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Report | Freitag, 11. August 17

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Plattgemacht: Peschl-Areal (Foto: Tobias Köhler)
Wohnbau für 4.000 Neubürger

Wachstum am Limit

Der Passauer Wohnungsbau wächst rasant. Seit 2010 wurde Wohnraum für mindestens 3.000 Neubürger geschaffen. Billige Zinsen locken Bauspekulanten an. Einer der größten, der Düsseldorfer Mathias Düsterdick, will am Peschl-Areal Wohnblöcke für weitere 1.000 Menschen schaffen. Er schafft Konfliktpotential. (Dieser Beitrag erschien im Bürgerblick Nr. 103, März 2017).

Nachtrag: Düsterdick hat mittlerweile das Projekt auf Eis gelegt, weil er Vorgaben der Stadt, darunter eine Mindestgrenze für sozialen Wohnungsbau, nicht anerkennen will. Mittlerweile sind weitere Wohnbauprojekte hinzugekommen.

Die Szene des Ungehorsams sorgte für beklemmendes Schweigen. Sie spielte in der Großen Stadtratssitzung und offenbarte, welch tiefe Kluft derzeit zwischen der Stadtverwaltung und dem Oberbürgermeister liegt. Es ging um den ungebremsten Wohnungsbau und einen neuen Investor von außerhalb. In der Fragestunde hatte ein mutiger Stadtrat das Thema aufs Tablett gebracht.

Dupper lehnte sich zurück in den Sessel, knetete seine Hände und wartete das Ende von Koopmanns Vortrag ab. „Hast du verstanden, was er gefragt hat?“, beugt er sich zu seinem Pressesprecher.

Matthias Koopmann, ein Stadtrat, der für seine barocken Auftritte als Stadtführer bekannt ist, hatte in seiner etwas theatralischen Art dem Oberbürgermeister drei unbequeme Fragen gestellt. Es ging um den Investor vom Peschl- Areal, Mathias Düsterdick, der den städtischen Gestaltungsbeirat versetzt hatte, weil er sich dessen Kritik offenbar nicht mehr anhören will. Der Düsseldorfer Bauhai will sich bei der Bebauungsdichte keine Obergrenze setzen lassen.

Oberbürgermeister Dupper hatte auf Düsterdicks Dreistigkeit unerwartet reagiert: Er zeigte nicht, wie Verwaltung und Stadtrat sich vielleicht erhofft hätten, Düsterdick seine Grenzen auf, sondern fiel dem Gestaltungsbeirat, einem vom Stadtrat bestellten Gremium, in den Rücken.

Dupper lehnte sich zurück in den Sessel, knetete seine Hände und wartete das Ende von Koopmanns Vortrag ab. „Hast du verstanden, was er gefragt hat?“, beugt er sich zu seinem Pressesprecher. Koopmann hatte sich demonstrativ nicht gesetzt und wartete auf eine Antwort. Der Pressesprecher sagte nichts. Das Schweigen im Raum lastete auf Dupper. Er griff nach dem nächsten Rettungsanker. „Kannst du die Fragen beantworten, du bist im Thema?“, rief er dem Mann zu, der ganz links am Ende des Tisches saß. Udo Kolbeck, Referent für Stadtentwicklung, als solcher zuständig für Düsterdicks Wohnbauprojekt, zuckte mit den Schultern und ließ Dupper abblitzen. Es folgte wieder langes Schweigen. Kolbecks Ungehorsam zwang Dupper dazu, endlich aufzustehen und zum Fall „Düsterdick“ Stellung zu nehmen. Es gab keine konkreten Antworten, sondern einen nichtssagenden Vortrag mit dem Fazit, er habe sich nichts vorzuwerfen, alles sei korrekt gelaufen.

„Man darf einen Investor nicht schlechter stellen, nur weil er von außen kommt“, rechtfertigt sich Dupper am Rande einer Veranstaltung in der Redoute. 

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Peschl-Areal: Hier sollen neue Wohnblöcke entstehen. (Foto: Tobias Köhler)
Es läuft nichts korrekt, es läuft offenbar aus dem Ruder. Als Düsterdick sich das Peschl-Areal unter den Nagel riss, war von 150 Wohneinheiten die Rede. Er hatte das 2.200 Quadratmeter große Gelände überteuert gekauft, um einen lokalen Mitbewerber, Baulöwe Kapfinger, auszustechen. Es war klar: der Düsseldorfer Bauhai suchte schnellen Profit. Möglichst viel Wohnfläche auf engem Raum; schnell entwickeln, schnell verkaufen. Irgendwann soll sein Architekt das Modell vorgestellt haben, das Düsterdicks Gier entlarvte: 450 Wohneinheiten. Die drei Architekten vom Gestaltungsbeirat, die dem Wohl der Stadtentwicklung verpflichtet sind, sollen die Obergrenze bei 350 Wohneinheiten gesetzt haben. Das Referat von Udo Kolbeck sieht es wahrscheinlich genauso.  Dupper dagegen lobt jeglichen Wohnungszuwachs als Gewinn für die Stadt.

