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Report | Mittwoch, 14. Februar 18

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Im TV-Bild der 1960er: Söder (Zeigefinger) und Scheuer wollen wie alle Nachgeborenen in Strauß´sche Fußstapfen treten. Dem Niederbayern ist das heute rhetorisch besser geglückt als dem Franken. (Quelle: Phoenix)
Politischer Aschermittwoch an der Donau

Scheuer stiehlt Söder fast die Schau

Sympathieverluste und Ränkespiele. Gute Miene zum bösen Spiel, mit dem Finger auf die anderen zeigen und nicht vor der eigenen Haustür kehren. In Passau und Vilshofen steht das politische Theater vor dieser Herausforderung. Söder und Scholz, ein Franke und ein Hanseat, stellen sich dieser Aufgabe auf den Bühnen der Donaustädte. Eher ruhig ist der Wellengang auf dem Donauschiff der Linken. Die verbalen Aschermittwochschmankerl, die Schenkelklopfer à la Strauß, serviert in der Dreiländerhalle nicht der Franke, sondern der Niederbayer, der Draufhau der CSU: der Passauer Andreas Scheuer.

Den schönsten Versprecher liefert zum Auftakt Phönix-Reporter Michael Kolz: „Markus Seehofer – pardon, Markus Söder zieht in die Halle ein.“ Ja, so schnell wie in diesen Tagen die Parteifiguren an- und abtreten, da kommen Journalisten ins Schleudern. Der Bayerische Defiliermarsch ist normalerweise dem Ministerpräsidenten vorbehalten. Er sei damit emotional gut zurecht gekommen, wird Markus Söder später die Lacher auf seiner Seite haben.

Söder hat abgenommen; die Hose rutscht, zweimal zieht er sie hoch, als er winkend auf der Bühne steht. Dunkler Trachtenjanker, grüngestreifte Krawatte mit rosa Hirschchen. Scheuer, Meyer, Waschler, Taubeneder, Putzke und Kneidinger - die Passauer CSU-Hauptdarsteller drängen sich beim Einmarsch in Söders Umfeld. Auf den Bierbänken überwiegt das Publikum "männlich, graue Haare".

"Das hier ist ein Fest der Demokratie!", schreit Andreas Scheuer, nach Passauer Mundart "der Scheuer Andi", in den Saal. Wenigstens einer lässt zum Applaus einen Juchzerer raus. "Es hat sich ausgeschulzt und ausgekernt", kalauert der Generalsekretär mit Blick auf die Sozis in Berlin und Wien. Das kommt schon besser an. Er beschert Edmund Stoiber einen Sonderapplaus, den er offenbar gestern Abend in einem kurzen Telefonat ermuntert hat, nach Passau zu kommen. "Du bist der Großmeister, der Träger des schwarzen Gürtels der Koalitionsverhandlungen", lobt er seinen kranken Chef Seehofer. Treffer! Solche Bilder lieben sie.

Seehofer, Söder, beides seien Wendehälse, analysiert Wolfgang Wittl von der "Süddeutschen Zeitung" im Reportergespräch die beiden Männer, die wohl keine Freunde mehr werden. 4.000 bis 5.000 Zuschauer zählt die "politische Herzkammer des Aschermittwochs", wie sie die mit einer Bühnenwirtshausstube dekorierte Dreiländerhalle nennen.

500 Grenzpolizisten für Passau
CSU-Eröffnungsredner Walter Taubeneder, die Brille auf die Nasenspitze gerückt, hat vom Blatt abgelesen, ein Selbstloblied auf seine Partei: "Wir sind Premiumregion", sagt er. "Da kannt´n die Niederbayern schon klatschen", setzt er nach, als der Applaus ausbleibt. Schizophrene Ansätze: Man freue sich, dass Söder die neue Grenzpolizei in Passau stationieren möchte, aber: Die "Grenzkontrollen" müssten endlich verlegt werden - vom Hinterland zur echten Grenze. Genau umgekehrt wird Söder seinen Plan konkretisieren: Passau als Direktion der neuen bayerischen Grenzpolizei, mindestens 500 Leute, die Bundespolizei zuständig für die Staatsgrenze, gleich hinter dieser Linie, also wieder hinter der Grenze, die eigene Formation.

