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Report | Donnerstag, 17. Januar 19

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Vor der Urteilsverkündung: Zwei junge Angeklagte betreten den Saal, der älteste und der jüngste der drei Cousins; der dritte sitzt bereits am Tisch.
Tödlicher Zweikampf

Urteil im Fall Maurice

Die Große Jugendkammer des Landgerichts Passau hat am Nachmittag das Urteil im Fall Maurice gesprochen, des Burschen, der mit 15 in einer Passauer Unterführung nach einem zur Prügelei eskalierten Zweikampf verstorben, am eigenen Blut erstickt ist.

Die Urteilsverkündung wurde von einem Medienaufgebot von zwei Dutzend Reportern und Kameraleuten - von der Bildzeitung bis zum Bayerischen Fernsehen - begleitet wie bereits beim Prozessauftakt. Der Fall scheint mehr Interesse zu erregen als den letzten Mordfall, den wir hatten, kommentiert ein Vertreter der Justiz. Dabei handelt es sich beim Fall Maurice um kein sogenanntes Kapitalverbrechen, keinen Mord oder Totschlag. "Niemand hatte die Absicht, Maurice zu töten", diese erste Einschätzung nach dem tragischen Todesfall hat sich bewahrheitet. Allerdings: Wenn bei einer Schlägerei ein Mensch zu Tode kommt, tragen alle Mitwirkenden strafrechtlich eine Mitschuld. In diesem Fall die vier verurteilten jungen Angeklagten, wie die Vorsitzende Richterin erklärte.

Von ehemals sechs jungen Angeklagten saßen zur Urteilsverkündung nur noch vier vor den Richtern. Der älteste Angeklagte, der im Finale der Schlägerei Maurice heftige Schläge versetzt hatte, wurde wegen fahrlässiger Tötung und vorsätzlicher Körperverletzung zu dreieineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Alle anderen kommen mit Bewährungsstrafen davon wegen vorsätzlicher oder fahrlässiger Körperverletzung im Zusammenhang mit der Schlägerei.

Für den heute 16-jährigen Zweikampfgegner, der den gleichaltrigen Maurice wegen ehrverletzender Äußerungen im Netz herausgefordert hatte, lautet das Urteil ein Jahr und neun Monate Jugendstrafe, ausgesetzt zur Bewährung. Der Rivale hatte sich nach dem ersten Schlagabtausch und Gerangel zurückgezogen; er lag zum Schluss am Boden.

Danach hatten sich der Reihe nach drei Cousins eingemischt.

Auslöser soll gewesen sein, dass Maurice augenscheinlich mit dem Fuß gegen den am Boden Liegenden treten wollte.

Die mildeste Strafe erhielt der mittlere der drei Cousins, ein heute 17-Jähriger, der Maurice nach dem vermeintlichen Fußtritt ermahnte und zurückzog und sich mit ihm rangelte: ein Jahr auf Bewährung. Die Zeit in U-Haft wird ihm, wie allen anderen, angerechnet.

Der mit 15 heute jüngste angeklagte Cousin, der Maurice danach von hinten angesprungen und attackiert hatte, erhielt ebenfalls ein Jahr auf Bewährung.

Der älteste Cousin, ein 25-Jähriger, erhielt die höchste Strafe in der Reihe der Angeklagten. Er hatte Maurice nach eigenen Angaben im Finale der Prügelei die heftigsten Schläge versetzt, um den Übergriff auf seine Cousins zu rächen. Vor dem Schaukampf will er sich mit Drogen aufgeputscht haben. In Tateinheit mit einem unerlaubten Waffenbesitz - bei einer Personenkontrolle war bei ihm eine illegale Schreckschusswaffe sichergestellt worden - hatte der Staatsanwalt für ihn eine Gesamtfreiheitsstrafe von vier Jahren und drei Monate gefordert. Das Gericht verkündete dreieinhalb Jahre.

Für den Zweikampfgegner von Maurice waren vom Ankläger drei Jahre und drei Monate gefordert, obwohl er sich an der anschließenden Prügelei nicht mehr beteiligte. Erklärung für das vom Staatsanwalt geforderte höhere Strafmaß: Er hatte sich nach der Festnahme, als er auf dem Polizeirevier seine Kleidung für die Spurensicherung ablegen sollte, angeblich heftig gewehrt und die sechs anwesenden Polizeibeamten attackiert und beleidigt. Er kam mit ein Jahr und neun Monaten auf Bewährung davon. Eine einzige Zeugin, eine unbeteiligte Passantin, hatte glaubwürdig ausgesagt, dass der Zweikampfgegner am Schluss auf den wehrlosen Maurice nochmals eingeschlagen habe. Dies hatten hatte alle Beteiligten und Angeklagten nicht gesehen oder wissentlich geschwiegen?

Die Anklage fallen gelassen worden ist während des Prozesses gegen diejenigen zwei jungen Männer, die den Zweikampf eingefädelt und als eine Art Schiedsrichter begleitet hatten.

Die Bewährungsauflagen formulierte die Vorsitzende Richterin im strengen Ton wie folgt: absolutes Drogenverbot, kontrolliert mit vier bis sechs Haar- und Urinproben pro Jahr; jeder habe sich um den Abschluss des qualifizierenden Hauptschulabschlusses zu bemühen.

Im Prozess war ins Licht gekommen, dass fast alle Angeklagten Drogenprobleme haben. Eine Straftat wie diese, „Schaukampf“ mit einem Toten, habe es an diesem Gericht noch nie gegeben, stellte die Vorsitzende Richterin fest.

Die Münchner Gerichtsmedizin steht vor dem Rätsel, dass Maurice am eigenen Blut erstickt ist, obwohl er kein sichtbares Nasenbluten hatte. Im Prozess war bekannt geworden, dass er sich wenige Tage zuvor bereits eine Prügelei mit einem anderen Burschen geliefert hatte, die zu Nasenbluten führte. Bei der Obduktion waren mehrere ältere Brüche am Nasenbein festgestellt worden. 

Das Gericht geht davon aus, dass die inneren Nasenblutungen bei der Schlägerei ausgelöst worden sind, durch ein Schädelhirntrauma bei Maurice die natürlichen Hustenreflexe versagten, als das Blut in die Atemorgane eindrang.

 

ta/hud

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