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Report | Sonntag, 16. Dezember 18

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Das denkmalgeschützte grüne Holzhaus am Linzer Tor ist vom Abriss bedroht. Am Sonntagabend hat sich eine zarte Schneedecke um das Postkartenidyll gelegt. (Foto: mediendenk)
Online-Petition

Letzte Chance für Postkartenidylle?

Aktuelle Meldung voraus: Den angeblich interessierten Investoren soll die Möglichkeit gegeben werden, mit dem Eigentümer des Denkmals zu verhandeln. Es wäre wohl die letzte Chance auf eine Rettung. Der Bauausschuss hat deshalb am Montagnachmittag den Beschluss, den Abriss zu genehmigen, vertagt und die Angelegenheit zur Beratung in die Fraktionen verwiesen. Den Antrag hatte Historiker Matthias Koopmann gestellt. Der nächste Stadtratsbauauschuss tagt am 31. Januar.

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Während sich der erste Schnee auf die Dächer der Stadt legt und die Domglocken zum Adventsliedersingen mit dem Bischof läuten, gedenken manche in feierlich-wütender Stimmung des Schicksals eines alten grünen Holzhauses am südöstlichen Stadttor, das im frischen Schneezauber mit einem Lichterbaum im Garten geschmückt, mit erleuchteten Fensterchen, hinter denen sich das Flackern des Kaminfeuers vermuten lässt, eine der wohl wundervollsten Stimmungen an diesem vorweihnachtlichen Sonntagabend erzeugen könnte.

Es ist eine schöne Vorstellung, der sich vielleicht all diejenigen hingeben, die gerade in den letzten Stunden um den Erhalt dieses Denkmales kämpfen: Die Landtagsabgeordneten Gerhard Waschler und Toni Schuberl, Vizebürgermeister Urban Mangold und Stadtrat Matthias Koopmann, Forumsvorsitzender Friedrich Brunner und die ehemalige Stadtheimatpflegerin Gisa Schäffer-Huber; letztere sich im Netz zu Wort meldend, vielleicht, weil man von Ihrem Nachfolger Herbert Wurster zu diesem Denkmal, das die Gemüter bewegt, überhaupt nichts Öffentliches vernommen hat.

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Postkarte aus dem Passauer Stadtarchiv: Das Holzhaus am Linzer Tor, Poststempel 1912. Als Abdruck im aktuellen Bürgerblick-Magazin.
Das Haus „Linzer Straße 2“ ist zweifellos schützenswerter und wichtiger als eine getackerte adventliche Holzfassade am Rindermarkt namens "Hüttenzauber". In der öffentlichen Wahrnehmung scheint es umgekehrt, im Netz sowieso. Dieses ist nicht dafür bekannt, vornehmlich Tummelplatz von Gelehrten und Vernünftigen zu sein, weshalb es nicht als leuchtendes Ergebnis bewertet werden sollte, dass sich 1.617 Menschen eingetragen haben, die künstlich-romantische Installation am Rindermarkt zu erhalten. Gut, den Abriss wenige Tage vor dem Fest hätte man sich tatsächlich sparen können. Er brachte die betroffene Geschäftsfrau in eine Opferrolle, welche zum Schluss vielleicht nicht unerwünscht war, weil so die wahren Fakten zu diesem vorweihnachtlichen Schauspiel in den Hintergrund traten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Zurück zum Altehrwürdigen: Der Eigentümer des Holzhauses „Linzer Straße 2“ hat offensichtlich weder Interesse noch Kapital, dieses eine Postkartenidylle prägende Denkmal in die Zukunft zu retten. Es stünden Investoren bereit, die das anpacken würden; wie Baulöwe Kapfinger beispielsweise den Glassalon am Schulerberg oder Denkmalprofessor Greipl das Ilzer Wirtshaus "Zur Felsn", beide unterstützt mit öffentlichen Geldern. Ob es beim „Linzer Tor“ scheitert oder gelingt, liegt in der Hand des Eigentümers. Mit ihm müsste über einen angemessenen und fairen Verkaufspreis zu verhandeln sein. Dies scheint schwierig, weil er sich angefeindet und bedrängt sieht.

Öffentliche Sondersitzung
Den Mehrheitsbeschluss der Stadträte im Bauausschuss
, das Denkmal gegen den Willen des Eigentümers über den Winter notzusichern, will morgen der Oberbürgermeister macht seines Amtes aufheben. Dazu hat er vor der großen Stadtratssitzung um 15.30 Uhr im kleinen Rathaussaal eine öffentliche Sondersitzung anberaumt. Die Debatte um das Denkmal ist der Tagesordnungspunkt 3 von 4.

Vorweihnachtliche Stimmung könnte eine gute Voraussetzung sein, dass eine einvernehmliche Lösung gefunden wird, dass dem alten Passau, das schon so viele alte schöne Puzzlesteine verloren hat, wenigstens dieser erhalten bleibt. Selbst, wenn es nur mit einem Nachbau, einer historischen Kopie gelänge, in welche Elemente, die sich erhalten lassen, eingefügt sind, dann wäre es in diesem Fall noch immer die beste Lösung.

