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Report | Donnerstag, 16. Februar 17

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Betonmauern: Die Passauer kennen aus der Ilzstadt, wie hässlich Hochwasserschutz sein kann. (Foto: Bürgerblick)
Hochwasserschutz Innpromenade

Mauern, die schützen, trennen und spalten

Am Montag geht es um eine heikle Frage: Soll Passau an seiner schönsten Uferpromenade, die unter Naturschutz stehende Kastanienallee am Inn, eine Hochwassermauer erhalten? Hier die Veranstaltungen dazu. Für interessierte Leser bringen wir dazu einen Beitrag, den unsere Abonnenten seit Dezember aus dem Magazin Nr. 101  kennen.

Die Generation, die das Hochwasser 1954 erlebt hatte, zog in der Ilzstadt und am Anger Betonwände hoch. Die Passauer lernten: Hochwasserschutz hat seinen Preis, Hässlichkeit. Nach der Jahrhundertflut 2013, die alle Fluten seit dem Mittelalter übersprungen hat, will sich die Stadt mit neuen Mauern schützen. Wo Beton das Antlitz der Stadt bereits verschandelt hat, schmerzt das nicht. Aber bei einem geplanten Eingriff ins grüne Herz der Stadt gehen die Meinungen auseinander.

Auf dem alten Kopfsteinpflaster der Theresienstraße treffen sich an einem sonnigen Vormittag im November zufällig zwei Passauer Männer, beide Hausbesitzer, denen in diesen Tagen ein und dasselbe Thema am Herzen liegt. Es ist in Sichtweite: die Kastanienallee der Innpromenade. Mindestens eine Baumreihe müsste dem Hochwasserschutz weichen. Und dann würde sich da künftig eine Mauer ziehen, mindestens in Brusthöhe, an manchen Stellen 3,50 Meter und höher. Eine Mauer, welche die Häuser vom Park trennt und den Fluss von der Stadt; Blickbeziehungen gingen verloren, von der Gottfried- Schäffer-Straße zum gegenüberliegenden Ufer mit dem Klosterberg „Maria Hilf“; umgekehrt von der Innpromenade zur Häuserzeile des Neumarkts mit seinen teilweise prächtigen Fassaden.

Mauern, die schützen, trennen auch.

Manche Menschen können damit leben, andere möchten das nicht. Die Hochwassermauern sind ein Thema, welches die Bevölkerung spaltet.

Eine Allee, die eine Baumreihe verliert ist keine Allee mehr. Der Begriff „Naturdenkmal“ wird möglichst vermieden.

Am Abend zuvor hatte es im Großen Redoutensaal einen Infoabend gegeben, zu dem der Oberbürgermeister eingeladen hatte. 350 Zuhörer füllten den Raum bis zum letzten Platz, ein paar mussten stehen oder saßen auf den Fensterbänken. Vertreter des Wasserwirtschaftsamtes erklärten ihre Planspiele, die Vor- und Nachteile der Linienführungen einer solchen Hochwassermauer, welche das Naturdenkmal „Kastanienallee“ bewahren oder zerstören würden. Eine Allee, die eine Baumreihe verliert, ist keine Allee mehr. Das hat aber keiner ausgesprochen. Der Begriff „Naturdenkmal“ wird bei diesen Informationsveranstaltungen möglichst vermieden. Er könnte Emotionen wecken.

Es drehte sich viel um Technisches: Wo liegen die Obergrenzen für die mobilen Elemente? Halten die tief im Boden verankerten Spundwände auch das steigende Grundwasser ab? Für trockene Keller kann der Hochwasserschutz jedenfalls nicht garantieren. Es geht allein darum, die Oberflächen wasserfrei zu halten, erfuhren die Zuhörer.

Die Wortmeldungen der Bürger bei der anschließenden Diskussion erweckten den Eindruck, dass sie mit dem Oberbürgermeister grundsätzlich einer Meinung sind. Der Hochwasserschutz muss gebaut werden, die Finanzspritze des Freistaates ist eine einmalige Chance, was das Stadtbild anbelangt, das werde schon nicht so schlimm werden. Auf eine Allee kann man verzichten. Bäume wachsen wieder nach.

2.700 Bürger, darunter 2.100 Passauer, haben die Online-Petition an den Oberbürgermeister zur „Rettung der Innpromenade“ unterschrieben.

