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Report | Dienstag, 19. September 17

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Radfahrer, die selbstbewusst den schmalen Streifen auf der Marienbrücke nutzen, sind zu Stoßzeiten selten. Viele weichen auf den Gehweg aus, haben Angst abgedrängt oder ausgebremst zu werden. (Foto: Tobias Köhler)
Umwelt und Verkehr

Autostadt Passau: Wenn Radfahrer stören

Das Fahrrad ist eine deutsche Erfindung. Zum 200. Geburtstag feiert es Renaissance. In Göttingen wurde ein Schnellweg für E-Bikes eröffnet, in Offenburg ein vollautomisches Radparkhaus, in Konstanz ein Lastenfahrradverleih. Und in Passau? Radler werden schikaniert wie eh und je. 

Es ist ein grauer, trüber Vormittag im Juni. Bedrohliche, dunkle Regen Wolken entleeren sich über Passau.  Wer kann, fährt mit Auto oder Bus in die Arbeit, um trocken anzukommen.  Wie es der Zufall will, zählen an diesem Morgen 14 Messstationen mit Kameras Passaus Fahrradfahrer. Es bedarf keines Genies, vorauszusehen, dass die Werte niedrig ausfallen werden. Doch Verkehrs planer dürfte das in ihrem Denken bestätigen: Passau ist eine Autostadt. Und so wird es wohl noch länger bleiben.

„Die Situation für den Passauer Radverkehr ist schlecht und es gibt wenige, die da den Blick in die Zukunft richten. Ich bin es leid, mich mit fahrradfeindlichen Bürgern auseinanderzusetzen“, wettert Alois Feuerer, pensionierter Gymnasiallehrer, ehemaliger Stadtrat, an seinem 80. Geburtstag. Er hat sein Amt nie als leichte Übung, mehr als Pflicht dem Wohle der Stadt zu dienen gesehen.

„Wir hatten leider das Pech, nie einen engagierten Oberbürgermeister oder einen Spitzenmann in der Verwaltung zu haben, der ein leidenschaftlicher Radfahrer ist. Wenn ich in andere Städte wie London oder Wien blicke, die zeigen, was man beim Radverkehr machen kann“, ist sich Feuerer sicher.

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Fahrradstadt Kopenhagen: Im Zentrum der dänischen Metropole, wie hier am Schloss Christiansborg, sind großzügige, deutlich gekennzeichnete Fahrradwege angelegt worden. Der Vorrang für die Radler hat sich ausgewirkt auf Stadtbild und -klima. (Foto: Tobias
Kopenhagen ist Europas Vorzeigestadt in Sachen Radverkehr. Die Dänen haben das Umdenken geschafft. Mehr als die Hälfte aller Bürger fährt mit dem Rad in die Arbeit oder zur Schule. Doch weder Umweltbewusstsein noch der Gesundheitsgedanke treibt laut Umfragen die Bürger an: Mit dem Rad ist man in Kopenhagen einfach schneller. Dafür hat die Stadt gesorgt: grüne Wellen an Radler-Ampeln, Tempolimit 30 innerorts, Autoparkplätze wurden Fahrradwegen geopfert. Das Auto ist im Hintertreffen. Taxis haben Dachträger, um Kunden mit Drahtesel chauffieren zu können; die S-Bahnen wurden für die Fahrradmitnahme umgebaut. Sogar daran wurde gedacht:  Haltegriffe an Verkehrsschildern und Ampeln, damit sich die Radler festhalten können und nicht absteigen müssen.

Die neue Passauer Polizeifahrradstreife war mit ihren E-Bikes noch keine drei Stunden im Einsatz, da sprach Schichtleiter Martin Pöhls von einem Erfolg. Zu einem Einsatz unter der Schanzlbrücke hatte er die Fahrradstreife beordert. „Mit dem Streifenwagen wären wir niemals so schnell vor Ort gewesen“, sagt er. Die Polizisten auf dem Fahrrad erleben, was jeder passionierte Radler im Stadtgebiet weiß: Vorbei am Stau, auf kurzen Wegen, auch gegen die Einbahnstraße ist oft erlaubt, spurten sie den Autofahrern davon.

