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Brennpunkt | Donnerstag, 07. Juli 22

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Bezirkskaminkehrermeister Klaus Berthold saß als Berater in der Passauer Klimawerkstatt. Er ist seit fast 25 Jahren für die Feuerstätten in Altstadt und Innstadt zuständig. (Foto: Tobias Clemens Köhler)
Energiekrise

Heizen wir ohne Hirn?

"Wärme ist das große Thema“, hat der Passauer OB Jürgen Dupper im vorigen Herbst zum Klimaschutzkonzept gesagt. Sie denken an Horrorpreise für Gas und Öl? Falsch: Hier liegen bis zu 50 Prozent Einsparungspotential, rechnet uns ein Experte vor, der tausende Passauer Heizanlagen kennt.

Das haben wir im November-Magazin 2021, Nr. 150, geschrieben. Krieg in Osteuropa und Gasnotstand lagen Monate entfernt.  Der "Abschied vom Gas" war unser Einstieg, allerdings unter dem wissenschaftlichen Aspekt, dass es letztendlich wie alle fossilen Brennstoffe zu den Klimakillern zählt. Da dieses Titelthema jetzt aktueller denn je ist, hier für alle Nicht-Abonnierenden kostenlos zum Nachlesen.

Der Vortrag, den ein gebürtiger Ortenburger 2008 in einem vollbesetzten Hörsaal der Uni Passau hielt, hatte aufhorchen lassen. Professor Hans Joachim Schellnhuber, Klimaforscher und Gründer des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, war viele Jahre lang Mitglied im Weltklimarat. Der heutige 71-Jährige gilt Vater als des Kompromisses zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, wenigstens das Zwei-Grad-Ziel einzuhalten. Er erzählte, wie wenig interessiert Deutschland anfangs an den Weltklimakonferenzen gewesen sei und eröffnete den Zuhörern ein Szenario, das vielen Hausbesitzern Kopfzerbrechen bereitete: Nicht nur von der Kohle, sondern auch vom Erdgas müsse der Mensch Abschied nehmen, wenn er die Klimakatastrophe verhindern wolle. Anders sei Klimaneutralität nicht möglich.

Der Passauer Bezirkskaminkehrmeister Klaus Berthold hat als Berater am Gremium teilgenommen, das am Klimaschutzkonzept tüftelte. Er ist zuständig für die Altstadt und Innstadt, kennt an die 4.500 Feuerstätten. „Davon werden 80 Prozent mit Gas betrieben“, weiß er. Seine Analyse ist niederschmetternd: „Die Hälfte der Heizenergie geht in Passau verloren.“ Er belegt das am Beispiel eines Zweifamilienhauses, denkmalgeschützter Altbau, das mit weniger Gasthermen und niedrigerer Heizleistung auskommen würde. Die Einschätzung des Kaminkehrermeisters ist im Gremium offenbar angekommen. „Dass Wärme das große Thema sei, hat Dupper richtig erfasst“, sagt Berthold.

Ein Hauptproblem sind Gasthermen, die von Heizungsbauern in den vergangenen Jahrzehnten meist mit zu hoher Leistung installiert worden sind. Berthold erklärt, dass zwei Systeme verbaut sind: Die sogenannte Gasheizwerttherme, die älteren Modelle, die bei Altbausanierungen und ab den 1980er Jahren bei Neubauten eingebaut worden sind. Sie lassen sich für Tag- und Nachtbetrieb programmieren, auf Spar- oder Volllast fahren. Es sind Auslaufmodelle, die aus heutiger Sicht ineffizient sind. Vor 25 Jahren kamen die sogenannten Gasbrennwerttherme auf den Markt. Sie haben mehrere Vorteile: Es geht weniger Energie durch den Kamin verloren, denn sie nutzen die Wärme im Abgas. Bei der Gasheizwerttherme misst die Abluft im Kamin 80 Grad, bei der Gasbrennwerttherme nur die Hälfte. Diese modernen Brenner laufen „modelliert“. „Das System erkennt selbst, mit wie viel Leistung gerade nötig ist“, erklärt Berthold.