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Der mögliche Hochwasserschutz für den Neumarkt: Im Norden zur Donau 340 Meter lang, im Süden zum Inn 520 Meter lang. (Foto: Bürgerblick)
Die zwei Männer, die sich auf der Theresienstraße trafen, Friedrich Brunner, der Vorsitzende des Vereins „Forum Passau“, und Andreas Vilsmeier, ein Wirt aus der Theresienstraße, hatten diese Veranstaltung nicht besucht. Sie hatten aber die Zeitungsberichte gelesen und sahen sich im Gespräch in ihrer Auffassung bestätigt, dass der Eindruck täuscht. „Die Bürger werden diesem Hochwasserschutzprojekt nicht widerstandslos zustimmen“, sagte Vilsmeier. Er kenne viele kritische Stimmen, denn er hat die Facebookseite „Bürgerinitiative zur Rettung der Innpromenade“ ins Leben gerufen. Sie ist verknüpft mit einer Petition im Netz. 2.700 Bürger, darunter 2.100 Passauer, haben bislang diese Online-Petition an den Oberbürgermeister zur „Rettung der Innpromenade“ unterschrieben.

Viele Kritiker, darunter Mitglieder seines Vereins, seien im Saal gesessen, aber hätten „die Füße stillgehalten“, meinte Brunner. „Wir haben genügend Unterschriften, wir können jederzeit mit dem Bürgerbegehren loslegen“, ermunterte ihn Vilsmeier. Der Gastwirt bezweifelt, dass der technische Hochwasserschutz funktioniert. Sein Haus „Theresienstraße 31“ mit einer Kneipe stand 2013 zwanzig Meter von der Wasserkante entfernt, der Keller war vollgelaufen. Als die Feuerwehr ihre starken Pumpen angeworfen und das Wasser im Keller abgesaugt hatte, will er gesehen haben, was sich bei diesem Rekordpegelstand zwischen Donau und Inn im Untergrund abspielt. „Das Wasser ist durch meinen Keller gerauscht, von der Donau Richtung Inn“, schildert Vilsmeier.

Wir wissen heute, dass sich die beiden Flüsse nicht im Neumarkt an der Oberfläche treffen, sie vereinen sich nicht - wie uns Zeitzeugen des Hochwassers 1954 weisgemacht haben - in der Fußgängerzone. Dort drückt nur das Donauwasser hinein. Unterirdisch laufen sie zusammen. Passau ist größtenteils auf Schwemmland gebaut. Die Bodenschichten sind wasserdurchlässig. Ein Experte vom Wasserwirtschaftsamt will auf Nachfrage das Phänomen, das Vilsmeier beobachtet hat, nicht ausschließen. Bei den Info-Veranstaltungen war es nicht erwähnt worden. Solche Grundwasserströme würden aber verhindert, weil Hochwasserschutz in selber Höhe auf der Donauseite gebaut wird.

Beim Hochwasserschutz „Innpromenade“ an der Gottfried-Schäffer-Straße sollen zwei Schöpfwerke dafür sorgen, dass die Senke von Oberer und Unterer Sand hinter der Hochwasserwand nicht absäuft, wenn Grundwasser an die Oberfläche drückt oder Starkregen fällt. Die Bauwerke sollen laut Nachfrage eines Zuhörers unter der Erde gebaut werden, fast unsichtbar sein. Sie sind geplant in Ufernähe Höhe Heiliggeistgasse und Theresienstraße. Damit der Hochwasserschutz funktioniert, müssen auch die Kanäle zum Fluss abgeschottet werden. 1.300 Liter Wasser pro Sekunde, so die maximale Kapazität, sollen die Schöpfwerke hinter der Hochwassermauer im Notfall zurück in den Inn bringen.

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Die Mauer an der Innpromenade würde stellenweise die volle Schutzhöhe erreichen (Fotomontage), 1,30 Meter misst der Grundsockel; dieser dürfte nicht verkleidet oder bepflanzt werden, damit die mobilen Elemente problemlos gesteckt werden können.
Die Höhe der Sockelmauern, den „Grundschutz“ von 1,30 Meter, haben die Planer nicht aus technischen Gründen gewählt, sondern mit Rücksicht auf die Wirkung für Stadtbild und Mensch. Eine Mauer von dieser Höhe kann selbst ein kleiner Mann noch überblicken. Blickbeziehungen sind für eine Stadt, deren Aushängeschild die Schönheit ist, wichtig.

