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Report | Sonntag, 18. November 18

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Das Haus am Linzer Tor hat wahrscheinlich seine Wurzeln im 16. Jahrhundert.
Passauer Denkmaldrama

Holzhaus „Linzer Tor“: Einladung zur Brandstiftung?

Eigentum verpflichtet, aber Hausbesitzer lassen manchmal bewusst Denkmäler verfallen, um auf Abbruch und Neubau zu spekulieren. In Passau spitzt sich der Konflikt um ein altes Holzhaus zu, welches seit Jahrhunderten zum malerischen Postkartenmotiv des südöstlichen Stadttores zählt.

Der Hauseigentümer Sascha P. hat bewusst einen buchstäblich brandgefährlichen Zustand geschaffen, der von den Verantwortlichen der Stadt offenbar geduldet wird. Mithilfe des Oberbürgermeisters soll ein Stadtratsbeschluss, der das historische Erbe retten könnte, ignoriert werden. Mittlerweile haben sich zwei Landtagsabgeordnete in das Denkmaldrama eingeschaltet.

Vergangene Woche wollten die Stadträte im Bauausschuss ein Exempel statuieren. Auf Antrag ihres Kollegen, Historiker Matthias Koopmann, haben sie erstmals beschlossen, dass ein Denkmalgebäude gegen den Willen des Eigentümers gesichert wird, um den Verfall aufzuhalten. Das Bayerische Denkmalschutzgesetz lässt dieses Vorgehen zu. Die Notsicherung ist das letzte Mittel. Im Gesetz heißt es zudem: „Handlungen, die ein Baudenkmal schädigen oder gefährden, können untersagt werden“.

Die städtische Denkmalpflegebehörde und der Vertreter des Landesamtes, Dr. Thomas Kupferschmied, haben dieses Gesetz offensichtlich mindestens fünf Jahre lang ignoriert: Der Hauseigentümer hat Löcher am Dach offengehalten, Regen dringt ein; eine eingebrochene Treppe wurde nicht erneuert, das Obergeschoss ist nicht erreichbar; Fallrohe sind abmontiert, das Dachwasser plätschert den Putz entlang und beschleunigt die Fäulnis. Aber das alte Haus in Holzbauständerweise, Grundfläche etwa vierzehn mal acht Meter, erweist sich als widerstandsfähig, es will nicht einstürzen.

Nachdem der Bauausschuss die Zwangsmaßnahme "Notsicherung" mit sieben gegen sechs Stimmen beschlossen hatte, war der Eklat vorprogrammiert. Denn der Vertreter der Verwaltung verkündete, dass man dem Beschluss nicht folgen werde; der Oberbürgermeister werde eingeschaltet, den Beschluss kraft seines Amtes aufzuheben. Der Eigentümer könnte klagen und die Stadt den Kürzeren ziehen, war die Begründung. Das Bayerische Denkmalschutzgesetz nur geduldiges Papier?

„Wir sind von der Verwaltung an der Nase herumgeführt worden“, sagt Matthias Koopmann. Es sei glaubhaft immer so dargestellt worden, als gäbe es ein Gutachten, dass dieses Gebäude einsturzgefährdet, für die Nachwelt verloren ist. Ein solches Gutachten wäre die Voraussetzung, dass die Denkmalwürde aberkannt werden kann. In der letzten Sitzung wurde jedoch bekannt: Es gibt kein solches Gutachten. Die Einschätzung beruht auf einer Augenscheinnahme von außen und der Aussage des Eigentümers. „Baustelle betreten verboten!“, hat er ein gelbes Warnschild neben der Haustür angebracht. 

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Mehrere Fenster im Erdgeschoss des Geisterhauses werden offen gehalten. Damit noch mehr Feuchtigkeit oder Unbefugte leichter eindringen können?
Das Holzhaus am Linzer Tor ist zum Präzedenzfall geworden. Was wiegt bei einem Baudenkmal mehr? Die privaten Interessen des Hauseigentümers oder der öffentliche Anspruch, ein historisches Zeitzeugnis der Nachwelt zu erhalten? In diesem Fall lässt sich sagen: Die Stadt und die zuständigen Behörden haben sich nie für dieses Objekt interessiert, obwohl es immer wieder ein öffentliches Thema war. Der Verein „Forum Passau“ hat in seiner Zeitschrift, die an 13.000 Haushalte geht, den Missstand seit Frühjahr 2013 mehrmals angeprangert. Koopmann hat ihn wiederholt an die Lokalpresse herangetragen. 