Konkret an dem genannten Beispiel, dem zweistöckigen Altbau mit ausgebautem Dachgeschoss, Nutzfläche von 250 Quadratmetern: In jedem Stockwerk läuft eine Heizwerttherme, die über einen Wasserkreislauf jeweils zwölf Heizkörper versorgt. Die beiden Thermen kommen zusammen auf eine Leistung von 48 Kilowatt. Bei einer Umrüstung auf Gasbrennwerttherme würde eine einzige, Leistung 14 Kilowatt, ausreichen, das gesamte Haus zu beheizen, analysiert Berthold. Als Zusatz empfehle sich ein Boiler, damit Warmwasser ausreichend zur Verfügung steht, in beiden Stockwerken problemlos gleichzeitig zu duschen. Unterm Strich wären dennoch 50 Prozent Energie, in diesem Fall Gas, gespart.

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Wir haben im Beitrag die Passauer Heizkraftwerke für Fernwärme, städtische und private, aufgelistet. Warum dieses Netz nicht rasch ausbauen?

Berthold berichtet von seinem eigenen Haus, ein Fünf-Personen-Haushalt. „Wir beheizen mit 15 Kilowatt einen 180 Quadratmeter großen Altbau und zusätzlich einen Neubau mit 100 Quadratmeter.“ Niedrigenergiesysteme sind die Zukunft: Der Trick im Neubau sei ein Wärmeverteilsystem, das die Gebäude mit einer Vorlauftemperatur von 30 bis 35 Grad versorgt. Zusätzlich hat Berthold auf seinem Dach fünf Sonnenkollektormodule montiert, die sein Gebrauchswasser erhitzen. „Sie funktionieren in der Praxis perfekt“, sagt der Glückliche. Seit April habe er für Warmwasser keine Heizung gebraucht.

Die Gasthermen benötigen Strom für die Umwälzpumpe. Im genannten Altbau lief diese permanent mit Stufe 2 bei einer Leistung von 100 Watt, bis Berthold sie auf die niedrigere Stufe, 70 Watt zurückstelle. „Das reicht vollkommen“. Mit der neuen Gasbrennwerttherme wäre hier eine weitere Einsparung möglich, deren Umwälzpumpe läuft mit 10 bis 25 Watt. Bei Dauerbetrieb im Winter und aktuellen Strompreis von 30 Cent: 10 Euro weniger fürs Heizen.

Eine solche moderne Gastherme kostet 10.000 bis 15.000 Euro. Sie benötigt allerdings ein eigenes Abgasrohr aus Aluminium oder Edelstahl im Kamin. Bei Häusern mit vielen Mietwohnungen und dementsprechend vielen Feuerstätten werde der Umstieg zum neueren Heizsystem erschwert, weiß Berthold. Nicht etwa, weil die Rohrsysteme nicht ausreichen würden, sondern weil jeder einzelne Wohnungseigentümer einem Umbau zustimmen und man sich bestenfalls einigen müsse, wo die zentrale Gasheiztherme installiert wird.

Obwohl sich der Umbau lohnen würde, zeige kaum jemand Interesse an der eigenen Heizanlage und nehme sich die Zeit, sich all dies Vorteile erklären zu lassen, berichtet der Kaminkehrmeister. Er müsse oft Überzeugungsarbeit leisten. Die Umrüstung werde die Zeit bringen, wenn die alten kaputt gehen. Gasheizwertthermen dürfen laut Baugesetz heute nicht mehr verkauft werden.

Nur wenige interessieren sich für ihre Heizkosten, haben der Kaminkehrermeister und seine Mitarbeiter festgestellt. „Beim Sprit schaut jeder auf die Preistafel, bei jedem Tanken“, sagt Berthold. Beim Heizen fehle dieses „Preismonitoring.“ Gerade Studenten und junge Leute, die von den Eltern ausgezogen sind, würden nicht an die Heizkosten denken.

