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Report | Donnerstag, 24. Mai 18

Flutmauern

Halser Promenade: Die Natur hat verloren

Im Schatten der Proteste gegen die Zerstörung der Innpromenade sind an der Ilz die Weichen gestellt worden. Die Halser werden wohl für den Hochwasserschutz ihre kleine Promenade verlieren. Trauert niemand der Flussromantik nach?

Die frisch sanierten Fassaden der Häuser am Marktplatz von Hals leuchten farbenfroh im scharfen Licht der Frühlingssonne. In Sichtweite fließt gemächlich das moorbraune Wasser der Ilz. Ein Dutzend Möwen hockt aufgereiht wie Soldaten am Brückengeländer und genießt die wärmenden Strahlen. Der Moorfluss murmelt friedlich. Sein Pegel misst heute knapp einen halben Meter. „Sind Sie wegen der Mauer hier?“, spricht ein sportlich gekleideter Mann den Reporter an. Kamera und Drohne haben ihn verraten.

Der geplante Hochwasserschutz ist in diesen Tagen das beherrschende Thema im Markt. Um den malerischen Ort vor neuen Fluten zu schützen, soll an der Uferpromenade eine Mauer gebaut werden: mehr als 700 Meter lang und bis zu viereinhalb Meter hoch.

„So ein Projekt wird erheblichen Widerstand hervorrufen, das ist nichts anderes als die komplette Veränderung des historischen Ortsbildes“, hat CSU-Stadtrat Chrysant Fischer moniert, als das Projekt im Stadtrat vorgestellt wurde.

Es geht einmal mehr um Mauern, die schützen und spalten. Die Passauer Bürger, egal an welchem Ufer sie wohnen, sind geteilter Meinung, wenn es um Hochwasserschutz geht. Die Diskussionen werden emotional geführt. Da werden Naturschützer als Populisten und Panikmacher beschimpft und Hausbesitzer, die vor dem Hochwasser Angst haben, als Egoisten.

Die wenigsten wollen mit ihrem Namen Farbe bekennen. „Schön wird die Mauer sicher nicht, aber wir brauchen diesen Schutz“, verteidigt eine Hausbesitzerin die geplante Maßnahme. Ihr Verhältnis zum Fluss bezeichnet sie als „Hassliebe“. „Ich liebe diesen kleinen Fluss, aber sobald es mehrere Tage regnet, steigt mit dem Pegel auch meine Angst.“

Die Passauer, welche die Junitage 2013 hautnah miterlebt haben, sind, auch wenn das nur wenige zugeben mögen, traumatisiert.

Die Häuser am Halser Marktplatz standen beim Jahrhunderthochwasser bis zum ersten Stock unter Wasser. Die Schäden waren enorm. Zwar wurden 80 Prozent durch den Freistaat ersetzt, aber die verbleibenden 20 Prozent konnten offenbar nicht alle Hausbesitzer aufbringen.

„Häuser, die nicht saniert wurden, stehen seitdem leer“, sagt Wolfgang Baier, der mit seiner Frau Evi seit 30 Jahren in einem der schwer getroffenen mittelalterlichen Häuser am Marktplatz wohnt. Durch die kleinen Fenster der Gewölberäume im Erdgeschoss fällt wenig Licht. Es riecht modrig. Ein paar alte Fahrräder lehnen an der Wand und warten auf den Frühling. „In diesen Räumen war einst die Bräuschenke der Halser Brauerei“, berichtet Baier. Heute nutze er sie als Fahrradkeller und Abstellraum. „Wenn das Wasser kommt, können wir das Untergeschoss in ein paar Minuten ausräumen. So hält man den Schaden in Grenzen.“

Seit sie hier wohnen, hatten sie das Wasser dreimal im Haus. „2013 stand es knietief im ersten Stock.“ Trotzdem sind die beiden gegen den Hochwasserschutz. „Dieses Haus hat schon viele Hochwasser überstanden, es wird auch weitere überstehen.“

Hals ist auf Schwemmsand und Kies gebaut. „Diese Schichten sind wasserführend“, erklärt Stephan Hauke, Bauleiter vom Wasserwirtschaftsamt in Deggendorf. Deshalb müsse die Mauer tief im Untergrund verankert werden, dort, wo man auf festes Gestein trifft. „Sonst drückt es das Grundwasser unter der Mauer durch.“

Den Georgsberg im Rücken, ist Hals bei Starkregen zusätzlich vom Hangwasser bedroht. Der Ort würde hinter der Mauer wie ein See volllaufen. Deshalb kommt ein komplexes Entwässerungssystem mit zwei Pumpen zum Einsatz.

Der 49-jährige Halser Max Klessinger, dessen Haus in der ersten Reihe zur Ilz steht und damit künftig direkt vor der geplanten Hochwassermauer, weiß um die Problematik. Er befürchtet, dass die Berechnungen des Wasserwirtschaftsamtes nicht stimmen. „Denken Sie mal an die verheerenden Starkregenereignisse in den letzten Jahren in Simbach, Obernzell oder Haibach.“ Durch den Klimawandel werde sich die Gefahr  verschlimmern. Die Mauer werde nicht nur hässlich aussehen, sondern auch die Situation verschlechtern, so seine Meinung.