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Eines der Fenster, die im Erdgeschoss offen stehen.
Der Fall „Linzer Tor“ ist in der Kombination von jahrelangem Leerstand, unterlassenem Bauunterhalt, schwerste Substanzschädigung, Investorenhörigkeit und Hilflosigkeit der oft ebenso überforderten wie politisch mangelhaft gestützten Behörden kein Einzelfall, sondern typisch für Bayern, wo mehr als dreitausend Denkmäler leer stehen und verwahrlosen!“, schrieb im März 2013 auf Anfrage dieses Magazins Professor Egon Greipl, der ehemalige Leiter der bayerischen Denkmalpflege. 

Der Autor dieser Zeilen hat vor genau zwei Jahren das einzige Reportergespräch mit dem Eigentümer geführt, der das Objekt drei Jahre zuvor nach unbestätigten Informationen für einen kleineren fünfstelligen Betrag erworben hat. Es wurde schnell klar: Das Passauer Stadtbild dürfte ihn wenig interessieren, er ist hierher 2008 aus praktischen Erwägungen gezogen. Der kroatische Staatsbürger ist in Bayern in der Baubranche tätig, in seiner Heimat hält er Immobilien, die er touristisch nutzt. Passau hat er als Wohnort gewählt, weil es für seine Zwecke "verkehrstechnisch günstig" liegt. Mit Frau und Kind hat er eine Wohnung in unmittelbarer Nähe des leerstehenden Holzhauses bezogen. Er hat, wie er jetzt bei einem Telefonat ergänzte, nach der Scheidung angeblich wegen "Zwangsabmeldung" durch die Stadt seinen Passauer Wohnsitz verloren. Das habe ihm mehrere Tausende Euro gekostet. Er wohnt heute ein paar Kilometer weiter im benachbarten Österreich.

Das Passauer Denkmal in kroatischer Hand ist mittlerweile zum hochbrisanten politischen Thema geworden und hat die Landespolitik erreicht. Der CSU-Landtagsabgeordnete Gerhard Waschler, selbst ein Innstädter, hat sich eingeschaltet. Mit einem Mitglied des Passauer Gestaltungsbeirats, Architekt Peter Haimerl, hat er das Objekt besichtigt und betont die Schutzwürdigkeit des Denkmals. Sanierung sei machbar, wenn der Wille vorhanden ist, war die Botschaft der beiden Männer. "Ich gehe jeden Tag daran vorbei und bin davon ausgegangen, dass es irgendann kernsaniert wird", erzählt Waschler. Als er dann vom geplanten Abriss gelesen habe, sei er aufgeschreckt. Er fragte beim Leiter der Landesdenkmalpflege nach, wie das möglich sei. Dort erhielt er die Auskunft, dass das Haus weiterhin als Denkmal geführt wird. Einer Abbruchgenehmigung müsse ein Gutachten vorausgehen. Dieses gibt es nicht.

Am Sonntagfrüh hat sich der Grünen-Landtagsabgeordnete Toni Schuberl zu Wort gemeldet. Er schickt an die Medien seinen offenen Brief in dieser Sache an den Oberbürgermeister. „Das ganze Ensemble mit dem Linzer Tor ist ein derart schöner Flecken Passaus, der auch einen ganz eigenen Charme hat, wie man ihn in den anderen eher städtisch geprägten Teilen Passaus kaum finden kann. Nun gibt es zumindest den Funken einer Hoffnung zum Erhalt dieses Kleinods.“ Was Schuberl missfallen dürfte: Seine Parteikollegin Erika Träger, die als dritte Bürgermeister den Vorsitz des Bauausschusses ine hatte, hat offenbar aus Loyalität zum Oberbürgermeister gegen die Notsicherung gestimmt, zusammen mit den drei SPD-Mitgliedern, einerm Vertreter der Freien Wähler und der FDP. 