Viele wüssten nicht einmal, wie die Thermostate programmiert werden oder wo in der Wohnung die Temperaturfühler für die Steuerung sitzen. „Die Heizungen laufen unbedacht voll aufgedreht, auch wenn es keinen Bedarf gibt“, sagt Jakob Duschl, Bertholds Kollege, ein junger Familienvater. In Zukunft möchte die Stadt Passau mehr auf kleine Heizkraftwerke setzen, die mehrere Häuser und Haushalte in ihrer Umgebung versorgen. Sie bezeichnen es als „Nahwärme“. Wie aus dem Klimaschutzkonzept hervorgeht, sind diese Heizanlagen sehr klimafreundlich, sie stoßen nur 62 Gramm CO₂ pro Kilowattstunde aus. Zum Vergleich: 1 Kilowattstunde aus Braunkohle gewonnen belastet das Klima mit 411 Gramm CO₂. Pellets, erzeugt aus dem Abfall der Holzindustrie, sind ein klimaneutraler Brennstoff.

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Klaus Berthold kontrolliert die Abgaswerte einer Brennanlage. Kaminkehrer sind auch Energieberater. (Foto: Tobias Clemens Köhler)

In Gewerbegebieten sollen Blockheizkraftwerke installiert werden, die mit Biogas oder Pellets befeuert werden. Auch private Haushalte sollen dieses Fernwärmenetz nutzen können. Bis 2025 soll in Passau ein Hackschnitzelkraft werk in Betrieb gehen. Es wird im Klimaschutzpapier als „Meilenstein“ bezeichnet. Damit Holz in ausreichender Menge zur Verfügung steht, werden Wälder aufgeforstet. Der Zweckverband Abfallwirtschaft in Hellersberg wird eingebunden für die Hackschnitzelproduktion.

Im Passauer Klimaschutzkonzept wird davon ausgegangen, dass die Pelletproduktion in den nächsten 10 bis 15 Jahren ansteigt. Durch den Klimawandel, Sturm und Dürre, falle ausreichend Holz an. „Pellets sind knapp, der Preis steigt“, gibt ein Passauer Immobilienverwalter wieder, was ihm Brennstofflieferanten berichteten. Die Statistik widerspricht: Von den 3,3 Millionen Tonnen Pellets, die im Vorjahr in Deutschland erzeugt worden sind, wurden 2,7 Millionen Tonnen im Land verbraucht, der Rest exportiert.

In der Dreiflüssestadt gibt es bislang sieben Heizkraftwerke für Nah- und Fernwärme. Die Stadtwerke betreiben sie im Freibad, im südlichen Bahnhofsviertel, im Schulzentrum und in Kohlbruck. Diese Brennheizkraftwerke würden, mit Ausnahme Kohlbruck, bis zu 95 Prozent mit Biogas betrieben, berichtet Stadtwerkechef Uwe Horn. Abnehmer seien Gewerbebetriebe und Industrie, in Kohlbruck auch private Haushalte.

Baulöwe Michael Kapfinger hat für das Wohn- und Büroquartier „Innviertel“ den Anbieter „Südwärme“ als Betreiber geholt, der bei einer Ausschreibung der günstigste war. Zu Spitzenzeiten laufe diese Anlage mit etwa 500 Megawatt, weiß Berthold; bis 300 Kilowatt mit Pellets, darüber wird die Gastherme zugeschaltet. Im Kapfingerkomplex der Neuen Mitte, Hochhaus und Kinocenter, wurden als Nahwärmebetreiber die oberösterreichische Real-Treuhand unter Vertrag genommen.

Diese Siedlungsheizkraftwerke mit ihrer modernen Technik funktionieren klimafreundlich und effizient. Unsere Redaktion ist ans „Innviertel“-Wärmenetz angeschlossen und braucht im Jahr, so die letzte Abrechnung, 60 Kilowattstunden pro Quadratmeter. „Das ist sportlich“, staunt Berthold über die geringe Menge. Es erklärt sich damit, dass wir zum Verbrauchstest digitale Heizkörperthermostate angeschlossen haben, die über App ferngesteuert werden können. Dazu später mehr. Der Wärmepreis klingt weniger sportlich: In den Privathäusern gegenüber kostet eine Kilowattstunde Gas etwa 7 Cent, die Kilowattstunde „Nahwärme“ kommt auf 13 Cent. Die Preise könnten nicht direkt verglichen werden, erklären die Kaminkehrer. Der Zähler für die „Nahwärme“ misst am Warmwasserzulauf, der Gaszähler den Gasverbrauch, wobei hier ein Teil der Energie über den Kamin verloren geht.

