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Universität | Donnerstag, 28. Juni 18

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"Vorverurteilung durch die Medien?" Auf der Bühne saßen Bild-Chefredakteur Reichelt, die Rechtsprofessorinnen Frommel und von Lewinski, Strafverteidiger Strate.
Alphatierchen im Audimax

Drei Rechtsgelehrte und ein Prügelknabe

Missachten die Medien das Recht der Bürger am eigenen Bild, deren Schutz an Privatsphäre? Inwieweit werden mutmaßliche Täter in der Berichterstattung vorverurteilt? Spannende Fragen, zu denen vielen Bürgern an erster Stelle ein Blatt mit großen Buchstaben einfällt: die Bildzeitung. Die Passauer Jurastudenten haben deren Chef, Julian Reichelt, aufs Podium geholt. Die Zuschauer erlebten einen Journalisten, der mit selbstbewusster, bissiger Rhetorik auftrat.

"Wir bitten um Geduld, er wird gleich dazustoßen", vertröstete der Veranstalter das Publikum im vollbesetzten Audimax. Reichelts Flug von Berlin nach München hatte sich verspätet. Mit Jeans, Sakko und aufgeknöpftem Hemd betrat er 30 Minuten später den Hörsaal. "Ich sehe zum ersten Mal ein Audimax von innen", war sein knapper Kommentar, als Juraprofessor und Moderator Kai von Lewinski ihn um ein paar biografische Angaben bat. Reichelt hat als einziger auf dem Podium nicht studiert. Die Stimmung war zwischen heiter-humorvoll bis streitbar-angespannt. 

Nicht nur der Bildmann war eine schillernde Figur auf dem Podium, auch seine Mitstreiter: Promi-Strafverteidiger Gerhard Strate (Gustl Mollath, Ferdinand Piëch und Carsten Maschmeyer), grellblaue Schuhe, nahm erst den Zuspätkommer Reichelt auf die Schippe, ließ dann Lewinski abblitzen, der einen Scherz auf seine Kosten gemacht hatte: "Lesen Sie auf Wikipedia nach!" Ein Podium der Alphatierchen.

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Plakatankündigung mit Zitat des Bild-Chefredakteurs: Wer Kinder missbraucht, hat seiner Meinung nach alle Persönlichkeitsrechte verwirkt. Diese umstrittene journalistische Haltung hatte Bild bereits in den 1970er Jahren gepflegt.
Der dritte Jurist in der Podiumsrunde war die Kieler Strafrechtsprofessorin Monika Frommel, die zuletzt als Kritikerin der "MeToo-Debatte" für Aufsehen sorgte.

Das Thema "Vorverurteilung mutmaßlicher Täter" durch die Medien" trat fast in den Hintergrund, denn es drehte sich vorrangig um die Bildzeitung. Reichelt, wie ein Pennäler auf seinem Stuhl lümmelnd, nahm von Beginn an eine Verteidigungshaltung ein. Unpräzise Kritik ließ er nicht gelten, verspürte die teilweise bildzeitungsfeindliche Haltung im Publikum und begegnete diesem mit Polemik: "Wenn sich manche Bildkritiker zwischen Sympathie mit unserer Zeitung und Sympathie mit einem Kinderschänder entscheiden müssten, würden sie mit schlafwandlerischer Sicherheit letzteren wählen". Reichelt punktete. Der Nichtstudierte war dem Streitgespräch mit den drei Rechtsgelehrten durchaus gewachsen.

Das Gespräch streifte die bekannten Streitfälle der letzten Jahre: Kachelmann, Gladbeck und die RAF. Während Reichelt sich auf die Pressefreiheit und das Interesse der Öffentlichkeit am Zeitgeschehen berief, warf Frommel der Bild-Zeitung vor, eine Resozialisierung von Straftätern zu verhindern. 

Strate hätte in der Moderatorenrolle mit Lewinski tauschen sollen. Denn dieser hielt sich vornehm zurück, während der andere seinen Drang, sich an der Diskussion zu beteiligen, nicht zu zügeln vermochte, 

Den größten Applaus erhielt der Bildzeitungsjournalist mit seinem Toast  auf den Rechtsstaat: "Sowohl im Recht als auch in den Medien passieren wahnsinnig viele Fehler. Aber trotzdem haben wir hier das beste System auf der Welt." 

Dominik Kalus

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