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Meinung | Samstag, 19. Oktober 19

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Der "Joker": Joaqim Phoenix spielt den Verlierer Arthur Fleck (Quelle: Warner Bros)
Der neue "Joker" im Kino

Angestrengtes Lachen

"Das hast Du mir schon einmal erzählt", blocken wir Freunde ab, die wiederholt ihre Lieblingsgeschichte zum Besten geben. Neue Kinofilme sind manchmal wie solche Freunde, ihre Erzählungen wiederholen sich. Aber die Neugierde treibt uns trotzdem vor die Leinwand. "Joker" ist so ein Fall, ich habe ihn mir angesehen.

Altbackenes aufzuwärmen scheint ein gutes Rezept im Kino des dritten Jahrtausend zu sein: Musikfilme über Queen, Elton John und die Beatles; sogenannte Sequels, Fortführungen erfolgreicher Filme wie Star Wars, der neunte Teil erscheint im Januar, oder die französische Komödie Monsieur Claude, Teil 2 folgt demnächst; alte Filme wie Rambo erleben mit einem neuen Make up ihren zweiten Frühling; daneben platzieren sich sogenannte Spin-Offs, in denen die Fans erfahren, was die Nebencharaktere ihres Lieblingsfilms privat machen.

"Joker" ist so ein Spin-Off, und, das sei vorausgeschickt, ein sehr gut gemachter. Die Figur des Super-Anti-Helden entsprang dem Batman-Universum. Den Ausspruch ”über beide Backen grinsen” nimmt sie wörtlich. Kaum ein Bösewicht wird derart oft zitiert wie "Joker". Obwohl: Clown-Kollege Pennywise aus der “Es”-Romanverfilmung von Stephen King gerade dabei ist, ihm seine Rolle als Alpha-Grusel-Spaßmacher strittig zu machen.

Während "Joker" in den Vorfilmen als das ultimative, irre Böse galt, gestaltet er sich im Spin-Off anders. Die Kamera begleitet den Prozess, wie sich dieser Charakter radikalisierte, vom schüchternen Miet-Clown, der tagsüber mit Schilder jongliert, abends rührend seine senile Mutter in der Badewanne einseift und schließlich zum geisteskranken Mörder wird.

Von Anfang an erzählt: Das Leben meint es nicht gut mit Arthur Fleck (Joaqim Phoenix). Auf der Arbeit wird er gemobbt und grundlos von jungen Kollegen vermöbelt. Er wohnt bei seiner Mutter in prekären Verhältnissen, seine Therapeutin hätte Arthurs suizidale Absichten vermutlich nicht mal erkannt, wenn er sie nicht auf der Stirn tätowiert trüge. Trost findet der Verzweifelte nur, wenn er sich mit seiner altersschwachen Mutter vor dem Fernseher in ihren Lieblingsshow verliert oder sich seine Nachbarin herbeifantasiert.

Für den armen Arthur geht es weiter abwärts, als ihm ein Clownkollege ungefragt eine Waffe übergibt; seine Therapie wird eingestellt, sein Tablettenzugang versiegt und die unkontrollierten Lachkrämpfe, diezu den ungünstigsten Momenten eintreffen, werden immer schlimmer. Dann passiert es: Während eines Auftritts im Krankenhaus vor krebskranken Kindern rutscht dem Clown die Pistole aus der Hose. Er verliert den Job und die Kontrolle über sich...

Kurz zusammengefasst handelt es sich bei  diesem "Joker" um den prototypischen Verlierer: misshandelt, ausgegrenzt, abgehängt, das Meiste davon fremdverschuldet. Dementsprechend bemitleidenswert ist diese Clownfigur. Joaqim Phoenix glänzt in dieser Rolle, am Boden der Gesellschaft. Und Robert DeNiro gibt einen überaus authentischen Talkshow-Gastgeber ab. Kostüme und Ausstattung entführen in den Großstadtsumpf von Gotham Anfang der 1980er Jahre. Die Gesellschaft beobachtet einen Verlierer beim Verlieren. Aber wie den Charakter des Verlierer glaubhaft gestalten? Die Macher von “Joker” haben sich für die logische Variante gewählt und eine Art Oliver Twist erschaffen, der seine Rachsucht an der Gesellschaft auslässt.

Sollte man das Phänomen Joker überhaupt erklären, die Kunstfigur vermenschlichen? Stellen sie sich vor Sherlock Holmes Auffassungsgabe würde durch Ritalin-Missbrauch erklärt, Supermans Kraft durch jahrelanges Muskeltraining. Das versetzt die Personen zwar in die Realität, aber der Charme bleibt auf der Strecke.

Ben Balzereit

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