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Report | Montag, 31. Juli 17

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An der Sicherheitsschleuse des Landgerichts Passau: Der wegen Mordes an seiner Ex-Frau Angeklagte lässt sich von Justizbeamten im Rollstuhl schieben. (Foto: mediendenk)
Zweifache Mutter erstochen

Telefonmitschnitt ringt Mordangeklagten Teilgeständnis ab

Im Saal 40 des Landgerichts Passau herrscht bei den Zuhörern entsetzte Stille.

Aus den zwei kleinen schwarzen Lautsprechern am Richtertisch tönt die Tragödie eines Mordes an einer Mutter von zwei Kindern. „Er hat mich gestochen. Bitte helfen Sie mir. Es war mein Mann“, stammelt eine verzweifelte Frauenstimme. „Hallo! Reden Sie mit mir!“, versucht der Polizeibeamte am anderen Ende der Leitung das Gespräch aufrechtzuerhalten. Im Hintergrund sind Schreie zu hören, vermutlich die ältere der beiden Töchter, die der verletzten Mutter zu Hilfe eilt. Die Stimme dieser 15-Jährigen ist bei einer weiteren Tonbandaufzeichnung zu hören. Sie hatte parallel zum Notruf der Mutter die Rettungsleitstelle gerufen, bittet die Frau am anderen Ende auch die Polizei zu verständigen. „Der ist gemeingefährlich“, beschreibt sie den Täter, den sie als ihren Vater benannt hat.

Sein Gesicht läuft leicht rot an
Die Tonmittschnitte von Polizei und Rettungsdienst sind erdrückende Beweise. Aber der "gemeingefährliche" Vater auf der Anklagebank, ein schnauzbärtiger Zweizentnermann mit ergrautem Lockenkopf, sitzt im Rollstuhl und schweigt. Er hat seine grünen Filzpantoffeln abgelegt. Regungslos hört er sich das Tonprotokoll des Schreckens an. Er hat den rechten Ellenbogen auf die Bank gelegt, stützt seinen Kopf mit Zeigefinger und Mittelfinger an der Schläfe ab, so als würde er angestrengt nachdenken. Sein Gesicht läuft leicht rot an. Er hat die Bluttat von Anfang an abgestritten, behauptet, er sei nie am Tatort gewesen. Über seinen Anwalt ließ er zu Beginn der Verhandlung erklären, dass er sich nicht äußern möchte. Der Tonbandbeweis wird er seine Haltung ändern.

„Was hat die arme Frau den an dem nur gefunden?“, fragt ein Zuhörer, der aus dem Heimatort der Ermordeten im Landkreis Altötting stammt. Katja S., Jahrgang 1976, hat dort bei der Gemeinde gearbeitet, den vier Jahre älteren stämmigen Metzger Norbert S. angeblich in einer Diskothek kennengelernt. Damals war er schon Frührentner. Nach einem Arbeitsunfall und einem Schlaganfall hatte er ab 1994 Berufsunfähigkeitsrente bezogen, sich die Hälfte, etwa 20.000 Euro, ausbezahlen, lassen. Sie heirateten 2001, zogen in das kleine Dorf Thyrnau bei Passau, das zum Schauplatz des Verbrechens wurde. Mit seinem Geld hat er Katja S. angeblich eine Kneipe im Altlandkreis Vilshofen finanziert, die aber nicht lief. Sie begann eine Ausbildung als Altenpflegerin in Passau. Im Juni 2016 trennte sie sich von ihm. Er stellte ihr nach, bedrohte sie. Es kam zum gerichtlichen Kontaktverbot.

Nachdem die Tonbandprotokolle vorgespielt worden sind, bittet der Verteidiger, sich mit seinem Mandaten beraten zu dürfen. Eine halbe Stunde später der Sinneswandel nach sieben Monaten des Schweigens und Leugnens. Norbert S. sagt aus. In tiefem Niederbayerisch, emotionslos, schildert er seine Version, ein Teilgeständnis. Er erzählt, dass er sich zwei Tage vor dem Tattag, der Silvestermorgen 2016, einen Wagen gemietet habe, mit seiner Ex-Frau wegen des Kontaktverbots reden wollte. Er habe ein Küchenmesser mitgenommen, um sie „einzuschüchtern“.

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Als die Richter den Saal betreten, demonstriert der Angeklagte, dass er sich aus dem Rollstuhl nicht erheben kann. (Photo: mediendenk)
Warum er mit solcher Wucht zugestochen hat, will der Vorsitzende Richter wissen. Der Stichkanal im Bauch des Opfers ist 14 Zentimeter lang, hat Organe und Hauptschlagadern durchtrennt. Der Staatsanwalt behauptet in der Anklageschrift, der Angeklagte habe bei der Tötung als "gelernter Metzger einen gezielten tödlichen Stich in den Bauchraum" gesetzt. „Sie ist mir vielleicht einen Schritt entgegengekommen“, sagt der Teilgeständige. Die Situation sei eskaliert. Als sie rief „Du hast mich gestochen!“, sei er geflüchtet. Er habe das nicht gewollt. Das Messer habe er während der Fahrt irgendwo unterwegs ins Holz geworfen. Er spricht von einer „Kurzschlusshandlung“.

Norbert S. ist polizei- und gerichtsbekannt. Drei Gerichtsverfahren hatte es zuletzt gegeben. Er hatte eine Autofahrerin genötigt, eine Messerattacke bei einem Volksfest erfunden und nach der Trennung Kontaktverbot zu seiner Ex-Frau erhalten. Die hatte dreimal Anzeige erstattet, weil er offenbar während ihrer Abwesenheit in die Wohnung eingedrungen war. Sie hatte einen Bewegungsmelder anbringen lassen. Er wusste davon, denn bei der Bluttat hatte er ihr in einem toten Winkel des Hauseingangs aufgelauert.

Bei den letzten Gerichtsverfahren und bei der Haftvorführung war er leicht hinkend, aber zu Fuß unterwegs gewesen. Diesmal saß er erstmals im Rollstuhl. Die beiden Justizbeamten nahmen ihm im Polizeikombi die Handschellen ab, hievten ihn auf den Rollstuhl und schoben ihn in den Gerichtssaal. Norbert S. war der Einzige, der sich nicht erheben musste, als die Richter den Saal betraten. Er klammerte sich an die vordere Tischkante, tat so, als würde er vergeblich versuchen, sich hochzuziehen.

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"Beste Mama der Welt". Die beiden Töchter haben am Grab der ermordeten Mutter diesen kleinen Pokal und ein Engelchen mit Herzchen aufgestellt. (Photo: mediendenk)
Die ältere Tochter, zur Tatzeit 15, die den Vater als Tatzeugin schwer belastet, sagt als Minderjährige unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus. Die ein Jahr jüngere Schwester macht wahrscheinlich von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Beide werden von Rechtsanwälten als Nebenklägerinnen vertreten. Es sind mehr als 40 Zeugen, eine Handvoll Sachverständiger geladen, ein Dutzend Verhandlungstermine anberaumt.

Der Staatsanwalt hatte vergeblich beantragt die Öffentlichkeit auszuschließen, wenn die Tonbandaufzeichnungen vorgespielt werden. Die letzten Worte einer Sterbenden seien zu hören, dies würde gegen das Persönlichkeitsrecht verstoßen. Der Vorsitzende Richter entgegnete, dass dieses „fundamentale Beweismittel“ der Öffentlichkeit nicht vorenthalten werden solle.

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