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Report | Montag, 17. September 18

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Vor 100 Mitglieder des Vereins "Europäische Wochen" präsentierte der neue künstlerische Leiter Carsten Gerhard sein Konzept, hier eine Orchesterpartnerschaft mit London.
Europäische Wochen

Mehr Theater, auch im Kleinen

Von Freyberg, Baumgardt, Bauer heißen der Reihe nach die letzten Intendanten der Passauer Festspiele „Europäische Wochen“. Ein Glorreicher und zwei in Ungnade Gefallene. Die Reihenfolge sortiert zugleich ihre Amtszeiten: sechszehn Jahre, vier Jahre, zwei Jahre. Heute Abend ist vom Vorstand des Vereins, der diese Festspiele trägt, die Nummer vier vorgestellt worden. Sie setzt diese Reihe des scheinbaren Zerfalls konsequent fort: Carsten Gerhard darf sich nicht Intendant, sondern nur künstlerische Leiter nennen; er ist eine Zwischenlösung und seine Amtszeit auf eine Saison begrenzt.

Über die Zukunft der Festspiele ist heute Abend bei einer Informationsveranstaltung von allen Verantwortlichen das Wichtigste gesagt worden. Jeder der vorgenannten Intendanten spielte dabei, ob anwesend oder nicht, eine gewichtige Rolle; der eine eine verschwiegene, der andere eine indirekt wiederbelebte, der dritte eine Streit auslösende.

Thomas E. Bauer (2016-2018), der das ansprechende Programm dieses Sommers vor seinem unfreiwilligen Abgang gestaltet hatte, wurde von der Vorsitzenden Rosemarie Weber mit keiner Silbe erwähnt. Sie hatte nach einem Etatstreit mit Bauer den Notstand ausgerufen und quasi als Notintendantin ohne ihn die Festspiele durchgeführt. Mit einer kleinen Verneigung vor dem Programmmacher hätte sie sicher die Sympathien aller gewonnen. So wirkte ihre Rede selbstherrlich. Wer diese Festspiele unter diesen Umständen erfolgreich über die Bühne bringt, der ist der Beste, lautete ihre Laudatio in eigener Sache. Der Beiratsvorsitzende Walter Keilbart und Kuratoriumspräsident Heinrich Oberreuter, als Politikwissenschaftler derzeit gefragter TV-Experte zum CSU-Wahlkampf, stärkten Weber den Rücken. Mehr noch. Sie hoben sie und ihr Team unter Beifall symbolisch auf ein Podest: Dieser Vorstand habe Unglaubliches geleistet. Wer keinen Vorschlag parat habe, wer es besser machen könne, der solle sich mit Kritik zurückhalten und fortan schweigen, sagten sinngemäß die grauhaarigen weisen Männer.

Peter Baumgardt (2012-2016), der die Programmarbeit seinerzeit einem Münchner Kulturagenten übertragen hatte, angeblich darüber gestolpert ist, dass er befreundete Helfer großzügig bezahlt hat, wurde gezwungenermaßen wieder erwähnt. Denn Carsten Gerhard, der neue Interimsintendant ohne Intendantenvertrag, ist sein ehemaliger Dramaturg, der besagte Münchner Kulturagent. Zur Überraschung der Mitglieder präsentierte dieser heute sein Konzept für die Festspiele 2019. Weber versäumte es und er selbst auch: sich überhaupt vorzustellen. Dies holte er später auf Anfrage einer Zuhörerin nach. Mehr als drei Sätze wolle er dazu nicht verschwenden, sagte er.

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Der neue Ersatz-Intendant der "Europäischen Wochen": Carsten Gerhard war Dramaturg unter Ex-Intendant Petrer Baumgardt. (Foto: mediendenk)
Carsten ist gebürtiger Schwabe, war nach seinem Studium in Berlin und Rom freier Mitarbeiter der Tageszeitung „Die Welt“, dann Pressesprecher vom "Deutschen Theater" und der Münchner Philharmoniker; er machte sich 2007 mit einer Kulturmarketingagentur selbständig. Über seine aktuelle Arbeit erzählte der PR-Mann nichts, von ihr ist auf seiner Agenturseite im Netz zu lesen: Er hat diesen Sommer das „Deutsche Hutmuseum“ im Allgäu und eine Münchner Dinosaurierausstellung vermarktet.