„Des bau´ma!“ Diesen Satz, der keinen Raum für Widerspruch lässt und wie beschlossene Sache klingt, hat Oberbürgermeister Jürgen Dupper ausgesprochen. Es war wenige Tage vor dem Info-Abend in der Redoute, im „Forum Romanum“. So nennt sich der größte Konferenzraum im IBB-Hotel an der Bahnhofstraße. Wieder ein Info-Abend zum Hochwasserschutz, diesmal ging es um die Donauseite. Hier sind Mauern an der Oberen Donaulände entlang der östlichen Abfahrtsrampe der Schanzlbrücke geplant; eine weitere Hochwasserverbauung etwas weiter donauaufwärts im Bahnhofsviertel beim Hotel „Ruhender Mann“.

Auch hier zeigten sich die rund 200 Zuhörer für das Projekt sehr aufgeschlossen. Ein paar Skeptiker waren dabei, die sich um das Grundwasser sorgten oder wissen wollten, wie bei hohen Pegeln die Toilettenspülungen funktionieren. „Dann freuen sich die Fische“, sagte Dupper. Seine Mitarbeiter ermahnten die Hausbesitzer, dass der Einbau von Rückhalteklappen in Überschwemmungsgebieten Pflicht sei. Sie verhindern den Rückfluss aus der Kanalisation in das Hausinnere. Die Investition ab 500 Euro sollte sich lohnen, bedenkt man, welche Schäden entstehen können, wenn Wasser aus Toiletten oder Waschbecken ins Gebäudeinnere eintritt.

Das Thema Stadtbild spielt an der Oberen Donaulände offenbar überhaupt keine Rolle. „Hier kann man nichts mehr verschandeln, das ist schon hässlich genug“, sagt selbst Stadtbildbewahrer Brunner. Die Schanzlbrücke mit Betonpfeilern und Auffahrt hat sich grob und grau vor die Häuserzeile gesetzt. Der Hochwasserschutz sieht hier so aus, dass die Parkplätze unterm Schanzl hinter der Schutzmauer verschwinden. Die Betonmauer erreicht streckenweise die Höhe der Auffahrtsrampe. Die heutigen Parkplatzeinfahrten werden zu Fluttoren. Gäste, die im Sommer beim Italiener, Griechen oder Kroaten auf den Freiplätzen sitzen, werden das viele Blech unter der Brücke nicht mehr sehen, aber auch keine Donau, keine Schiffe oder das Ufer gegenüber mit dem bewaldeten Georgsberg.

Die mobilen Hochwasserwände halten Straßen und Häuser weitgehend trocken, aber ein normales Leben wird es dahinter nicht geben. Die Straßen müssen gesperrt, die Häuser evakuiert werden. Denn die mobilen Steckwände aus Alubalken und Stützen bieten keinen hundertprozentigen Schutz. Die Vertreter vom Wasserwirtschaftsamt betonen dies bei jeder Veranstaltung. Eine Situation wie bei der Flutkatastrophe 2013, als Bewohner in Altstadt und Neumarkt in den höher gelegenen Stockwerken ausharrten, werde es nicht mehr geben, ermahnte Oberbürgermeister Dupper. Das Szenario, dass ein losgerissenes Schiff oder schweres Treibgut eine Haus- oder Hochwasserwand beschädigt und zum Einsturz bringt, dieses Risiko muss stets einkalkuliert werden.

Auf Anfrage teilte Wolf-Dieter Rogowsky, der stellvertretende Behördenleiter des Wasserwirtschaftsamtes mit, welche Belastung die mobilen Hochwasserschutzwände aushalten müssen: Wenn sie eine vier Meter hohe Wassersäule abhalten, wirkt auf jeden Meter Breite ein Gewicht von acht Tonnen. Das erklärt, warum - unabhängig von der Leistungsgrenze der Aufbauhelfer - diese behördliche Vorgabe gilt: So wenig mobile Elemente wie möglich, denn sie bieten weniger Schutz als feste Mauern. Fürs Stadtbild wäre es umgekehrt angenehmer.

„Die Stadt Passau hundertprozentig hochwassersicher zu machen, das wäre ein völlig unhaltbares Versprechen“, bekennt Dupper. Aber bei aller Abwägung der Problematik stehe für ihn die Frage im Mittelpunkt: „Können wir so viel Hochwasserschutz wie möglich in der Stadt Passau realisieren?“ Den Löwenanteil der Kosten trägt als Bauherr der Freistaat, die Stadt muss sich mit 35 Prozent beteiligen.

