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Report | Dienstag, 22. Oktober 19

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Kunstrasen mit Altreifenkrümel, Warnhinweise beim VfB Grubweg (Foto: mediendenk
Giftiges Grün

Kicken auf Altreifen

Passau/ Vilshofen - Jeder Fußballverein wünscht sich einen Kunstrasenplatz. In Passau-Haibach soll im kommenden Jahr auf Betreiben der CSU der nächste gebaut werden. Die Plätze kosten fast eine Million Euro und sind umstritten. Die Granulate unter den Plastikhalmen sind Gift für die Umwelt. In Schalding links der Donau entstand deshalb der erste mit Naturkorkfüllung.

Bürgerblick-Abonnenten kennen diesen Beitrag vom Magazin Nr. 126, Mai.

Die Jubelberichte der Heimatzeitung zum Bau von manchen Kunstrasenplätzen hinterlassen heute ein beklemmendes Gefühl. Die Vereine, die Politiker, die Sponsoren, alle haben verdrängt, dass als Dämmschicht zerkleinerte Altreifen in die Landschaft gekippt worden sind; giftiger Gummi mit krebserregenden, erbgutverändernden Stoffen. Bürgerblick-Reporter wollten wissen, welche Plätze betroffen sind. Die Bauherren schweigen, wir decken es auf: Es sind mindestens vier in Stadt und Land.

Der fast zwei Meter hohe Zaun könnte die Außenanlage eines Gefängnisses umgeben. Doch dahinter breitet sich eine Sportanlage aus. Auf dem Sperrgebiet zwischen Wiesen und Äckern im Westen der Stadt, hoch über dem südlichen Donautal, liegt ein großer Fußballplatz mit Tribüne, ein Vereinsheim mit Terrasse und etwas tiefer gelegen am Waldrand zwei weitere Sportplätze. Es hat viel geregnet, der Boden ist weich. „Rasen für Training gesperrt!“ verkündet ein Schild auf dem durchweichten Fußballplatz. Wie praktisch für die Benutzer dieser Sportanlage, dass sie auf eines der hinteren Spielfelder, den Kunstrasenplatz, ausweichen können. Es sind unsere besten Spieler. SV Schalding-Heining, Regionalliga.

Die Reporter sind an den Reuthinger Weg gekommen, um den Beweis zu finden, dass es stimmt, was sie erfahren haben: Hier soll ein holländischer Hersteller namens „Greenfields“ das umstrittene Altreifengranulat verwendet haben. Auf dem beim Eingang am Zaun montierten Schild steht es neben einem runden Logo, das auf hellgrünem Grund vier dunkelgrüne Grashalme zeigt: „Greenfields“.Der SV Schalding-Heining und der VfB Grubweg haben in den Jahren 2014 und 2017 von der Stadt ein Millionengeschenk erhalten, das aus heutiger Sicht in mehrfacher Hinsicht problematisch ist. Kunstrasenplätze sondern in hohem Ausmaß Mikroplastik in die Umwelt ab. Dies haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts erstmals 2015 erwähnt.

„Reaktionen von Politik und Medien sind damals ausgeblieben“, sagt eine Sprecherin. 2018 wurden Zahlen nachgereicht, wonach mehr Mikroplastik von Kunstrasenplätzen denn der Kosmetikindustrie anfällt. Aber bei „Greenfields“ geht es um Schlimmeres. Dieser Hersteller verwendet als federnde Dämmschicht unter den Plastikfasern eine Füllung aus zerkleinerten Altreifen. Das Zeug ist wahrscheinlich so giftig wie der Teer alter Straßenabbrüche. Es enthält PAK, kurz für polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe. Dieser Stoff , darin sind sich alle Wissenschaftler einig, ist „krebserzeugend, erbgutverändernd und fortpflanzungsgefährdend“. Die EU hat strenge Grenzwerte vorgegeben.

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Krebsrisikko am Kloster Schweiklberg (Foto: mediendenk)
Klaus Drescher von der Polytan GmbH aus Burgheim, Landkreis Neuburg-Schrobenhausen, vertritt einen bayerischen Kunstrasenhersteller, der weltweit tätig ist. Kommunen laden ihn zu Gemeinderatsitzung ein, um zu erfahren, welche umweltverträglicheren Lösungen es für Kunstrasenplätze gibt. „Altreifengranulat ist deshalb so gefährlich, weil es im Gegensatz zu synthetischem Kautschuk nicht UV-beständig ist und zerfällt“, erklärt Drescher. Dies erhöhe das Risiko, dass die krebserregenden Stoffe Umgebung und Grundwasser kontaminieren.

Seine Firma setzt deshalb ausschließlich auf Kautschuk, das sogenannte Neugranulat. Dennoch: Das Problem Mikroplastik stellt seine Firma vor neue Herausforderungen. Man experimentiere gerade mit Hanf und Kreide. Der einzige natürliche Füllstoff sei Kork, mit bekannten Nachteilen: Er schwimmt bei Nässe auf und kann schimmeln.Das Mikroplastikthema hat im Mai auch den Passauer Stadtrat erreicht. Vizebürgermeister Urban Mangold rief eine Sondersitzung des Schul- und Sportausschusses ein. Die Stadt hat einen Zuschuss an den FC Schalding links der Donau um 25.000 Euro erhöht, damit sich der Verein den etwas teureren Kunststoffrasenplatz mit Korkfüllung leisten kann.