Scholz optimistisch: "Mit uns zieht die neue Zeit"

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Die 250 Bierbänke waren lockerer besetzt als in den Vorjahren: Der Vilshofener Bürgermeister Gams eröffnet das SPD-Politspektakel im weißblauen Festzelt. (Foto: Dominik Kalus)
Im Vilshofener Zelt ist es nicht ganz so voll wie 2017, die Stimmung angespannter. "Schulz hat sich unglaubwürdig gemacht", sagen Juso-Mitglieder am Biertisch über den Mann, den sie im Vorjahr hier bejubelt haben. Die Kampagne "No Groko" haben die jungen Sozis mit Flugblättern und Plakaten ins Zelt geführt. Sie halte nichts davon, solche Schilder hochzuhalten, "weil es gerade angesagt ist", wird die niederbayerische SPD-Landrätin Rita Röhrl die Quertreiber im Schlusswort ermahnen. "Mit uns zieht die neue Zeit", beschwört der kommissarische Parteichef Olaf Scholz die Zukunft. Die Stimmung im Zelt sei von Optimismus getragen, habe sich gut angefühlt, wird er später einem Reporter erklären. Den Namen Schulz, dessen Amt er quasi über Nacht übernommen hat, erwähnt er mit keinem Wort in seiner Rede.

Scheuer in Strauß´scher Manier
"Was ist das für eine Arbeiterpartei, die von oben herab auf die Menschen hinaufschaut", verstolpert sich kurz in Passau Scheuer bei seiner SPD-Schelte. Aber alles andere sitzt. SPD-Vize Ralf Stegner nennt er einen "linken Spinner". Die Grünen kriegen ihr Fett weg. Die "biegen sich wie ein Grashalm im Wind". Sie wollten die Obergrenze verhindern und hätten die Obergrenze von 200.000 geschluckt. "Die drehen sich schneller wie jedes Windrad in Deutschland." Mal schauen, wann sie zum Kauf von bayerischen Dieselautos aufrufen, ätzt er. "Tofu predigen, aber schneller an die Futter- und Fleischtöpfe kommen, das sind die Grünen!" Der Saal tobt.

Für den SPD-Koalitionshinhaltekurs mit der ausstehenden Basisbefragung hat Scheuer einen Satz parat, "wie ihn der Karl Valentin formuliert hätte": "Mögen hätte ich schon wollen, aber dürfen habe ich mich nicht getraut." Er läuft zur Hochform auf, gestikulierend und stimmgewaltig Strauß´sche Züge annehmend: "Der Sozi ist grundsätzlich nicht dumm, er hat nur viel Pech beim Nachdenken." Er verspottet die Roten und lobt die Seinen: "Wir sind die SEK, das Sondereinsatzkommando der Vernunft!" Die Linken geißeln wie Strauß, das kann er. "Der Geist ist nicht links, der Geist ist im Bürgertum, Freunde!"

