Mendelssohn-Bartholdy, der „Italienischen“.

Bauer kennt keine Berührungsängste, wenn es der großen Sache dient. Er will künftig enger mit den Akteuren des Landestheaters zusammenwirken, auch dies ein Neuanfang, eine Premiere. "Es findet eine neue Begegnung auf Augenhöhe statt, die wir so von den Europäischen Wochen nicht kennen", sagt ein Vertreter des Landestheaters.

Bauer - mit oder ohne Konzerthaus - ist ein Glücksfall, ein Gewinn für Passau.

hud

Investieren Sie in die freie Presse!

Ihnen hat dieser Artikel genützt oder gefallen? Sie möchten auch weiterhin die Passauer Online-Zeitung Bürgerblick, ein Angebot im Netzwerk der freien Presse, lesen? Dann unterstützen Sie uns, indem Sie für dieses Angebot nach eigenem Ermessen bezahlen. Jeder Cent zählt. Einfach und bequem per Paypal.

20:39
Sonntag
23. Juli 2017
 
Bitte klicken Sie diese Förderer
und Freunde der freien Presse:

KULTURKALENDER
23.07. | Sonntag
Keine Einträge

BÜRGERBLICK AUF FACEBOOK

Google-Anzeigen