Schuberl gibt in seinem Brief der Hoffnung Ausdruck, dass ein Fehler in der Berichterstattung der "Passauer Neuen Presse" vorliegt, in der geschrieben steht, dass das entscheidende Gutachten zur Statik vom Hauseigentümer selbst in Auftrag gegeben werden soll, die Stadt dieses Gutachten jedoch hoch bezuschusse. „Das würde wohl das Ergebnis des Gutachtens tendenziell vorwegnehmen", schreibt er. Koopmann drückt das konkreter aus: „Da wird der Bock zum Gärtner gemacht.“

Schuberl hat sich leider nicht verlesen und die PNP die schriftliche Erklärung des Rathauses korrekt wiedergegeben, die auf unserer Anfrage vom Freitagmorgen hin versandt worden ist. Das OB-Büro teilt mit: „Das Gebäude ist in einem so maroden Zustand, dass das Landesamt für Denkmalpflege (Anm. d. Red: gemeint ist Dr. Thomas Kupferschmied) und die Stadt den Eigentümer gemeinsam aufgefordert haben, ein statisches Gutachten beizubringen.“ Die Landesbehörde und die Stadt hätten dafür einen hohen Zuschuss in Aussicht gestellt. "Ein Gebäude, das im Verdacht steht, einsturzgefährdet zu sein, kann man ohne statischen Nachweis nicht von Handwerkern betreten lassen." 

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Sascha P. hat neben der Haustür ein Warnschild "Baustelle" angebracht, am Briefkasten mit knallgelbem Beschriftungsband seinen Namen mit Zusatz "Hauseigentümer" und Mobilfunknummer angebracht.
Die Stadt Passau und der Eigentümer, beide betonen den "Verdacht", der Einsturzgefahr. Der Augenschein heute hat ergeben, dass sich beide in gefährliche, ja verantwortungslose Position begeben. Die Löcher im Dach, die fehlenden Fallrohre, dabei hat es Sascha P. nicht belassen. Er lässt die fünf Erdgeschossfenster im Westen offenstehen, so dass jeder Unbefugte, ja selbst Kinder leicht in das leerstehende Haus einsteigen können.

Spätestens mit diesen Zeilen ist der Stadtverwaltung diese grobe Fahrlässigkeit bekannt. Denn die offenen Fenster sind eine brandgefährliche Einladung. „Diesen Zustand kennen wir seit einem Jahr“, sagt eine Nachbarin. Die Stadt möge sich darum kümmern. Das Holzhaus am Linzer Tor ist wahrscheinlich in keinem schlechteren Zustand als das Ilzstädter Denkmal „Zur Felsn“. Es hat nur das Pech, in die falschen Hände geraten zu sein.

„Ich bin der Sascha. Mich kennt hier jeder. Ich bin 1 Meter 95 groß und 90 Kilo schwer, ich kann mich nicht verstecken“, hatte sich der vollbärtige Riese und Denkmaleigentümer im November 2016 dem Reporter vorgestellt. Er war sehr verärgert, weil sich das „Forum Passau“, ein Verein, der sich um Landschaft und Stadtbild kümmert, den Verfall dieses Denkmals angeprangert hatte. Er empfand das als Einmischung in seine Angelegenheiten und gab dem Reporter die provokante Botschaft mit: "Ich verkaufe das Haus gerne für zwei Millionen Euro, wenn im Grundbuch eingetragen wird, das der Käufer sich verpflichtet, es zu sanieren." Damit hatte er durchscheinen lassen, dass die Immobilie für ihn ein Spekulationsobjekt ist. Andrerseits behauptete er, er habe in das Haus viel investiert und möchte darin auch einmal wohnen. Man könne mit ihm über alles reden. Seine Aussagen waren widersprüchlich. Heute sagte er, er fühle sich verfolgt, ja bedroht. "Dabei hätte der Eigentümer jetzt die besten Chancen, von vielen Seiten Unterstützung zu erhalten, wenn es der Rettung des Denkmals dient", sagt Koopmann. 

Was die Notsicherung über den Winter anbelangt: Nach realistischer Schätzung eines Zimmerermeisters kann sie für rund 8.000 Euro durchgeführt werden. Die wetterfeste Schutzplane würde mithilfe eines mobilen Krans aufgebracht. Die Dachdecker werden bei der Arbeit mit derselben Technik gesichert, wie Feuerwehrmänner, die schneebruchgefährdete Dächer abräumen. Der Zimmermeister hat sich eingeschaltet, weil er erlebt hat, wie in seiner Heimatgemeinde vor 20 Jahren an derartiger Zwangseingriff durch die Denkmalpflege stattgefunden hat. Ein Eigentümer hatte an denkmalgeschützes Anwesen absichtlich dem Verfall preisgeben wollen, damit er es abreißen und an dessen Stelle einen neuen Stadel zu bauen. Die Nachbarn hatten erfolgreich die Behörden eingeschaltet.

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