„Für unsere Umwelt und unsere Kinder“, erklärt Vereinsvorsitzender Kalman Laszlo am Telefon. Die Schaldinger sind die ersten im Passauer Raum, die auf Korkgranulat ausweichen. Immerhin: Jetzt, wo das Thema an die Öffentlichkeit gelangt, beginnt teilweise ein Umdenken. Der Beschluss fiel einstimmig. Drescher von Polytan hat seit jeher von Altreifengranulat abgeraten. Seine Firma baute die beiden Kunstrasenplätze in Haidenhof-Süd nahe dem Dreiflüssestadion, am Söldenpeterweg und am Döbldobl. Sie werden genutzt vom DJK Passau West und vom FC Passau.

Der am Döbldobl ist bereits 1990 gebaut worden, damals mit Sandbefüllung. Das Altreifengranulat überschwemmte erst später den Markt. Für die Recyclingindustrie öffnete sich ein willkommener Weg, Altreifen zu verwerten. Sie zählen wegen ihrer toxischen Inhaltsstoffe zum Problemmüll. Die Stadt hat den alten Kunstrasenplatz vom Döbldobl 2014 von Polytan sanieren lassen. Neugranulat statt Sand. Mit diesem synthetischen Kautschuk baute Polytan vier Jahre später den Kunstrasenplatz am Söldenpeterweg gegenüber. Warum wechselte die Stadt Passau überhaupt zum holländischen Hersteller „Greenfields“ mit dem bedenklichen Altreifengranulat? Die Stadt habe sich plötzlich beratungsresistent gezeigt, erzählt Drescher.

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Altreifenplatz beim SV Schalding-Heining (Foto: mediendenk)
Irgendwann habe es nur noch geheißen „Sparen, sparen, sparen. “Der Teerskandal von Hutthurm hat uns gelehrt: Mit PAK belastete Materialen dürfen nur gebunden und versiegelt unter einer wasserundurchlässigen Schicht eingebaut werden, damit die krebserregenden Stoffe das Grundwasser nicht verseuchen. Auf Kunstrasenplätzen ist das Altreifengranulat jedoch der Witterung frei ausgesetzt. Anruf bei „Greenfields“ in Nijverdal, die Niederländer verweisen uns an ihren deutschen Geschäftsführer in Düsseldorf. Werner Jakobs hebt persönlich ab. Seine Stimme während des Gesprächs, schwankend zwischen Ärger und Resignation, lässt vermuten, dass es nicht der erste Reporteranruf zum Stichwort „Kunstrasen“ ist. Das Thema koche seit der Fraunhofer-Studie hoch und würde von den Medien dankbar aufgegriffen, obwohl die Hochrechnungen irreführend seien, sagt er. Er stellt Vergleiche zwischen den Füllhöhen der Granulate in Norwegen und in Deutschland an. Bei uns werde nur ein Fünftel der Menge benötigt, weil zur Dämpfung eine zusätzliche elastische Unterschicht eingezogen werde.

Er nennt die Fraunhofer-Studie eine „Faktensammlung ohne Recherche“. Die Industrie wisse seit jeher von der Gefahr durch Mikroplastik, sagt Jakobs. „Vor fünfzig Jahren hat man das vielleicht noch etwas blumiger gesehen.“ Er macht keinen Hehl daraus: Alle seine Plätze seien mit „SBR-Granulat“ befüllt. Es steht für „Styrene-Butadiene-Rubber“, zu deutsch: Gummi aus Altreifen. Der Reporter denkt an den Teerskandal mit dem Straßenabbruch, an das Grundwasser und stellt die Frage, wie die elastische Unterschicht beschaffen sei. „Sie ist wasserdurchlässig“, erklärt Jakobs, sonst würde das Granulat bei Niederschlag wegschwimmen. Der „Greenfields“-Mann schiebt jede Verantwortung von sich. „Nicht wir bestimmen die Zukunft, sondern die Politik.“ Die Industrie arbeite den Grenzwerten hinterher, welche in Brüssel ausgegeben werden. Als wettertauglich und staubfrei werden Kunstrasenplätze angepriesen. Die Heimatzeitung nennt sie „Schmuckstücke“ und jeder Fußballverein, der über ein solches verfügt, fühlt sich wie ein Sportwagenfahrer, der sich die teuersten Felgen leisten kann. Auch Verantwortliche in den Vereinen, die die Plätze täglich nutzen, bemühen den Vergleich mit teuren Autos: „Unser Platz ist der Mercedes unter den Kunstrasen“, sagt Stefan Jilly, Stadionmanager in Hauzenberg. Er hat uns bestätigt, dass „Greenfields“ auch hier gebaut hat. Der Platz sei „unbedenklich“, betont er. Man hat den Eindruck, dass der Hersteller alle Bedenken zerstreut hat.

Woher sollten es die Auftraggeber auch besser wissen? Die Fußballer selbst sind vom künstlichen Rasen nicht durchweg begeistert. „Wie feiner Staub gelangt das Zeug zwischen Socken und Schuhschaft“, sagt ein Hacklberger Fußballer. Man trage die schwarzen Krümel mit den Schuhen nach Hause. „Nach dem Training kann es aus den Schuhen schütten.“ Was die Eltern wohl sagen würden, wenn sie wüssten, dass der Dreck vom Sportplatz aus zerkrümelten alten Autoreifen besteht?Wie es mit Altreifengranulat auf den Kunstrasenplätzen aussieht, hatten wir anfangs die Stadt Passau befragt. „Alle verwendeten Materialien für die Plätze entsprechen den geltenden DIN-Vorschriften“, blieb die Antwort vage. Das Thema Mikroplastik sei in den Vorschriften nicht enthalten, wurde erklärt. Keine Rede von PAK. Übrigens: Auch Neugranulat ist nicht frei von diesen Giftstoffen, jedoch hat Altreifengranulat die 50-fache Konzentration.

 

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