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Report | Dienstag, 30. Oktober 18

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Legendäre Leuchtschrift Blick über die Dächer des Innpromenadenkinos gen Norden. Im Hintergrund Votiv- und Matthäuskirche und Schanzlturm. (Foto: Tobias Köhler/mediendenk)
Kinolandschaft

Passau hat sein Proli wieder

Vor zwölf Jahren ist das älteste Passauer Kino ausgemustert worden. Mit der Wiedereröffnung setzt es sich an die Spitze: Aus dem legendären „Proli“ ist in jeder Hinsicht ein luxuriöses Lichtspieltheater geworden. Buchweizenpfannkuchen statt Popcorn.  

Kinopatriarch Manfred Vesper spielt den Pizzaboten. Bepackt mit Schachtel und Tüte vom Italiener kommt er die Theresienstraße herunter. Seine beiden Söhne und die Schwiegertochter haben wahrscheinlich wieder den ganzen Tag nichts Anständiges gegessen. Wer jemals ein eigenes Geschäft eröffnet hat, weiß: Kurz vor der Eröffnung ballen sich die Vierzehnstundentage, die letzten Handgriffe werden unter Zeitdruck erledigt. Morgen ist für die Jungen der große Tag:  Eine Passauer Kinolegende tritt wieder ins Licht.  Sie öffnen das Proli, wie in Kurzform seit 1910 das Kino an der Innpromenade heißt.

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Damals: Kinokasse mit Popcorn An der Kasse im Foyer verkaufte Eva die Tickets, Preise um die 6 Euro. Das Proli hatte drei Säle: „Donau“, „Inn“ und „Ilz“. (Archiv/ mediendenk)
Proli wie Promenade-Lichtspiele; oben auf dem Dach leuchtet wie früher gelbgrün der Schriftzug, wie ihn Generationen von Passauern kennen.  In diesem gelb getünchten Haus mit Südfront zur Innpromenade hat die Passauer Kinogeschichte begonnen. Der Oktoberfestschausteller und Hippodrom-Gründer Carl Gabriel (1857- 1931), der in Berlin und München („Sendlinger Tor Lichtspiele“) die ersten Kinos eröffnete, richtete 1910 in dem ehemaligen Passauer Pferdestall und Getreidespeicher das Proli ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg erwarb der Schwiegervater von Manfred Vesper das Lichtspielhaus. Er übergab es 1979 an Tochter und Schwiegersohn.

Um den historischen Abriss zu ergänzen: Das allererste Passauer Kino war das Proli genau genommen nicht.In den Annalen ist ein italienischer Geflügelhändler namens Marino Spiritini (1883-1939) erwähnt, der im Jahre 1908 in der Bahnhofstraße einen „Welt-Kinematographen“, einen Vorgänger der Filmprojektoren, betrieb.  Er gab täglich zwei Vorstellungen.

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Kinofamilie in vierter Generation Das Vesper-Trio im Proli: Sebastian (35) kümmert sich um die Technik, Juli Marie (28) und Andreas (29) um das leibliche Wohl der Gäste. (Foto: Tobias Köhler/mediendenk)
Jetzt ist im Proli die vierte Generation am Zug:  Sebastian Vesper, 35, gemütlicher Glatzkopf, Computerfreak, ist der neue Kinobetreiber; sein Bruder Andreas, 29, Statur wie Goliath, führt mit seiner zierlichen Frau Juli Marie, 28, das Bistro im Kinofoyer. Die Farbe der geschwungenen Theke, die Speisen in der Vitrine und die Getränkeauswahl verraten, für welchen Urlaubsort sie schwärmen. Hier weht ein Hauch westfranzösischer Atlantikküste. Die bretonische Küche hat es den beiden angetan.