Linke: Von CSU-Knalltüten und SPD-Kasperltheater

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Linker Berliner Steuermann, Passauer Dom, Weißbier: Dietmar Bartsch im TV-Interview, am Stehtisch Linken-Lokalmatador Josef Ilsanker. (Foto: Kurt Meyer)
Vom Donauschiff in der Altstadt schießt bei den Linken Vize Janine Wissler zurück: "Bayern sollte nicht von diesen Knalltüten regiert werden!" Für die Linken sei Söder "ein Geschenk", freut sich Hauptredner Dietmar Bartsch, Fraktionsvorsitzender im Bundestag. "Wir sind die Alternative und haben jetzt mehr Chance, in den Bayerischen Landtag einzuziehen." Bartsch bohrt in den Wunden der SPD, dort, wo sie im Koalitionspapier versagt hat. Thema Bürgerversicherung. "Ein Kranker sollte nach Symptome behandelt werden, nicht nach dem Geldbeutel". Kranke will Bartsch schonen, deshalb "werde ich heute meine Gags zu Seehofer fallen lassen." Er spricht vom "Kasperltheater" der SPD, diese Partei sei "nicht regierungsfähig". Schweißperlen bilden sich auf seiner Stirn. Im vollbesetzten Schiffsdeck der "MS Stadt Linz" ist es eng und heiß. Das Publikum auffallend gemischt: junge Familien mit Kindern, Studenten sitzen neben Senioren. 5,6 Prozent hat die Linke bei der Bundestagswahl in Passau erreicht. "Seid stolz drauf!", ruft der Norddeutsche. Als er vor vielen Jahren mit Gysi erstmals in Passau war, hätte er sich das nicht erträumen lassen. "Es darf kein Lottospiel beim Familiennachzug geben!", fordert Bartsch. Wenn die CSU hier nicht auf die Linke hören wolle, dann doch wenigstens auf die Kirchen.

"Ich bin der Markus, do bin in daham und da will ich auch bleiben!", beendet der Noch-Finanzminister Markus Söder nach einer guten Stunde seine Rede. Sie war fast staatsmännisch, hat sich an den Themen Heimat und Sicherheit festgehalten, am Herausarbeiten von Belegen, dass „die Balance nicht mehr stimmt“, dass für Asyl und Integration mehr Geld ausgegeben werde als für die Belange der einheimischen Bevölkerung. Er greift zu Rhetorik, die auch einem AfD-Publikum gefallen würde. „Wir sind das einzige Land auf der Welt, wo man ohne Pass hinein, aber nicht mehr hinauskommt.“ „Am Münchner Marienplatz trifft man selten einen echten Bayern.“ „Das heißt nicht Rechtsruck, sondern Rückkehr zur alten Glaubwürdigkeit“, versucht er nach diesen heiklen Stellen Kritikern das Wasser abzugraben. Er will das Kreuz als Symbol der Heimat zurück in allen Amtstuben sehen. Er heftet sich an Scheuers Worte: Die CSU müsse wieder die Lufthoheit über die Stammtische gewinnen, da würden mehr Menschen erreicht als bei einer Matinee.

"90 Prozent dieser Inhalte kannte ich schon", bekennt ein junger Zuhörer an einem JU-Tisch. Er hat Söders Rede beim Neujahrsempfang der CSU in Passau gehört. "Alter Wein in neuen Schläuchen."

Die Passauer Stadtkapelle hat musikalisch Scheuer von Söder getrennt, dem Publikum eine Verschnaufspause gegeben. Dann wird das Licht gedimmt, kurzer Werbefilm, Spot an: Söder im Rampenlicht. „Eigentlich könnten wir jetzt aufhören, es steht alles fest“, sagt Söder nach einer Viertelstunde; eine indirekte Verneigung vor seinem Vorredner. Der Finanzminister aus Franken hatte mit einer Anerkennung an den niederbayerischen Lokalmatador begonnen: „Wer so gut Generalsekretär macht, der kann auch einen guten Bundesminister geben“.

***

Bürgerblick-Herausgeber Hubert Jakob Denk hat wegen einer ausklingenden Seehofer-Grippe auf Außentermine verzichten müssen. Die Aschermittwochseinsätze übernahmen freie Mitarbeiter, zwei Studenten und ein Azubi: Kultur-Autor Dominik Kalus reiste nach Vilshofen, Nachwuchsjournalist Ben Balzereit besuchte die Dreiländerhalle und Kurt Meyer übte erstmals den Spagat vom Grafiklehrling zum Jungreporter, die Herausforderungen im kleinen Büro eines freien Journalisten.

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17. Dezember 2018
 
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