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„Es waren ökologische Gründe, warum wir uns für Nahwärme entschieden“, sagt Rudi Ramelsberger, der Sprecher der Kapfinger-Immobilienverwaltung. Ihre Stadtquartiere kommen ohne Kamine und Feuerstätten aus. Berthold stimmt dem zu: Die vielen mit einzelnen Gasthermen bestückten Wohnungen, wie beispielsweise in der verschachtelten Altstadt, sorgten für eine schädliche Energiebilanz. Für die Mieter hat diese Wärmelieferung allerdings einen Nachteil: Wie die Heizkostenabrechnung am Jahresende aussieht, ist ungewiss. Anfragen bei der Hausverwaltung ergeben, dass ein aktueller Kilowattstundenpreis nicht mitgeteilt werden könne. Die Kalkulation, so Ramelsberger, erfolge zur Jahresabrechnung nach einem Index, der Variablen enthält: Kosten für Instandhaltung, Wartung und Betrieb der Heizanlage; Stundenlöhne der Handwerker. Die Nachfrage bei den Stadtwerken ergibt, dass die Kilowattstundenpreisen branchenüblich bei 8 bis 11 Cent liege.

In der Preisabgabeverordnung steht: „Wer Verbrauchern (...) Elektrizität, Gas, Fernwärme oder Wasser leitungsgebunden anbietet oder als Anbieter dieser Waren gegenüber Verbrauchern unter Angabe von Preisen wirbt, hat den verbrauchsabhängigen Preis je Mengeneinheit (...) anzugeben. Als Mengeneinheit für den Arbeitspreis bei Elektrizität, Gas und Fernwärme ist 1 Kilowattstunde zu verwenden.“

Mit einer Investition von etwa 80 Euro je Heizkörper kann jeder Mieter seine jährlichen Heizkosten senken. Mit digitalen Thermostaten, beispielsweise eingebunden in die Fritz-Box, lassen sich Räume individuell und stundengenau heizen, je nach Bedarf. Wir haben die Temperatur bei Abwesenheit auf 16 bis 17 Grad gesenkt, sonst 20 bis 21 Grad. Jedes Grad weniger spart etwa sechs Prozent der Heizkosten. Unser Testbetrieb ergab, dass sich die Investition in diese Technik in spätestens drei Jahren ausbezahlt hat. Die Ersparnis pro Heizkörper, so unsere Erfahrungen seit 2019, liegen bei 30 bis 40 Euro im Jahr.

Die Leute am Land sind bei der Sonnenenergie Privilegierte. Sie haben Garagen, Gartenhütten und Hausdächer, kein Denkmalschutz, also alle Möglichkeiten, sich selbst mit Photovoltaik auszurüsten. Strom für den Eigenbedarf zu erzeugen, wird umso lohnender, je höher die Strompreise steigen. Speicherbatterien sorgen dafür, dass Stromüberschuss am Tag nicht ins Netz verloren geht und das Haus nach Sonnenuntergang speist. Sie sind leider noch zu teuer und verhindern, dass sich die Investition in weniger als zehn Jahren amortisiert. In unserem Elektroauto kostet die Batterie etwa 180 Euro je Kilowattstunde, die günstigste Hausspeicherbatterie kostet etwa das Doppelte. Sie sind Bausteine für ein gutes Gewissen und steigern die Autarkie. Wer ein Elektroauto fährt, das tagsüber Zuhause steht, kann hier den Überschuss nutzen.

Wie soll der Gasausstieg gehen? Im europäischen Vergleich habe Deutschland das bestausgebaute Leitungsnetz, sagte Klimaforscher Schellnhuber an der Uni. Seine Vision: Diese Netze und ihre Speicher könnten weiterhin genutzt werden, wenn ein regenerativ erzeugtes Gas das Erdgas ersetzte. Stadtwerkechef Horn, nach einem Ausstiegszenario gefragt, ließ erkennen, dass sich die Verantwortlichen bis heute über diesen Schritt keine bis wenig Gedanken machen.

Aus: Bürgerblick 150 / November 2021

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