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Universität | Sonntag, 08. März 20

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Polizeieinsatz wegen Corona, aber anders als vermutet: Ruhestörung! 80 Studenten feiern in Ancona zu laut eine "Corona-Party". (Foto: Mayerhofer/ mediendenk)
BB-Reporter Mayerhofer aus Norditalien

Sperrketten, Desinfektionstrupps und Corona-Partys

Passau/ Ancona - Der Passauer Bürgerblick-Reporter und Medienstudent Tobias Mayerhofer ist beim Auslandssemester in Italien von der Corona-Krise überrascht worden. Er lebt seit Anfang Februar in der Hafenstadt Ancona in der Provinz Marken, die ans Sperrgebiet grenzt. Die letzten Angaben: 84 Infizierte, 4 Tote. Vermutung: Die italienische Lebensart ist ein guter Nährboden für das Virus.

Ancona hat doppelt so viele Einwohner wie Passau und die Provinz ist mit 1,5 Millionen Einwohnern etwas größer als Niederbayern. Der Ausnahmezustand im Land hat Ausmaße erreicht, die uns wahrscheinlich noch bevorstehen. In Gesprächen mit Kommilitonen anderer Länder hat Mayerhofer zudem erfahren, dass selbst Länder wie Tschechien ihrer Bevölkerung strikte Regeln auferlegen. Auszüge aus seinen Aufzeichungen:

Freitag, 6.März

Allabendlicher Trubel am Hauptplatz
„Das Gesundheitsministerium meines Landes, hat mir eine SMS geschickt, wie ich mich am besten verhalten soll“, erzählt mir Lucie, eine 24-jährige Tschechin bei einem Cappuccino am Hafen. Sie hatte sich vor ihrem Auslandsaufenthalt in eine SMS-Liste eingetragen, die Landesbürger im Ausland auf dem Laufenden hält. Das Coronavirus war zu der Zeit noch kein Thema, sie wollte einfach informiert sein. Die Nachricht aus der Heimat erreichte sie über die Nummer, die sie normalerweise warnt, wenn ihr Datenvolumen überschritten ist. Absender „der tschechische Gesundheitsminister“. Wer aus einem Krisengebiet einreise und sich nicht melde, dem drohten Strafen in sechsstelliger Höhe.

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Ancona, Hafenstadt an der Ostküste, angrenzende Provinz an das Quarantänegebiet. (Foto: Mayerhofer/ mediendenk)
Während wir beobachten, wie im Hafen Lastwagen und Autos auf die Fähre rollen, ist der Kellner bereits zum zweiten Mal damit beschäftigt, den Nachbarstisch mit Desinfektionsspray und Papiertüchern zu reinigen. Ansonsten ist an diesem Tag nichts davon zu spüren, dass Italien das europäische Land mit der höchsten Infektionsrate ist, zumindest hier in Ancona. Die Supermarktregale sind gut gefüllt, Kneipen und Bars füllen sich in den Nächten, niemand trägt Schutzmasken. Einheimische wollen beobachtet haben, dass das Verkehrsaufkommen deutlich gestiegen sei. Sie machen es daran fest, dass viele die öffentlichen Verkehrsmittel meiden. Beim abendlichen Vergnügen scheint diese Angst vor der Infektion verschwunden zu sein. Der lokale Hotspot des Nachtlebens, der Piazza di Papa, ist proppenvoll.

Wangenküsse und Umarmungen
Auf dem Stadtplatz wird viel diskutiert, Sorgen werden ausgetauscht, über Gründe gemutmaßt: Ist es die Mentalität der Italiener, die dazu führte, dass der Virus sich hier besonders schnell verbreiten konnte? Das laute und schnelle Reden, das Anfassen? Sind es lasche Kontrollen und die Gleichgültigkeit, mit der viele Einheimische auf die aufkeimende Epidemie reagiert haben? Ist das Gesundheitssystem darauf vorbereitet, diese Epidemie zu verkraften? Die Suche nach Erklärungen und Antworten beschäftigt jeden. Man spricht über schützende Maßnahmen, aber die Begrüßung mit Wangenküssen und Umarmungen bleiben Standard.

