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Report | Dienstag, 23. Juli 19

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Im aktuellen Sommerheft haben wir dem gefährdeten Wohnhaus "Wörthstraße 7" eine fünfseitige Reportage mit Bildern gewidmet. (Foto: mediendenk)
Offener Brief an Klinikumsleitung

Wollen Sie das wirklich abreißen, Herr Nowack?

Nach dem 500 Jahre alten Holzhaus am Linzer Tor droht in Passauer ein wunderbares intaktes Gebäude aus den Goldenen Zwanziger Jahren zu fallen: ein schlossähnliches Wohngebäude in der Wörthstraße. Die Verantwortlichen verstecken sich hinter vorgeschalteten Pressestellen, welche erfahrungsgemäß mitunter als Sprachrohre für Halbwahrheiten und Schönfärbereien agieren. Der Journalist greift deshalb zum Instrument des offenen Briefes. Politiker missbrauchen diesen oft, um mit medialem Beistand vorzupreschen; im Journalismus sorgt er für klare Ansprache und Transparenz.

Dieser offene Brief richtet sich an den Leiter des Klinikums Passau, Stefan Nowack, der die Eigentümerin vertritt und über die Zukunft des Gebäudes entscheiden kann. In der aktuellen Sommerausgabe des Magazins widmen wir uns diesem leerstehenden Wohnhaus mit einer bebilderten Reportage; man könnte es auch Liebeserklärung nennen.   

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Seit 2015 Leiter des Klinikums Passau: Stefan Nowack, Jahrgang 1959. (Foto: Tobias Köhler, mediendenk):
„Sehr geehrter Herr Stefan Nowack,

das Wohnhaus Wörthstraße 7, ein charmanter Zeitzeuge der Passauer „Gartenstadt“ aus den 1920er Jahren, den Sie im zweiten Jahr ihres Amtszeit, am 3. August 2017, für 1,32 Millionen Euro erworben haben, wollen Sie abreißen lassen.

Wie begründen Sie diesen Schritt?

In München gibt es hervorragende Beispiele wie alte Bausubstanz für neue Funktionen erhalten und eingebunden wird. Angesicht der Klimakrise besteht geradezu die Pflicht, verantwortungsvoll mit den Ressourcen umzugehen. Stichwort „graue Energie“. Hinzu kommt, dass historische Architektur die Menschen oft mehr anspricht als die sich wirtschaftlichen Kriterien unterordnende moderne.

Wie lässt sich unter diesen Aspekten der Abriss dieses Objektes rechtfertigen?

Ist es richtig, dass neu eingebaute Etagenheizungen, Gastherme, unter Ihrer Verantwortung wieder ausgebaut worden sind? Das Gebäude scheint bewusst in einen unbewohnbaren Zustand zurückgeführt worden zu sein.

Was entgegnen Sie dem Vorwurf, dass Sie wertvollen Wohnraum vernichtet haben?
Wie viele Mietsparteien haben das Haus bewohnt? Wann wurden die ersten Kündigungen ausgesprochen?

Das ansprechende Wohngebäude mit seinen hohen Räumen, durchdachte Fenstertechnik, umgeben von Gartenparzellen, würde sich hervorragend als Personalhaus im wachsenden Klinikviertel eignen; ebenso als bezahlbarer Wohnraum für Familien der Beschäftigten.

Was entgegnen Sie dieser Betrachtung?

Urban Mangold, Vizebürgermeister, und Matthias Koopmann, Stadtrat, hatten für die morgige Werkausschusssitzung Ihres Klinikums den Antrag gestellt, die Abrisspläne zu stoppen und die Angelegenheit dem Stadtrat zur Entscheidung vorzulegen. Ihr Amt ermächtigt sie jedoch, Geschäfte bis zu einem Umfang von 150.000 Euro ohne Rücksprache abzuwickeln; die Abrisskosten werden diese Höhe nicht erreichen.

Wollen Sie in diesem brisanten Fall Ihr Recht auf eigenmächtige Entscheidung wahrnehmen oder diese Entscheidung aus eigenen Stücken in die Hände derer geben, die den Volksouverän vertreten?

Dazu die Anmerkung: Das Wohnhaus befindet sich seit spätestens 1939 im Besitz der Stadt Passau und deren Töchtergesellschaften, also im Eigentum der Bürgerschaft.

Die Antragsteller Mangold und Koopmann, beide keine Vertreter des Klinikum-Werksausschusses, sind nicht formell in die morgige Ausschusssitzung eingeladen worden, obwohl dies nach Geschäftsordnung der Stadt übliches Vorgehen wäre. Zumal dem Antragsteller die Gelegenheit gegeben werden sollte, seinen Antrag mündlich zu verfechten. Es drängt sich der Eindruck auf, die „unliebsamen“ Kämpfer für den Erhalt dieses Gebäudes seien bewusst übergangen worden. Ob Antragsteller zur Sitzung eingeladen werden, entscheidet letztendlich der Oberbürgermeister.