Freiluftkonzerte am Domplatz, Theater im Wohnzimmer
Die Europäischen Wochen sollen sich 2019 im Großen auf dem Domplatz abspielen, beispielsweise mit Händels Messias, und sich im Kleinen authentisch mit Europa beschäftigen. Gerhard setzt auf mehr Theater, will Produktionen aus Amsterdam und Italien holen; die minimalistischen Aufführungen sollen in privaten Wohnzimmern stattfinden; vor dem Gastgeber, der zwei Gästen seiner Wahl mitbringen darf, und zwölf zahlenden Zuschauern. Die Höhepunkte der neuen Festspiele würden rechtzeitig vor Weihnachten verkündet, um den Kartenverkauf anzukurbeln, ergänzte Weber.

Pankratz von Freyberg (1995-2011), der ruhmreiche Intendant, hörte als Mitglied im Zuschauerrau fast zwei Stunden lang zu, bis zum Schluss. Dann bat er um das Wort, das er auf einen Zettel formuliert hatte und später, damit es auch richtig wiedergegeben werde, dem Kulturredakteur der Heimatzeitung zusteckte. Er begann mit dem lateinischen Spruch, den auch gute Journalisten beherzigen sollten, "auch die andere Seite zu hören": "Audiatur et altera pars". Auf seinem Zettel, den er laut verlesen hat, steht "Statement": „Im Sinne einer fruchtbringenden Zukunft unsere Festspiele und in Verantwortung gegenüber unserer, dem Europagedanken verpflichteten Vereinsgeschichte, rate ich dringend und mit allem persönlichen Nachdruck: 1. Einberufung einer außerordentlichen Mitgliedversammlung zum nächstmöglichen Zeitpunkt. 2. Wahl eines unbelasteten Vorstandes. 3. Nach dessen Amtsübernahme schnellstmögliche Ausschreibung der Intendanz."

„Unbelasteter Vorstand“ und "Neuwahlen" waren Reizworte. Die Reaktion der Vorsitzenden erinnerte an die Szene, als sie zuletzt im April bei einer öffentlichen Mitgliederversammlung mit dem alsbald ausscheidenden Intendanten Bauer zum Schluss in Streit geriet, beide sehr laut und persönlich wurden. Diesmal verlor sie die Contenance, schmähte die Erfolge des Glorreichen und ließ - obwohl es eine öffentliche Informationsveranstaltung und keine Mitgliederversammlung war - über dessen Stellungnahme abstimmen. Sie hatte mit Nachdruck vorausgeschickt, dass es unter ihr keine außerordentliche Mitgliedersammlung mehr geben, sie bei Neuwahlen nicht mehr antreten werde. Neun Hände erhoben sich, deren Besitzer sich als Revoluzzer fühlen durften; der Rest der 90 anwesenden Mitglieder stellte sich hinter Weber.

Wo waren plötzlich die Verfechter für einen Neuanfang, die Freunde des Ex-Intendanten, die Befürworter eines neuen Fundaments, einer gemeinnützigen GmbH, welche den Verein aus der Haftung bringt? Dem Reporter wurden später Namen aufgezählt zum Beleg, dass viele Vertreter der anderen Seite - wohl aus Frust - nicht erschienen sind. Darunter beispielsweise Beiratsmitglied Hermann Schmidt, ein pensionierter Kulturredakteur der Heimatzeitung. Die letzten Vorgänge und die mangelnde Transparenz des Vorstandes gegenüber den Mitgliedern haben ihn angeblich so empört, dass er aus dem Beirat ausgetreten ist. Er bestätigte dies auf Anfrage.

Nach der Veranstaltung wurde zwischen den Tischen weiter gestritten, vor den Augen und Ohren der Reporter. Die Vorsitzende Weber und ihr Vertreter Freiherr von Moreau verrissen die Erfolge des alten Intendanten, Professor Oberreuter warf von Freyberg vor, er würde den Verein zerstören; ein Parteikollege der Vorsitzenden, Rudi Ramelsberger, trat als Schlichter dazwischen.

Die regulären Neuwahlen finden 2020 statt.

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Montag
17. Dezember 2018
 
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