Ein Fahrrad ist in der Stadt einfach schneller

Wer den Radverkehr in Passau beobachtet, erkennt die Mängel, aber auch die Möglichkeiten. Die Innbrückgasse ist die kürzeste Verbindung von den Stadtteilen am Inn zu den Stadtteilen an Donau und Ilz. Verboten, aber verständlich, benutzen Radler die enge Gasse in beide Richtungen. Das Ordnungsamt hat beschildert, dass Radfahrer Richtung Residenzplatz, also gegen die Einbahn, absteigen müssen. Wie wär ́s damit: Die Gasse für Verbrennungsmotoren sperren. Die Altstädter würden aufatmen, die Radler sich freuen. Mit derselben Konsequenz könnte die Hängebrücke, die Verbindung zur llzstadt, nach der Sanierung eine Fußgänger- und Radfahrerbrücke bleiben.

Bekanntermaßen sind die Dänen im weltweiten Glücksranking seit Jahren unter den Top 3. Spielt das Fahrrad eine Rolle? „Der Strohhalm, mit dem ich mich an die Lebensfreude klammere, ist augenblicklich das Bicycle“, schreibt der Schriftsteller Arthur Schnitzler.  Adam Opel konstatierte: „Bei keiner anderen Erfindung ist das Nützliche mit dem Angenehmen so innig verbunden, wie beim Fahrrad.“ Bis zu seinem Tod hatte er sich dagegen gewehrt, Automobile zu produzieren, setzte auf Fahrräder. Zitate alter Herren, doch ihre Philosphie trifft heute den Zeitgeist: Entschleunigung.

Das Leben entschleunigen und trotzdem schneller ans Ziel kommen ist für Radfahrer kein Widerspruch.  Es gibt in Passau immer mehr prominente Pedalritter:  Universitätspräsidentin Carola Jungwirth ist unterwegs mit Helm und Satteltasche, Klinikumsleiter  Stefan Nowack setzt sich für mehr Fahrradstellplätze vor seinem Haus ein, Ansgar Grochtmann, Leiter des  Rechtsamtes, radelt regelmäßig ins Rathaus; hinzu kommt die alte Garde der radelnden Stadträte wie Clemens Damberger  (CSU) oder Klaus Schürzinger (Freie Wähler); Glaskünstler Horst Stauber ist mit seiner Orangenholzkiste „Der Flieger“ auf dem Gepäckträger ein Passauer  Original.

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Premiere Polizeifahrradstreife: Christian Waitzbauer (links) und Andreas Winter haben sich freiwillig für die erste Passauer E-Bike-Streife gemeldet und sind begeistert: „Wir sind näher am Bürger und schneller unterwegs.“ (Foto: Tobias Köhler)
Der Aronia-Bauer und Millionär Hans Dorn schwärmt in der Heimatzeitung, wie gut sich Mobilität auf dem E-Bike anfühlt. Die Serpentinen hinauf zur Ries, die er früher wohl oft mit dem Porsche gekurvt ist, bewältigt er jetzt entspannt mit Zweirad und Akku. Die Koppenhager Stadtplanerin Tina Saaby sagte in der Wochenzeitung „Die Zeit“ über Radfahrer: „Die Leute nehmen Straßen und Plätze nicht mehr nur als einen Verkehrskorridor wahr, um von A nach B zu kommen, sondern als Orte, an denen man sich auf hält und andere Menschen trifft.“ Passau hat viele solche Plätze.

Zurück zur Hängebrücke. Sie ist wegen Generalsanierung bis Oktober gesperrt. Pendler, die aus dem Norden kommend in die Altstadt wollen, stellen ihr Auto im Bschüttparkhaus ab, gehen zu Fuß oder fahren mit dem Rad. Das Verkehrschaos blieb aus. Es gibt auch weniger Stau an der Schule durch Abholer und Wartende. Wer sich vor der Schreibtischarbeit an der frischen Luft bewegt, ist weniger schnell gestresst. Die Dänen genießen dieses Glück.

Am Ludwigsplatz gibt es Beifall für einen sportlichen jungen Radfahrer, der beim Ampelstart einen Mercedes-Sportwagen abgehängt hat. Dieser hatte zuvor versucht, dem Radler die Poolposition zu nehmen. Eine Szene für die Zukunft der Mobilität. Der Besitz eines Autos ist nicht mehr das Ziel der folgenden Generation, sie wollen öffentliche Verkehrsmittel wie Bus und Bahn mit Carsharingangeboten und Fahrrad verbinden. Einfacher, günstiger und umweltfreundlicher sich fortbewegen, der Stellenwert des Autos schwindet. Der Trend ist in Metropolen spürbar, in der Provinzstadt dauert es noch. 