Ein Blick auf die aktuellen Großbaustellen zeigt, dass derzeit Wohnraum für rund 1.000 Neubürger geschaffen wird: von Kapfingers „Innviertel“ in der Innstadt, über die acht neuen Wohnblöcke der Familie Albrecht in Kohlbruck, bis hin zum geplanten Wohn - komplex des Busunternehmers Niedermayer im Bahnhofsviertel. Düsterdicks Wohnanlage würde diese Zahl verdoppeln, wenn sein Vorschlag genehmigt wird. Mit einer angeblichen Investitionssumme von 90 Millionen Euro ist es das zweitgrößte Bauprojekt nach dem ECE-Center („Stadtgalerie“, 130 Millionen).

„Man darf einen Investor nicht schlechter stellen, nur weil er von außen kommt“, rechtfertigt sich Dupper am Rande einer Veranstaltung in der Redoute. Er deutet an, dass möglicherweise Neid seine Kritiker antreibe. Seine Stadt sollte sich nicht nur von einheimischen Investoren abhängig machen.  Viele Bürger und Stadträte, denen Natur und Stadtbild am Herzen liegen, sind derzeit wegen Duppers Kurs aufgebracht. Die einen, weil er einen profitgierigen Investor bedient, die anderen, weil sie vom Bauboom direkt betroffen sind. Großbaustellen bringen Lärm, Dreck und Erschütterung. Neubauten nehmen oft die gewohnte Sicht und die Sonne.

„Wenn ich das geahnt hätte, meinen Wintergarten hätte ich nicht gebaut“, klagt Ingeborg Huff. Sie steht vor ihrem Häuschen in Kohlbruck, betrachtet verärgert die Reste einer Ligusterhecke, die ihr Vater gepflanzt hat. Sie ist die Grenze zum Nachbargrundstück. Als auf der anderen Seite noch die Verwandtschaft wohnte, war es per Handschlag vereinbart worden, dass sie sich ausbreiten darf. Man freute sich über die Vögel, die in der Hecke ihre Nester bauten. Ein leeres Vogelhäuschen ist ein Relikt aus dieser Zeit.

Die neuen Nachbarn sind große Bauherren. Sie haben die Hälfte, die auf ihrer Seite wuchs, absägen lassen. Der starke Wind, der auf der Anhöhe bläst, weht jetzt den Baustellenstaub noch mehr herüber.  Mit ihrem Schlafzimmer ist die 63-jährige Antiquitätenhändlerin im Häuschen umgezogen, damit sie die Baustelle vor dem Fenster nicht mehr sehen muss. In der Zeitung habe sie gelesen, dass eine Frau verklagt worden sei, weil sie eine geschützte Hecke entfernt habe. Brutstätten für Vögel seien wichtig.

Im neunten Jahr seiner Amtsführung hat Oberbürgermeister Dupper sein Ziel erreicht: Die Einwohnerzahl von Passau ist wieder über die 50.000-Marke geklettert. 

Ingeborg Huff hat die Stadtratssitzung besucht, in welcher über das Bauvorhaben in ihrer Nachbarschaft entschieden wurde. Oberbürgermeister Dupper habe das Projekt vorgestellt. „Ich hatte den Eindruck, die Stadträte haben nicht einmal richtig zugehört“, sagt sie. Um die Belange der Nachbarn habe sich keiner gekümmert. Dupper, der ihr versprochen hatte, dass er bei ihr mal vorbeischaut und sich ein Bild von der Lage verschafft, sei nie aufgetaucht.

Im neunten Jahr seiner Amtsführung hat Oberbürgermeister Dupper sein Ziel erreicht: Die Einwohnerzahl von Passau ist wieder über die 50.000-Marke geklettert. Mit Stand vom 31. Dezember 2015 waren 50.566 gemeldet. Noch vier Jahre zuvor war die offizielle Zahl bei 48.649. Den größten Zuwachs hatte wohl gebracht, dass die Stadt Anreize schaffte, damit mehr der rund 12.000 Studenten ihren Erstwohnsitz an ihrem Studienort anmeldeten. Ob Passau überdimensionierten Wohnungsbau am Peschl- Areal verkraftet, stellen Kritiker infrage. Bei den Studentenzahlen ist der Zenit erreicht.  Die Zahl der Einschreibungen wird nach Einschätzungen der Universitätsleitung in der Zukunft leicht rückläufig sein.  Der Demographiebericht der Bertelsmann-Stiftung beschreibt die Bevölkerungs prognose für Passau bis 2030. Der Zuwachs soll demnach bis 2020 steigen, auf bis zu 600 Einwohner pro Jahr, danach rückläufig sein.