Per E-Mail hat die Universität die Eingeschriebenen informiert, dass sie bis 15. März geschlossen bleibt. Doch bei dieser Frist wird es wohl nicht bleiben. Die Zahl der Infizierten in der Region Marken ist weiter rasant angestiegen; landesweit von 3.800 auf 4.600 innerhalb von 24 Stunden. Lehrveranstaltungen mit Anwesenheitspflicht werden wahrscheinlich keine mehr stattfinden, Vorlesungen vielleicht via Video – falls die Universität das bewerkstelligen kann.  


Samstag, 7. März.

Ticketverkauf mit Gummihandschuhen
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Sperrkette im Stadtbus - damit der Fahrer vor Ansteckung geschützt ist. (Foto: Mayerhofer/ mediendenk)
Von einheimischen Studenten bin ich mit den Auslandsstudenten zu einem Ausflug in die Berge eingeladen worden. Mit Bus und Bahn. Was mir sofort auffällt: Im Bus ist der Zugang zum Fahrer mit einer rot-weißen Kette versperrt, der Einstieg ist nur hinten möglich. Ein Aushang klärt auf, dass es sich um eine Schutzmaßnahme für den Fahrer wegen des Coronavirus handelt. Ein junger Mann auf den hinteren Sitzen zieht sich sein Halstuch über Mund und Nase; wahrscheinlich hofft er, das könne vor Ansteckung schützen. Am Bahnhof angekommen, empfängt der Ticketverkäufer die Fahrgäste mit blauen Gummihandschuhen. Nach dem Ticketkauf werden wir von zwei Polizeibeamten kontrolliert. Den Grund erfahren wir nicht. Zum ersten Mal fühlen wir uns wie in einem Krisengebiet. Als wir den Zug besteigen, begegnet uns eine Frau in gelber Warnweste und Mundschutz, die durch die Gänge läuft, Sitze und Armlehnen desinfiziert. Die Gefahren des Coronavirus zu verdrängen, ist fast unmöglich geworden.

 Jugend feiert Corona-Partys
„Coronavirus does not scare us and we want to have fun anyway. We invite you all to our house this Saturday, to have a little party“, lautet die Einladung in der WhatsApp-Gruppe der Austauschstudenten. Von Corona nicht einschüchtern lassen, Spaß haben, Party – das zieht. Wir beschließen hinzugehen, obwohl uns hinterher klar ist, dass solche Aktivitäten nicht zur Eindämmung beitragen. „Wahrscheinlich sind wir bereits infiziert“ sagt Roxanna, eine Austauschstudentin im Zug. Das Immunsystem junger Menschen komme mit dem Virus, so haben wir in vielen Berichten gelesen, gut klar. Es seien die älteren Menschen, die gesundheitlich Schwächeren, beruhigen wir uns. Moralisch eine durchaus fragwürdige Einstellung. Aber wie den korrekten Umgang üben?

In der Rückschau war es wohl der 4. März, an dem sich die Sichtweise auf die Dinge bei vielen von uns hier verändert hat. An diesem Tag ließ der Staat die offizielle Nachricht verlautbaren, dass Museen, Kinos, Theater geschlossen bleiben; dass öffentliche Veranstaltungen abgesagt sind, sollten die Verantwortlichen keinen Sicherheitsabstand von einem Meter zwischen Besuchern garantieren können. Der „Keine Panik, alles wird gut“-Glauben ist dem Bewusstsein gewichen, dass die Lage ernst ist. Die Menschen in meinem Umfeld sprechen seitdem viel mehr über den Virus, kaufen Desinfektionssprays und waschen sich sehr oft die Hände.

Nachtrag, Sonntag, 8. März

Norditalien mit 16 Millionen Einwohner ist unter Quarantäne gestellt worden. Die „Tagesschau“ meldet, dass die Zahl der Toten in Italien innerhalb eines Tages um 133 gestiegen sei; Vertreter der Tourismusbranche klagen über Einbußen von 80 Prozent. Das öffentliche Leben erlahmt. Denn je enger und zahlreicher die Menschen zusammenkommen, desto rasanter steigt die Verbreitung. 

Fortsetzung folgt.




 

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Mittwoch
08. April 2020
 
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