Warum und vor allem wer ist von dem üblichen Prozedere abgewichen, die Antragsteller zur Sitzung einzuladen?  

Anm. d. Red: Mangold hat als Vizebürgermeister automatisch Kenntnis von der Sitzung mit Tagesordnung erhalten; Koopmann hat die fehlende Einladung im OB-Büro schriftlich angemahnt und gebeten, den Mangel zu heilen, diesen Tagesordnungspunkt auf die nächste Sitzung zu verschieben. Diesem Wunsch ist stattgegeben worden. Der Antrag zum Erhalt des Hauses „Wörthstraße 7“ ist auf den 21. Oktober verschoben worden.

Deshalb die wichtige Schlussfrage: Kann die Öffentlichkeit davon ausgehen, dass Sie bis dahin keine vollendeten Tatsachen schaffen, ihr Recht nicht in Anspruch nehmen, den Abriss eigenmächtig zu veranlassen?

Vielen Dank für Ihre Antworten, deren Eingang wir uns bis spätestens 20. August vorgemerkt haben."

Warum keine Denkmalwürde für "Wörthstraße 7"?

Wäre das 100 Jahre alte Wohnhaus im Privatbesitz, es wäre wohl längst in die Liste der Denkmäler aufgenommen und geschützt worden. Als interesssanten Beleg, dass offenbar mit zweierlei Maß gemessen wird,  führt Historiker Koopmann einen Zeitgenossen an, Neuburgerstraße 90, ein ehemaliges Polizeigebäude; selbe Bauzeit, ähnliche Architektur. Dieses Haus strahlt weniger Anmut aus, hat wahrscheinlich durch Sanierungen an Detailreichtum verloren, steht aber unter Denkmalschutz. 

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Die Luftbildaufnahme von Google zeigt das Gebäude "Neuburgerstraße 90", ähnlich der "Wörthstraße 7", ebenfalls aus den 1920er Jahren; weniger anmutig, aber es steht unter Denkmalschutz.
Der neue Stadtheimatpfleger Herbert Wurster, Mitverfasser der zweibändigen Passauer Denkmaltopograhie 2014, wäre gefordert, Kraft seines Amtes alles zu unternehmen, damit das gefährdete Gebäude aus den Goldenen Zwanzigern in die Denkmalliste aufgenommen wird. Koopmann und Mangold sind mit ihrem ersten Versuch bei der Landesdenkmalpflege in München gescheitert. Jetzt wäre genug Zeit für reifliche Überlegungen bis zur Klinikum-Werksausschusssitzung im Herbst. Und München muss abwägen und entscheiden, ob der „Wörthstraße 7“ nicht die selbe Wertschätzung zuteil werden sollte wie der „Neuburger Straße 90“.

„Denkmalschutz ist unser Dank an die Vergangenheit, die Freude an der Gegenwart und unser Geschenk an die Zukunft“, schreibt Gottfried Kiesow, Mitbegründer und langjähriger Vorstandsvorsitzender der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.

Der Autor fügt an: Denkmalschutz ist auch Klimaschutz, denn alte Bausubstanz bindet wertvolle Energie. Nur der Törichte verwandelt diese in Staub und Schutt.

Hubert Jakob Denk

Am 22. Juli, nach fünf Tagen ohne Bestätigung des Eingangs und Reaktion, nach einem Telefonat, bei dem die Pressesprecherin erbost den Hörer auflegte, weil sie eine Nachfrage unsachlich empfang, kam eine Antwort, die nur auf die letzte der sieben Fragen eingeht und darauf schließen lässt, dass der Klinikumsleiter in seiner Kompetenz, was Entscheidungs- und Meinungsfreiheit belangt, beschnitten ist.

„In der öffentlichen Werkausschuss-Sitzung am vergangenen Donnerstag, an der Sie auch teilgenommen haben, hat OB Jürgen Dupper die Beratung dieses Punktes auf die nächste Sitzung im Oktober vertagt und gleichzeitig zugesagt, dass bis zu diesem Zeitpunkt keine Fakten geschaffen werden, das heißt, kein Abriss stattfinden wird. Daran halten wir uns. Zum momentanen Zeitpunkt können wir deshalb nicht mehr zu dieser Angelegenheit sagen.“

Die "unsachliche" Frage war, ob die Pressesprecherin "von oben" angewiesen worden sei, den Eingang des Fragenkatalogs zu ignorieren.

Journalismus ist Dienstleistung an der Gesellschaft. Dieser Beitrag wurde kostenlos für die Netzgemeinde erstellt.
Aufwand: sechs Stunden; für Recherche, Stoffsammlung, Telefonate mit Protagonisten; Grundbuchregister, verfassen.

 

 

 

    

 

 

 



    

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