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Report | Montag, 08. Mai 17

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"Wer bremst diesen Bauhai?" hatte Bürgerblick zu Investor Mathias Düsterdick (Gerchgroup) im Februar gefragt. Er hat sich selbst verabschiedet, seine Bauoption gewinnbringend an eine Schweizer Firmengruppe weitergereicht.
Schweizer Investor übernimmt

Immobilienhai Düsterdick spuckt Passau wieder aus

Das schöne Passau hat sich in den Rachen von Immobilienhaien geworfen. Ein Investor, der von der Rathausspitze mit offenen Armen empfangen worden ist, hat abkassiert und sich aus dem Staub gemacht. Ein Brauereigelände im Stadtwesten liegt jetzt in den Händen eines Firmengeflechts mit Sitz in der Schweiz.  

Das Areal der Peschl-Brauerei (Grundstück von 21.400 Quadratmetern, 500 geplante Wohnungen) in Passau wechselte bereits Ende April den Eigentümer. Investor Mathias Düsterdick (Düsseldorfer Gerchgroup) hat seine Option, dieses Gelände mit umstrittener Wohnbaudichte zu verwerten, an eine Schweizer Aktiengesellschaft verkauft. „Düsterdick hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass es ihm nicht um das Wohl der Stadtentwicklung, sondern um ein reines Spekulationsgeschäft geht“, sagt ein Vertreter des Stadtrates.

Das Pressebüro der Stadt Passau hat eine Anfrage, ob und seit wann sie über den Abtritt des Investors Düsterdicks informiert sind, heute nicht beantworten können oder wollen. Auf Tauchstation ging auch der Immobilienmakler, der in Passau als Pressesprecher dieses Investors auftrat. Das Thema ist offenbar politisch unangenehm. Nachtrag: In der PNP stellt Düsterdick der Verkauf so dar: Er habe einen "Fusionspartner" gefunden. Tatsächlich sind das Projekt und seine Mitarbeiter an den Schweizer Entwickler veräußert worden.

Mehrheitseignerin der neun Düsterdick-Projekte in Deutschland, darunter die Brauereigelände "Peschl" in Passau und "Holsten" in Hamburg, ist nunmehr die Schweizer "SSN Group". Sie beschäftigt nach eigen Angaben 200 Mitarbeiter und hält Niederlassungen in Chicago (USA), Düsseldorf, Ludwigsburg und Wolfsburg. Die Gesamtinvestitionssumme seiner Bauvorhaben hatte Düsterdick auf 2,3 Milliarden Euro beziffert; die "SSN Group" selbst bereitet angeblich Immobilienprojekte im Wert von 3,3 Milliarden Euro vor.

"Zwischeninvestierender Projektentwickler"
"Über den Kaufpreis haben die Parteien Stillschweigen vereinbart", lautet eine Standardfloskel in der Pressemitteilung über den Deal mit Düsterdick. Dort ist auch zu nachzulesen, wie ein Bauspekulant, der im Erstangriff Bürgermeister und Kommunen für seine Zwecke weichklopft, im euphemistischen Fachjargon genannt wird: "zwischeninvestierender Projektentwickler".

Düsterdick war Chefsache

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Plattgemacht: Das Gelände der Peschlbrauerei im Stadtwesten. Der Brauereikamin, das letzte Baudenkmal auf diesem Areal von einer der ältesten Brauereien Deuschlands, ist auch gefallen. (Foto: Tobias Köhler/ Bürgerblick)
Das Peschl-Areal mit Investor Düsterdick hatte Oberbürgermeister Jürgen Dupper in Passau zur Chefsache erklärt. Dupper legte sich mit Oppositionsparteien und kritischen Bürgern an, weil mit seinem Einverständnis Düsterdick den Gestaltungsbeirat umgehen durfte. Mehr noch: Der Versuch, den Wohnungsbau auf diesem Areal vernünftig zu begrenzen, ist mit knapper Mehrheit der Kritiklosen im Stadtentwicklungsausschuss gescheitert. Eine "Bau-Groko" bestehend aus der Stimme des Oberbürgermeisters, seiner SPD und der CSU diente Düsterdick. "Es läuft in Passau vieles schief, wir sind nicht bereit, diesen Weg, den der OB eingeschlagen hat, weiter mitzugehen", kommentiert in einer ersten Reaktion Vizebürgermeister Urban Mangold (ÖDP) die Entwicklung. Von der Position des OB sei man in solchen Angelegenheiten "meilenweit entfernt". 

Hamburg: Vertragswerk nimmt Investoren in die Pflicht
Vom Eigentümerwechsel betroffen ist auch ein Parallelprojekt in Hamburg; dort plante Düsterdick ein neues Stadtgebiet auf dem Areal der ehemaligen Holstenbrauerei. Den Eigentümerwechsel kann man dort gelassen sehen.  "Jeder Investor muss sich bei uns einem städtebaulichen Vertrag unterwerfen", erklärt ein Sprecher der betroffenen Bezirksverwaltung in Altona. Dazu gehört ein festgelegter Drittelmix: Ein Investor muss sich ab einer bestimmten Projektgröße verpflichten, ein Drittel Sozialwohnungen, ein Drittel frei finanzierte Mietwohnungen und ein Drittel Eigentumswohnungen zu schaffen. Im flach gebauten Hamburg seien zudem Hochhäuser nicht passend, bei sieben bis acht Stockwerken sei auf dem Holsten-Gelände Schluss, sagte der Altona-Sprecher. Auf dem Passauer Areal hat Düsterdick bis zu acht Stockwerke vorgesehen, ein Stockwerk weniger als das höchste Gebäude der Stadt, der sogenannte Kapfingerturm in der Neue Mitte.