Eine Petition für das alte Haus am Linzer Tor nach dem Vorbild der Dekofassade „Hüttenzauber“ gibt es jetzt auch. Namhafte Bürger über alle Parteien hinweg haben bereits unterschrieben und es sollte nicht irritieren, dass als Initiator der Liste ein Juraprofessor genannt ist, der in seinem Verhältnis zum Oberbürgermeister nicht gerade die glücklichste Moderationsfigur abgibt, ist er doch als dessen größter Kritiker bekannt.

Die Online-Petition "Linzer Tor" haben bislang 160 Bürgerinnen und Bürger unterschrieben.

Sei´s drum, eine hohe Zahl von Unterschriften könnte nicht schaden, selbst wenn sie nicht rechtswirksam den Lauf der Dinge ändert. Letztendlich sind es zwei Menschen, die das Schicksal dieses Denkmals in der Hand haben: Der Eigentümer, der sich mittlerweile in dieser Angelegenheit von einem Anwalt vertreten lässt, und ein möglicher Investor mit Idealismus, mit dem er einen Konsens finden müsste. Ein Signal, dass Stadt und Denkmalpflege ihr Möglichstes dazu leisten, wäre förderlich.

Zuletzt hat das Rathaus signalisiert, dass an erster Stelle Paragrafen zur Denkmalwürdigkeit und das statische Gutachten stehen, weniger sentimentale Begriffe, die in der bayerischen Verfassung verankert sind, wie „Liebe zur Heimat“ oder „Verantwortungsgefühl für alles Schöne.“

Stimmen aus dem Netz

Gisa Schäffer-Huber: "Das Ensemble stammt aus dem Mittelalter, wurde von den Stadtbränden verschont, von Hofmaler Wolf Huber 1530 gezeichnet von Franz Weismann fotografiert. Auch wenn der verputzte Holzbau völlig verrottet ist , so muss er eben Balken für Balken erneuert werden , so wie es die Japaner mit ihren Pagoden machen. Dem Eigentümer darf kein Schaden entstehen. Die Mehrkosten gegenüber einem konventionellen Bau sollen ihm aus Mitteln der Denk malpflege erstattet werden. Es muss aber die Bedingung gestellt werden, dass ein fähiger Archtitekt, der vom Landesamt für Denkmalpflege und Stadtbauamt ausgewählt mit der Aufgabe betraut wird."

Maximilian Moosbauer: "Als Besitzer eines Einzeldenkmals am Anger weiss ich, wie wichtig der Erhalt dieser Häuser für unsere Stadt ist."

Toni Schuberl: "Das Haus ist ein Kleinod und ein wichtiges Denkmal, das aufgrund der Nachlässigkeit der Stadt Passau immer mehr verfallen ist. Jetzt ist der letzte Moment, um es zu retten."

Brigitte Urmann: "Im Hinblick darauf, dass das Schaffen neuer architektonischer Qualitäten in Passau nicht allzu selten vermasselt wird, sollte ein reizvolles, voller Geschichte steckendes Gebäude unbedingt erhalten werden."

Michael Schöffberger: "Es darf nicht sein, dass tatenlos zugeschaut und nichts unternommen wird bis nur noch der Abriss übrig bleibt. Das sind wir unserer Stadt und unseren Nachkommen schuldig!"

Boris Burkert: "Passau ist nicht nur Altstadt, auch dieses Haus mit seinem unverwechselbaren, einzigartigen Charme trägt dazu bei, dass unsere Stadt in den Außenbereichen nicht zu ges(ch)ichtsloser Beliebigkeit verfällt."

Dr. Georgine Fisch: "Weil es für mich unfaßbar ist, wie schnell und leichtfertig in Passau erhaltenswerte Gebäude (z.B. Apfelkoch) einfach dem Erdboden gleich gemacht werden."

Georg A. Thuringer: "Solche Bauwerke machen die organisch gewachsene Vielgestaltigkeit unserer Stadt aus. Werden die originär-originellen Bauten durch Standard-Wohnungsbau ersetzt, vergraut die Stadt, ersetzt man sie durch historisierend bunte Pseudobauten disneyfiziert sie."

Urban Mangold: "Wir werden es nicht hinnehmen, dass Denkmäler aus spekulativen Gründen dem Verfall preisgegeben werden und seitens der Behörden alle zuschauen. Der knappe Notsicherungsbeschluss im letzten Bauausschuss war hoffentlich eine Kehrtwende! Wir würden uns freuen, wenn künftig andere Parteien gemeinsam mit uns den Erhalt von Denkmälern aus Liebe zur Heimat gegen bloßes behördliches Abwarten durchsetzen. Jetzt ist eine Notsicherung erforderlich und dann die Rettung des Denkmals. Sollte der jetzige Eigentümer dazu nicht in der Lage sein, plädieren wir für einen Ankauf und eine Sanierung durch die Stadt. Falls sich tatsächlich herausstellt, dass das Gebäude nicht mehr zu retten ist, muss es wieder genauso errichtet werden, wie es vorher aussah. Das wäre allerdings nur das letzte Mittel, wenn Sanierung wirklich nicht mehr machbar ist. Die jetzige Praxis des schludrigen Umgangs mit Denkmälern werden wir als gewählte Bürgervertreter jedenfalls nicht dulden. Dem Bauausschuss muss künftig vierteljährlich ein Bericht des Bauordnungsamtes über denkmalgeschützte Gebäude vorgelegt werden, bei denen sich Leerstand und Vernachlässigung abzeichnen."