„Der hat leicht reden!“, entgegnet eine grauhaarige Dame, die ihren schweren Mercedes ein paar Meter flussabwärts in ihrer Hauseinfahrt geparkt hat. Klessingers Haus stehe hochwassersicher auf Stelzen, die Mauer würde ihm nichts bringen, erklärt sie. Ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen. Sie wohne hier seit 1954, dem Jahr des zweitschlimmsten Hochwassers der Neuzeit. Sie erinnert sich, dass ihre Eltern den Einzugstermin verschieben mussten, weil das Gebäude bis zum ersten Stock unter Wasser stand. 1954, 2002, 2013. Ihre Generation habe bereits drei große Hochwasser erlebt. „Mir reicht es jetzt einfach! Sie können sich nicht vorstellen, wie das ausgesehen hat. Wir haben alles verloren.“ Sie sei ein Naturmensch. „Ich liebe diesen Fluss, aber er bedroht unsere Existenz“, sprudelt es aus ihr heraus. Exakt vor ihrem Haus wird die Mauer die Maximalhöhe von 4,5 Metern erreichen. Es scheint sie nicht zu stören.

Als ähnliche Uferzone wie die Innpromenade, die zum Verweilen und Flanieren einlädt, haben die Halser ihre sogenannte Esplanade liebgewonnen: Auf 60 Schritten säumen den Uferweg fünf Linden, eine Baumhasel, eine Rosskastanie, ein Bergahorn und eine Esche; dazwischen sechs Parkbänke, gelbe und grüne. Die neun Bäume müssen alle gefällt werden.

Als Karl Haberzettl, Vorsitzender des Bund Naturschutzes, bei der letzten Bürgerversammlung den Verlust der Natur anprangerte, wurde er aus dem Publikum als „Populist“ und „Panikmacher“ beschimpft. Er blockiere das Projekt, ohne zu wissen, was er tue, riefen Hausbesitzer.

Höhere Pflanzen oder Bäume dürfen hier nicht mehr stehen, zu groß sei die Gefahr, dass ein entwurzelter Baum die mobilen Aluwände beschädigt, die bei drohendem Hochwasser auf die Grundmauer aufgebracht werden. Eine Beschädigung dieser Konstruktion käme einem Dammbruch gleich, erklärt Hauke. Die Mauer werde am Ufer nicht in voller Höhe sichtbar sein: Die Uferböschung wird um gut einen halben Meter aufgeschüttet, die sichtbare Mauer misst 30 bis 50 Zentimeter.

Entlang der Uferstraße am Perlfischweg wird auf 350 Metern eine 1,30 Meter hohe Betonmauer errichtet, die mit drei Meter hohen mobilen Elementen bestückt werden kann. Die Hochwasser an der Ilz kommen schnell, nur etwa zwei Stunden haben die Helfer Zeit, dann muss alles stehen. Auf der Gesamtstrecke von gut 700 Metern müssen rund 250 Stützen geschraubt, dann die Querbalken aus Aluminium gesetzt werden, das ergibt eine 1.100 Quadratmeter große mobile Schutzwand.

Hinter der Mauer bleiben die Häuser zwar weitgehend trocken, ein normales Leben wird aber während der Flut auch dann nicht möglich sein. Die Straßen müssen gesperrt werden, die Häuser evakuiert. Treibgut könnte die Mauer beschädigen, den Ort in wenigen Minuten fluten. Dieses Risiko bergen alle mobilen Hochwasserschutzanlagen.

Gegenwind bläst dem Projekt von den Anwohnern am gegenüberliegenden  Ilzufer entgegen, die befürchten, noch mehr abzusaufen. Dort rechnet sich laut Wasserwirtschaftsamt ein Hochwasserschutz nicht. Der Stadtrat hat deshalb einstimmig beschlossen,  eine Planung auf eigene Kosten in Auftrag zu geben.

„Wenn wir die Möglichkeit haben, die Anwohner zu schützen, dann müssen wir diese auch nutzen“, erklärt die dritte Bürgermeisterin Erika Träger. Sie ist einer Meinung mit dem Oberbürgermeister: so viel Hochwasserschutz wie möglich.

„Um den Eingriff in die historische Perle an der Ilz ein wenig zu kaschieren, könnte man die Betonmauer mit Naturstein verkleiden“, tröstet der Mann vom Wasserwirtschaftsamt. Viele Zuhörer werden dabei  an die sechs Meter hohen Betonwände der Ilzstadt gedacht haben. Dort wurde seit fünfzig Jahren eine Natursteinmauer versprochen, aber nie umgesetzt.

Tobias Köhler

Beitrag erschienen im Bürgerblick April 2018, Nr. 114.

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