Wer die im Frühjahr 2015 genannten Kostenschätzungen mit den heute genannten vergleicht, erkennt, dass sich diese etwa verdoppelt haben. Der Hochwasserschutz für die Gottfried-Schäffer-Straße (Innpromenade), wurde anfangs mit 5,4 Millionen Euro beziffert. Heute heißt es 8 bis 10 Millionen Euro. Das Gesamtpaket für die sechs Maßnahmen (Neumarkt Nord und Süd, Hals und Hacklberg, Lindau und Bahnhofsviertel) dürfte am Ende eher bei knapp 40 Millionen Euro liegen.

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Mobiler Hochwasserschutz erzeugt im Ernstfall Gänsehaut: Grein an der Donau in Österreich entging um wenige Zentimeter der Katastrope, dass die Flutwand überspült wird. Die Häuser sind bereits evakuiert.
Die machbaren Varianten für die Innpromenade, bei der jeweils etwa ein Drittel der Bäume weichen müsste, wird zum Jahresanfang Stadtrat und Bürgern mit anschaulichen Fotomontagen vorgestellt. An „Ecken und Kurven“ des Verlaufs wird es feste, in voller Höhe aufragende Mauern geben. Ein solches etwa 90 Meter langes Mauerstück beginnt an der Marienbrücke, und steigt wegen des abfallenden Geländes in der Linkskurve bis zur Bushaltestelle auf 3,50 Metern Höhe an, erreicht am Toilettenhäuschen seinen höchsten Punkt und springt dann zurück auf den Grundsockel von 1,30 Metern.

Der Grundschutz, ein Mauersockel von mindestens 1,30 Meter Höhe, ist nur die sichtbare Spitze des Hochwasserschutzes. Damit er wirkt, müssen unterirdisch Spundwände bis wenige Zentimeter über der Gesteinsschicht eingebracht werden, stellenweise acht Meter tief. Dies erklärt, warum große Maschinen zum Einsatz kommen, die ein Baufeld von knapp zehn Meter Breite benötigen. Die Bauarbeiten dauern ein Jahr.

Je zwei feste Mauerelemente, aufragend in voller Höhe, würde es auch bei jedem barrierefreien Eingang zur Innpromenade geben, beispielsweise am ampelgesteuerten Fußgängerweg Höhe Theresienstraße. Sie sind notwendig, damit hier bei Hochwasser mobile Tore installiert werden können.

Die Planspiele für die Innpromenade werden beschränkt durch Obergrenzen für die mobilen Elemente. Fluthelfer müssten bei Hochwasseralarm das Material aus Lagern herbeischaffen, rund 150 bis 200 Stützen im Abstand von zwei bis drei Metern auf die Grundmauer schrauben, je Stütze vier Schrauben, dann die Querbalken aus Aluminium stecken – eine mobile Wandfläche von maximal 600 Quadratmetern soll ihnen zugemutet werden. Stützen bis zu 1,20 Metern Länge können zwei Leute tragen, darüber kommt ein Kran zum Einsatz. „Man wird sich auf einheitliche Bauteile festlegen, um beim Aufbau Irritationen zu vermeiden“, sagt ein Experte.

Wenn der Hochwasserschutz auf der Fahrbahn gebaut würde, blieben die 120 Bäume der naturgeschützten Kastanienallee unangetastet, aber die Obergrenze der mobilen Wandfläche könnte nicht eingehalten werden: Auf der Fahrbahn lässt sich keine feste Grundmauer errichten, nur ebenerdige Verankerungen. Dies hat weitere Nachteile: Während der Bauphase, beim jährlichen Probeaufbau und im Hochwasserfall müsste die Straße komplett gesperrt werden. Ohne Grundschutz müsste der Aufbau viel früher und auch bei kleineren Hochwasser beginnen.

Würde die Mauer direkt am Ufer gebaut, also Straßenverkehr und Bäume schonen, rächt sich der Inn mit einem gefährlichen Pegelanstieg - nicht erlaubt. Wird der Hochwasserschutz direkt vor die Häuser gebaut, müssten die Aufbauhelfer auf der flusszugewandten Seite arbeiten – zu riskant. Wenn der Hochwasserschutz neben der Straße verliefe, müssten weniger Bäume fallen, aber dann fielen Parkplätze weg.

Ein Dilemma.

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Der in New York lebende schwedische Gitarrist wird an diesem Abend an den Drums begleitet von Albert "Tootie" Heath.


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