Passau: Zahnloser Gestaltungsbeirat
In Passau läuft die Städtebauentwicklung weitgehend unkontrolliert und entfesselt ab. Es gibt kein Vertragswerk, das den Investoren im Dienste für Soziales, Lebensqualität und Schönheit Pflichten auferlegt. Es gibt beispielsweise keinen Zwang für Großinvestoren, sich am sozialen Wohnungsbau zu beteiligen. Das kontrollierende Gremium fürs historische Stadtbild, der "Gestaltungsbeirat", gibt sich zahnlos wie der Fall Düsterdick zeigt. Die Mitglieder des Gestaltungsbeirates, unabhängige Architekten, sind auf das Wohlwollen des Oberbürgermeisters angewiesen.

ECE war "harmlos" dagegen
Duppers Vorgänger standen einst in der Kritik, weil sich sich vom Hamburger Milliardär Alexander Otto ein überdimensioniertes Kaufhauskonzept aus der Schublade hatten andrehen lassen: das "ECE Passau", getauft auf den Namen "Stadtgalerie". Otto hatte seine ECE-Projekte zumindest bis zur Fertigstellung gehalten. An den Folgen der ECE leidet die Dreiflüssestadt - wie von vielen Kritikern prophezeit - bis heute: Überangebot an Gewerbe- und Einkaufsflächen, das Stadtbild prägen Leerstände, darunter zwei ehemalige Einkaufszentren. "ECE war im Vergleich dazu harmlos", kommentiert ein CSU-Mann, der im Baugewerbe tätig ist, den Fall Düsterdick.

Mit Ausrede Kritiker abblitzen lassen
In guter Erinnerung ist den Stadträten der Opposition, wie Düsterdick sich geschickt ihren kritischen Fragen entzog. Das Investorenteam hatte angeboten, in gesonderten Treffen mit allen Fraktionen seine Pläne zum Peschl-Areal zu präsentieren und zu diskutieren. Nach SPD und CSU kamen am Ende des Tages mit einem gemeinsamen Termin die kleinen kritischen Fraktionen an die Reihe. Als die Fragerunde begann, sei die Veranstaltung abgewürgt worden, berichtet ein Teilnehmer. Die Zeit dränge, man habe noch einen wichtigen Termin, hieß die Begründung. Wie diese Verpflichtung aussah, hat sich mittlerweile herumgesprochen und die betroffenen Stadträte brüskiert: Das Düsterdick-Team, darunter der Bochumer Architekt und der Passauer Makler und Pressesprecher, hatte in einem feinen Weinrestaurant einen Tisch reserviert, um mit großer Zeche den Erfolg zu feiern.

Wer verhandelt jetzt von Seiten des Investors mit Passau? "Wir haben etwa ein Dutzend der Mitarbeiter der Gerchgroup übernommen", erklärt ein Sprecher des Schweizer Unternehmens. Zu diesen Mitarbeitern gehört auch Düsterdicks Projektleiterin Britta Henkel, 56, welche für das Peschl-Areal bereits zuständig war und dies unter der neuen Führung weiterhin sein wird. Als Sprecherin hatte sie im Fall Passau offenbar einen Maulkorb erhalten, den alle Presseanfragen verwies sie stets an den Passauer Kollegen, den Makler, weiter.

Nachtrag:

Ein Sprecher des Rathauses hat eine Anfrage dieses Magazins von 8.14 Uhr zum "Fall Düsterdick" mit einer E-Mail um 15.26 Uhr wie folgt beantwortet: "Wir empfehlen, die Anfrage direkt an die Gerch Group zu stellen."

Wir haken nach: "Bedeutet dies, die Stadt ist über den Eigentümerwechsel des größten Wohnbauprojektes der letzten Jahrzehnte nicht informiert? Hat die Stadt mit der Gerchgroup Kontakt aufgenommen? Diese Fragen kann selbstverständlich nur die Stadt beantworten. Ihre Anregung, die Gerchgroup zu kontaktieren, ist zudem nicht zielführend, da diese bekanntlich bis dato nur über Ihren Pressesprecher Herrn Ulrich Popp (Anm. d. Red.: Passauer Maklerbüro)  sich in der Lokalpresse äußerte. Herr Popp geht auf Tauchstation und ist für dieses Magazin nicht erreichbar."

***

Die brennenden Fragen, warum Passau zum Selbstschutz Investoren nicht mit einem Vertragswerk wie Hamburg begegnet, warum bei Großprojekten nicht grundsätzlich ein städtbaulicher Wettbewerb vorgeschrieben wird, warum Bürgerbeteiligung nicht zum vorgeschriebenen Pflichtprogramm gehört, bleiben offen.

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17:52
Samstag
27. Mai 2017
 
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27.05. | Samstag
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19:00 Uhr | Eintritt frei
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