„Ich bin extra nochmal in die Bretagne gereist, um mich vom Betreiber meines Lieblingslokals schulen zu lassen“, erzählt Juli Marie. Es geht um eine Spezialität namens Galette, in einem Crêpes-Eisen gebackene Buchweizenpfannkuchen, die mit herzhaften Zutaten gefüllt werden. „Bei der Füllung sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt“, sagt die junge Köchin. Französische Gaumenfreuden und Champagner sind nicht gerade die Angebote, die man in der Gastronomie eines Kinos erwartet. Für ein „Luxuskino“, wie die Vespers ihr Konzept bezeichnen, passt das sehr wohl.

Das Haus soll in Ausstattung und Service die Spitze der Passauer Kinolandschaft bilden - die Familie Vesper seit zehn Jahre alleine pflegt. Die Chronik der Expansion liest sich so: 1979 Proli, 1987 Scharfrichterkino, 1993 Metropolis (ehemalige Diskothek gegenüber der Alten Presse), 2006 Cineplex in der Neuen Mitte. Hinzu kam 2013 die Cineplex-Filiale in der Bayerwaldstadt Freyung. Zusammen gerechnet sind das 17 Kinosäle mit knapp 2.500 Plätzen.

In der „Medienwelt Vesper“ ist für die Programmgestaltung der Häuser Tochter Julia Vesper verantwortlich. Sie sichtet, wählt aus und entscheidet, was wo wann läuft. Am Eröffnungstag des Prolis läuft als Vorgeschmack für die Bandbreite der neuen Lichttechnik der hauseigene Trailer. Sebastian Vesper hat ihn selbst produziert. Der Proli-Schriftzug setzt sich auf der Leinwand aus Lichtstaub zusammen, sechs Lichtwellen an den Wänden pulsieren im Takt der Musik. „Da geht noch mehr, aber wir wollen noch nicht alles verraten“, sagt sein Bruder.

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Luxuriöser Kinosaal Weiches Kunstleder, theatralische Farbwechsel; in der obersten Reihe automatische Liegesitze und Bartischchen. (Foto: Tobias Köhler/mediendenk)
Die Lust auf Neues zu wecken, gehört zum Geschäftsmodell auf dem Kinomarkt. Vespers Mitbewerber ist das offenbar nicht gelungen. 2006 schloss das ehemalige Atlantikkino, zuletzt Filmstudio, in der Ilzstadt, 2007 das Capitol-Kino an der Neuburger Straße; an ein Passauer Original sei erinnert: Nach der Flut 2013 sperrte Erich Siebzehnrübl (1930-2017) sein Sex-Kino „PAM“ (12 Plätze) nicht mehr auf.  

Die alte Proli-Neonleuchtreklame, die wohl aus den 1940er Jahren stammt, hatte bis zum Schluss tadellos funktioniert. Sie war im Vorjahr Schaustück im Oberhausmuseum bei der Ausstellung „Passau von 1950 bis heute“, ist jetzt beim Hausschreiner eingelagert. „Die Halterungen hätten es nicht mehr lange gemacht. Total verrostet“, berichtet Sebastian Vesper.

Der Nachbau mit LED-Technik, nicht ganz so lichtstark wie die Leuchtstoffversion, kommt erst nach Sonnenuntergang zur Geltung. Die Zeitschaltuhr ist auf 20 Uhr programmiert. Wer das wöchentlich gedruckten Programmfaltblatt der Kinofamilie Vesper studiert, entdeckt die Symbolik. Der Proli-Schriftzug ist prominent oben in der Mitte platziert. „Die Keimzelle“ nennt der älteste Sprößling der Kinofamilie das Haus. Es ist zugleich sein Elternhaus, in dem heute Großeltern und Enkel unter einem Dach wohnen. Dieser Ort hat seine Jugenderinnerungen geprägt. Der Eingang zur Privatwohnung lag früher direkt an der Besuchertreppe zum Kinosaal „Inn“, eine blaue, feuerfeste Stahltür. Wenn er abends vom Joggen zurückkam, oft ausgerechnet zum Vorstellungsbeginn, drängten sich die Zuschauer im Foyer und standen Schlange auf der Treppe. Dann hat er geduldig draußen gewartet. „Ich wollte nicht total verschwitzt zwischen den Kunden durchlaufen.“ Manchmal kauerte er heimlich im Vorführraum und sah sich Filme an, die er in seinem Alter noch nicht hätte sehen dürfen.  