„Passau ist ein Markt, der berechenbar ist“, sagt Kapfinger-Sprecher Rudi Ramelsberger. Wachstumstreiber seien in den letzten Jahren die Studenten gewesen. Als großer Arbeitgeber sei das neue Gefängnis im Stadtwesten in Sicht. Zuzug gibt es auch aus der ländlichen Umgebung, vor allem ältere Ehepaare, die auf dem Land gebaut haben und deren Kinder aus dem Haus sind, wollen den Ruhestand lieber in der Stadt verbringen. „In München sind 500 Leute in einem Wohnkomplex kein Problem“, sagt Ramelsberger. In Passau seien maximal 150  üblich. „Ob wir da nicht zu großstädtisch werden“, spricht er das Peschl-Areal an. Ein mahnender Zeigefinger, der befangen ist.  Düsterdick hatte seinen Chef ausgebootet.  

Von der 1259 gegründeten Peschl-Brauerei, gelistet unter den 100 ältesten deutschen Unternehmen, ist kein Stein stehen geblieben. Die Baugenehmigung hat Düsterdick noch nicht in der Tasche. Historiker wie Koopmann hätten das alte Pförtner- und das Kutscherhäuschen gerne für die Nachwelt erhalten. Unter Denkmalschutz standen sie nicht. Gerettet werden konnte lediglich der alte Kastanienbiergarten, weil es Stadträten gelungen ist, seinen Rang als Naturdenkmal durchzusetzen. Das Interesse von Düsterdicks „Gerch-Group“ Geschichtliches zu konservieren: offenbar null. Die 450 Wohneinheiten sollen in fünf- bis sechsstöckigen Blöcken untergebracht werden.  Der Investor will sich an der Höhe der westlich gelegenen Capellaro-Hochhäuser und an dem mächtigen Bauvolumen des östlich gelegenen ehemaligen Post- und Fernmeldegebäudes orientieren.

Nachtrag: Ein Stadtratsbeschluss hat die Wohneinheiten später auf 350 begrenzt.

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Mathias Düsterdick (Foto: Tobias Köhler)
Mathias Düsterdick, 48 Jahre alt, gebürtiger Berliner, rühmt sich auf der Internetseite seines Unternehmens, dass er im Vorjahr das Volumen seiner Projektentwicklungen um 267 Prozent auf 2,3 Milliarden Euro gesteigert habe. Er ist beteiligt an neuen Projekten von München bis Hamburg. In der Hansestadt entwickelt er zeitgleich zu Passau ein aufgelassenes Brauereiareal, Holsten in Altona. Das Gelände ist vierzigmal so groß. Wollte er so eng bauen wie in Passau, entstünden Wohnungen für 36.000 Menschen. Düsterdick hat Wohnungen für 7.500 Bürger vorgesehen. Selbst diese Bebauungsdichte erregt im zuständigen Bezirksamt Diskussionen darüber, ob dies nicht überdimensioniert sei. Die Hamburger Stadtverwaltung hat strengere Gesetze für Investoren (mindestens ein Drittel sozialer Wohnungsbau), auf dem Holstengelände sind Hochhäuser unerwünscht. In einem Gespräch mit einem Reporter des Hamburger Abendblattes bezeichnet sich Düsterdick selbst als „pragmatisch, ehrgeizig und ungeduldig“. Mit 21 Jahren, so erzählt er, sei er als Vertriebsleiter zu einer Frankfurter Maklerfirma gegangen. Schnell sei ihm klargeworden, das ist seine Branche. „Hier habe ich den gewissen Nervenkitzel, den ich brauche.“

Gestaltungsbeirat ausgeschaltet
Um die Stadtentwicklung einer der schönsten Städte Deutschlands fachkundig und beratend zu begleiten, ist vom Stadtrat im Jahr 2000 der Passauer Gestaltungsbeirat eingesetzt worden. Er besteht derzeit aus den Architekten Klaus Leitner („Laskahof “, Linz), Wolfgang Fischer (FH Würzburg) und Peter Haimerl (Konzerthaus „Blaibach“). Am 10.  Februar haben sich die drei Vertreter wegen des Falls „Düsterdicks“ mit einem Brief an den Oberbürgermeister und alle Fraktionsführer gewandt. „Das gegenseitige Vertrauen zur Zusammenarbeit im Interesse von Passau ist erschüttert“, heißt es dort. Man sei „verwundert über die Vorgangsweise“, „wohl überlegte Einwände gegen das Projekt“ seien „vom Tisch gewischt“ worden.

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16. August 2017
 
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