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Report | Samstag, 29. September 18

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Alfred T. (26, schwarze Trainingsjacke), Abdulai T. (19) und Abraham T. (23, Mütze) ertüchtigen das Gleisbett der Granitbahn. (Foto: mediendenk)
Gleisbett ertüchtigen

Granitbahn setzt in Passau auf ihr "A-Team"

Ein totes Gleis ist totes Kapital. Einem Afrikaner leuchtet das ein, einen Europäer juckt das weniger, er hat ja seinen Diesel in der Garage. Vielleicht erklärt das, warum die Freunde der Granitbahn, die eigenen Vereinsleute ausgenommen, mehr auf die Unterstützung von so manchen Asylbewerbern zählen dürfen als auf die der einheimischen Bevölkerung. „Die haben eh´ nichts zu tun, denen tut die Arbeit gut“, höre ich jetzt welche sagen.

Ein Foto von drei Schwarzafrikanern, wie sie die Strecke der Granitbahn mit Spitzhacken wieder ertüchtigen, ist für den Texter ein Drahtseilakt. Der schwarze Mann erledigt gebückt die körperlichen Dienste und der weiße Mann steht aufrecht und dirigiert?

Die Vorsitzende der Granitbahn hat gleich abgewunken, als der Reporter sie bat, sich zum Trio der Männer zu stellen. „Das sieht dann nach Kolonialzeit aus“, merkte sie an. An dieser Stelle sei erwähnt, dass der Vereinsvorsitzenden selbst der Schweiß auf der Stirn stand, denn sie verübte in orangefarbener Signalweste die selbe Arbeit ein paar Meter weiter. Vielleicht nicht so schnell und effektiv, denn die kräftigen Burschen aus Sierra Leone sind ein paar Jahrzehnte jünger als sie.

„Die arbeiten echt was weg“, lobt sie die Helfer. Sie heißen mit Vornamen Alfred, Abdulai und Abraham, ein echtes „A-Team“. Frei nach dem Namen der Nothelfer in der gleichnamigen US-Action-Serie. Freiwilligen wie ihnen ist es zu verdanken, dass das städtische Granitbahngleis wieder in einem passablen Zustand ist. Alle Vereinsmitglieder warten gespannt auf die Freigabe für einen Probefahrtbetrieb. Die technische Abnahme ist bereits erfolgt, die Ergebnisse stünden noch aus, sagt die Vereinsvorsitzende.

„Haben Sie einen Zettel dabei?“, fragt Abdulai T., der 24-Jährige, im astreinen Deutsch den Reporter, damit dieser die Namen richtig aufschreibt. Er hat sich Deutsch angeblich selbst beigebracht. Einen festen Job habe er bereits, erzählt er auf Nachfrage. Er schafft bei einer Friedhofsgärtnerei. Die anderen beiden sind Bewohner der Flüchtlingsunterkunft am Fuß der Ries, das große weiße Reihenhaus gegenüber vom Hotel "Atrium". Manchmal sieht man die Asylbewerber, wenn sie ihre Einkäufe über die Schanzlbrücke nach Hause schleppen. Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung haben sie kaum.

Am Gleis der Granitbahn kann man ihnen jedenfalls einen „Guten Tag!“ wünschen. Aber die meisten Spaziergänger gehen stumm vorbei. Manche peinlich berührt ob der merkwürdigen Szene, manche mit abfälligem oder ängstlichem Blick. "Fürchtet ihr den schwarzen Mann?", das alte Kinderspiel steckt immer in alten Köpfen. Aber selbst damals schon gab es welche, die sich bereitwillig "abklatschen" ließen, denn "schwarzer Mann" zu sein war irgendwie auch ganz cool.

Tipp: Die Männer ansprechen, einen Kaffee vorbeibringen, es sind patente, gutmütige Kerle.

Rassismus zwischen den Zeilen

Vor kurzem habe ich in der Deggendorfer Zeitung ein ähnliches Foto gesehen. Vier Schwarzafrikaner aus Sierra Leone stellten sich in Pose, damit der Heimatzeitungsredakteur das Motiv zu dem Thema hat: "Flüchtlinge zupfen Unkraut auf unseren Friedhöfen." Er schrieb "weil sie etwas von dem zurückgeben wollen, was Deutschland für sie getan hat". Der Redakteur, so dachte ich mir, hat wahrscheinlich vergessen, dass unser Wohlstand daher rührt, dass wir der Bevölkerung in diesen Ländern eine Menge "angetan" haben. Vielmehr haben wir  etwas weggenommen. Es stünde uns gut an, dort die Gräber zu pflegen.

Im Text wird namentlich ein Asylbewerber herausgestellt, der sich von diesem Freiwilligendienst an den Gräbern wieder zurückgezogen hat. Gelten Persönlichkeitsrechte für einfache Migranten nicht? Stellen Sie sich vor, die Stadtgärtnerei ruft zur freiwilligen Mithilfe auf und die Heimatzeitung zählt tags darauf die Bürger namentlich auf, die am zweiten Tag nicht mehr erschienen sind. Es könnte Beschwerden hageln. Der städtische Tiefbauleiter spielte die Rolle des überheblichen weißen Mannes. Als wären die drei Schwarzafrikaner zu unbeholfen, Unkraut zu jäten, wird dieser tatsächlich mit dem Satz zitiert: Ein "erfahrener" Vorarbeiter würde ihnen erklären, was sie tun müssten und sie "bei der Hand nehmen". Der Beitrag war feiner Rassismus zwischen den Zeilen.

 


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