Ein Knopfdruck und die Fußlehne fährt aus, wie im Flieger in der First-Class. Der braune Kunstledersitz streckt sich bis fast zur Liegeposition; ein schwenkbares Bartischchen. Die oberste der fünf Sitzreihen, insgesamt 72 Plätze, sind bequemer wie manche Couch daheim. Der Gin Tonic – zur Auswahl steht eine französische und eine niederbayerische Marke – wird am Platz serviert.  Dieses Kinoerlebnis kostet, ohne Getränk, knapp 15 Euro. Die Tickets im „Luxuskino“ sind grob überschlagen etwa zwei Euro teurer als im %RPIC14681%„Cineplex“. Das Programm ein Mix: Kassenschlager wechseln sich ab mit Filmraritäten.

„Was aus dem Proli wird, steht in den Sternen. Zumindest die grellgrüne Neonschrift wird wie ein ewiges Licht über dem Gebäude weiter - leuchten“, hatte der Autor pathetisch nach der Abschiedsvorstellung im Oktober 2006 geschrieben. „Der Teufel trägt Prada“ mit Meryl Streep hieß damals der letzte Streifen, der lief. Danach verließ das Publikum stumm und mit gesenkten Köpfen den Saal, wie bei einer Beerdigung.

Mit Zuspruch der Stadtregierung ist das Proli zwei Jahre später als Kulturhaus reaktiviert worden. Vom Konzert mit dem Hamburger Rapper Sammy Deluxe bis zum Podium „Philosophischen Café“ reichte das Programm. Einheimische und Studenten schätzten den neuen Veranstaltungsort. Aber er erwies sich als untauglich für Konzerte und Partys. Proteste der Nachbarschaft wegen Lärms. Nach nur einem Jahr war im November 2009 endgültig Schluss. 2013 verwandelte der Innschlamm das Proli in eine Flutruine.

Das neue Kino steckt jetzt ein einem schall- und wasserdichten Bunker. “Die Decke ist 40 Zentimeter dick.“ Erst, wenn das Wasser mehr als einen halben Meter hoch vor der Tür stünde, müsste geflutet werden, beschreibt der Kinobetreiber. Die Vespers haben sich für einen individuellen Hochwasserschutz entschlossen. Sie waren und sind keine Freunde der geplanten umstrittenen Flutmauer an der Innpromenade.

Wie beim Intermezzo als Kulturhaus lässt sich das Proli heute wieder als Bühne mieten. Kabarettisten haben schon angefragt - und Politiker. Es ist Wahlkampfzeit. Der erste Gast auf der Leinwand war Sigi Zimmerschied mit der Komödie „Sauerkrautkoma“; die Premiere auf der Bühne bestreitet die SPD Mitte September. Natascha Kohnen kommt, ein Stelldichein der Sozis.

Auf der Betonbrüstung der Bistro-Terrasse rankt sich das Weinlaub. Zwei weiße Liegestühle, schwere Bestuhlung aus Holz und Metall stehen zur Muße bereit. Nach dem Kinobesuch ein französischer Chardonnay im Glas, auf dem Teller ein von Marie Juli Vesper gefülltes Galette - das Proli wäre ein perfektes Haus der Genüsse, wenn man statt des Autoverkehrs nur die hohen Kastanien und den Inn rauschen hörte.   

Hubert Jakob Denk

Dieser Beitrag erschien im Lokalmagazin Bürgerblick, Heft Nr. 118, September 2018.
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