Friedrich Brunner, Matthias Koopmann, Karl Synek, Holm Putzke und Gerhard Waschler haben diese öffentliche Petition unterschrieben: "Die Stadt Passau möge alle Anstrengungen unternehmen, um eine Lösung zu finden, bei der ein Abriss des Hauses in der Linzer Straße 2 in Passau vermieden und der Erhalt ermöglicht wird. Hierfür bedarf es, in enger und rascher Abstimmung mit dem Eigentümer, eines Aufschubs (Moratorium), damit mit einem plötzlichen Abriss keine vollendeten Tatsachen geschaffen werden und Zeit gewonnen wird, einen Investor zu finden, der bereit ist, das denkmalgeschützte Haus trotz der massiven Schäden zu sanieren.

Das Haus in der Linzer Straße 2 ist von hoher ästhetischer Qualität. Es ist ein unverzichtbarer Bestandteil des gesamten baulichen Ensembles und nicht ohne Grund ein gern gewähltes Postkarten- und Fotomotiv. Der Abriss wäre ein herber Verlust für Passau und das architektonische Erbe unserer Heimatstadt. Viel zu oft schon wurden in Passau Gebäude, die eine lange Historie hatten und stadtbildprägend waren, abgerissen und damit ein für allemal der Nachwelt entzogen (z.B. der Gasthof „Apfelkoch“ in der Innstraße). Es ist unverantwortlich, Gebäude sehenden Auges dem Verfall preiszugeben, um irgendwann einmal, scheinbar überrascht, festzustellen, dass es gerade wegen des fortgeschrittenen Verfalls nicht mehr erhalten werden kann. Wir appellieren – über den jetzigen konkreten Fall hinaus – generell an die Stadt Passau, Denkmalschutz ernst zu nehmen und vorausschauend tätig zu werden, um gemeinsam mit Eigentümern möglichst einvernehmliche Lösungen für den Erhalt von Gebäuden zu suchen, die das Stadtbild von Passau prägen und das einzigartige Flair ausmachen."

Hilferuf nach München für den "Malerwinkel"

Das Forum Passau wendet sich mit einer zusätzlichen Petition an den Bayerischen Landtag:

"Das Forum Passau e.V. bittet den Petitionsausschuss, sich für das Baudenkmal Linzer Straße 2 in Passau einzusetzen. Unsere Forderungen sind: 1. Die Abrißgenehmigung für das Haus wird widerrufen; 2. Das Haus bleibt als Einzeldenkmal in  der Denkmalliste eingetragen; 3. Das bayerische Denkmalschutzgesetz wird in der causa Linzer Straße 2 vollzogen.

Begründung:
Das Objekt Linzer Straße 2 ist das letzte noch erhaltene vorstädtische Holzhaus mit bäuerlichen Strukturen. Es geht im Kern auf die Mitte des 18. Jahrhunderts zurück. In seiner optischen Erscheinung ist es ein unverzichtbarer Bestandteil des sogenannten "Malerwinkels", des  Ensembles rund um das erhaltene Stadttor "Linzer Tor". Das über eine noch erhaltene Steingred erschlossene Objekt ist auf zahllosen Stadtansichten, Gemälden und Postkarten verewigt. Es ist ein integraler Bestandteil der historischen Innstadt. Seit mehr als zehn Jahren weist das Forum auf den zunehmenden bewusst in Kauf genommenen Verfall des Gebäudes hin.

In zahlreichen Pressemitteilungen und Briefen an die Verwaltung wurde darauf hingewiesen, dass der jetzige Besitzer das Objekt bewusst verfallen lässt. Schon aus Gleichheitsgrundsätzen kann dem Abriss nicht stattgegeben werden, da dem sanierungswilligen Nachbarn des Denkmalobjekts Linzer Straße 4 hohe und teure denkmalpflegerische Auflagen gemacht wurden, zum Beispiel bei der vom Landesamt geforderten Sanierung des historischen Dachstuhls. Dass im selben Atemzug das historisch wertvollere Eckgebäude ohne Eingriff der Denkmalpflege dem Verfall preisgegeben werden konnte, steht der Gleichbehandlung aller Bürger entgegen. Selbst bei 20- bis 40-prozentiger Erhaltungsmöglichkeit der Originalsubstanz ist das Haus in seiner Gesamtwirkung  für das Stadtbild unverzichtbar."

 

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