Elektrofahrrad bringt neue Bequemlichkeit

Passau sei wegen seiner Topografie für den Fahrradverkehr untauglich, lautet ein altes Argument. Der Fortschritt hat es entkräftet: Mit einem Elektrofahrrad lassen sich mühelos alle Steigungen und größere Entfernungen überwinden. Bequemes Radfahren ist kein Privileg des Flachlands mehr. „Ich bin immer schon Rad gefahren und es ging gegen meine Sportlerehre, als mir zum 78. Geburtstag meine Kinder ein Elektrofahrrad schenkten“, erzählt Feuerer. Heute nennt er es eine "wunderbare, fantastische Sache".

Wo bleibt der Kopenhagen-Kick?

Aufgrund der besonderen Fahrradkultur in Kopenhagen hat sich der Terminus „copenhagenize“ etabliert. Der Begriff beschreibt die Verwandlung einer Autostadt in eine Fahrradstadt nach dem Vorbild der Dänen. Deren Designer und Experte in urbaner Mobilität, Mikael Colville-Andersen, hat daraus ein Unternehmen gegründet: Er gibt Städten weltweit Ratschläge, wie sie sich von Autos zu befreien können. Falls jemand im Passauer Rathaus Interesse hat, mit ihm Kontakt aufzunehmen: info@copenhagenize.eu

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Die Autostadt Passau gibt sich einfallsreich, wenn es darum geht, Radler auf Umwege zu schicken, damit sie die Autofahrer nicht stören. Hier lässt sie Tausende Radtouristen Treppen steigen. (Foto: Tobias Köhler)
Radfahrer fühlen sich derzeit in Passau oft wie ungebetene Gäste. Am Fünferlsteg und in der Fußgängerzone heißt es „Absteigen!“ Wer auf der Innstadtseite ins Donautal will, wird am Ende der Marienbrücke mit einem abenteuerlichen Schild in die Schiffmühlgasse  gelotst – eine Treppe zum Innufer. Radfahrtouristen verzweifeln an solchen Umwegen. Radfahrer mit Kinderanhänger scheitern an dieser Schikane, fragen Passanten nach Alternativen. Ein Innstädter, der beispielsweise vom östlichen Stadtteils zur Bäckerei in die Löwengrube radeln wollte, müsste diesen Irrsinn jeden Morgen mitmachen. Treppe rauf, Treppe runter.

Studentin Natalie, die oft nach Hals pendelt, beschwert sich über diese Situation: Die Passauer Verkehrsplanung zwingt die Radfahrer auf den Umweg über den Niederhaustunnel. Sie müssen die untere und die obere Ilzbrücke queren, zweimal an der Ampel warten.

„Es ist brutal, was man als Radfahrer erlebt“, sagt Feuerer. Er nennt ein Beispiel: Als auf der Kapuzinerstraße stadteinwärts Stau war, radelte er links an der Schlange vorbei. „Da zieht ein Autofahrer plötzlich aus der stehenden Kolonne heraus, um mir zu demonstrieren, dass ich keine Vorfahrt habe.“ Richtig aggresiv sei der gewesen. Er hätte ihn beinahe vom Rad geholt. Feuerer glaubt, dass ein fahrradfreundliches Passau vor allem an der Mentalität der Autofahrer scheitert, die vom Land in die Stadt kommen. Sie sind aufs Auto angewiesen, für sie hat es in der Mobilität den höchsten Stellenwert. Aber: Es gibt auch positive Beispiele. Autofahrer, die Fußgängern und Radfahrern bewußt Vorrang gewähren, lassen sich immer öfter beobachten.

„Ist das Auto am Ende?“ titelt dagegen die Wochenzeitung „Die Zeit“. Der Abgasskandal, die dicke Luft in den Großstädten hat die Zukunft des Verbrennungsmotors infrage gestellt. Passau ist keine Metropole, aber zweifellos eine Stadt mit der höchsten Verkehrsbelastung in der Provinz.

Wie stellt sich das Rathaus diesem Thema? Sind Maßnahmen geplant, wenn ja welche? Wird das Radwegenetz ausgebaut? Unser Fragenkatalog blieb unbeantwortet. Die Pressestelle des Rathauses verwies darauf, dass kein Handlungsbedarf bestünde und gingen nur auf die Dieselproblematik ein. Die Luftmessstationen, die der Freistaat betreibt, würden belegen, dass die Belastung durch Stickoxide weit unter dem Grenzwert liegt – Tendenz gleichbleibend. Der Grenzwert sei seit 2005 kein einziges Mal überschritten worden.

Die Autostadt Passau zählt pflichtbewusst alle drei Jahre den Fahrradverkehr. Das muss genügen.

Beitrag erschien in der Sommerausgabe des Magazin Bürgerblick 2017/ Hier dieses Portal unterstützen und abonnieren.

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