Google-Anzeigen

Nachrichten | Montag, 10. März 14

Blick in die Heimatzeitung

Von Selbstdarstellern und Irreführung

Zu wenig Redakteure, Arbeitsüberlastung, Frustration? So denkfaul wie die „Passauer Neue Presse“ einen Veranstaltungsbericht der NPD ins Blatt gehievt hat, übernimmt sie auch unkritisch Berichte von möglichen Selbstdarstellern. Stadtratskandidaten oder Mitglieder von Bürgerbewegungen dürfen sich eigennützig präsentieren. Sie müssen nicht befürchten, hinterfragt zu werden. Die freie Presse nennt Beispiele, versucht Denkanstöße zu geben und Hintergründe auszuleuchten.

Termine am Freitagabend nehmen Heimatzeitungsreporter schon lange nicht mehr wahr. Feierabend ist Feierabend, Überstunden werden vermutlich nicht bezahlt. Die Unlust ist verständlich. Ausgerechnet an so einem Freitagabend treffen sich rund 30 Bürger und namhafte Lokalpolitiker in einem Grubweger Wirtshaus. Es geht spannend her. Startschuss für einen neuen Bürgerverein, Pläne zum Georgsbergtunnel werden ausgebreitet, Arbeitskreise gebildet, die sich um die Zukunft der Stadtteile diesseits und jenseits des Georgsberges kümmern sollen. Es ist eine klassische Veranstaltung für eine Heimatzeitung. Nur: Von der ist keiner da.

Falsche Autorenzeile zur Tarnung
Der neue Vereinsvorsitzende dieses Abends, zufälligerweise ein Journalist, greift selbst zur Feder, sein Beisitzer zur Kamera. Fünf Tage später lesen PNP-Abonnenten von diesem Freitagabend im Grubweger Wirtshaus, von der „geballten Offensive“ in einem „vollbesetzten“ Saal. Wenn sich Protagonisten selbst in Szene setzen dürfen, wird gerne dick aufgetragen. Das dazugehörige Laienfoto wird auch gedruckt. Vier Frauen und vier Männer sitzen auf einer Seite des Wirtshaustisches wie Hühner auf der Stange, damit auch jeder gut zu sehen ist. „Geballte Offensive“ in einem „vollbesetzten Saal“ illustriert das Foto sicher nicht. Aber egal. Das sind die Schwächen von Lokaljournalismus aus zweiter Hand.

Das wäre alles noch hinnehmbar, wenn wenigsten die Ehrlichkeit gegenüber dem Leser gewahrt werden würde. „Aus Personalmangel konnten wir diese Veranstaltung nicht selbst besuchen, Text und Bild wurden uns geliefert, der Bericht gibt die Meinung des Veranstalters wieder.“ Nein, so viel Transparenz kennt eine altbackene Lokalzeitung natürlich nicht, das hätte man auch nicht erwartet. Es kommt schlimmer, die Leser werden absichtlich in die Irre geführt. Ein namhaftes Mitglied der Lokalredaktion gibt sich als Urheber des Berichtes aus, schreibt seinen vollen Namen darüber. Um zu tarnen, dass der Veranstalter identisch mit dem Berichterstatter ist? Hätte auch blöd ausgesehen, wenn der echte Schreiberling in der Autorenzeile steht und dieser als Funktionär mehrmals darin vorkommt, seine eigene Rede zitiert.

Dazu eine Groteske: Im Kulturteil derselben Heimatzeitung regt sich der Feuilletonchef gerade (zu Recht) auf, dass ein Rottaler Theater sich seine eigenen Kritiken schreibt, dieses Eigenlob mit einem Pseudonym getarnt veröffentlicht. Die Leser würden getäuscht. Jetzt weiß der Kulturmann, dass er im Glashaus sitzt. Handelt sein Kollege von der Lokalredaktion nicht minder verwerflich, wenn er einen befangenen Autor mit seinem Namen tarnt?

Nicht weniger gedankenlos werden derzeit im Wahlkampf PR-Texte (mit gelieferten Bildern!) von Kandidaten und Parteien verwertet. Aktiönchen und wirkungslose Anträge finden sich aufgeblasen im Blatt wieder, als wären es wichtige Themen des Tages. Wäre es nicht Aufgabe einer Redaktion, den Lesern darzulegen, warum dieser oder jener Kandidaten aus welchen Gründen so agiert, ihnen aufzuzeigen, was ehrlich oder verlogen ist?  

Schauanträge aus verletztem Stolz

  • Harmloses Beispiel. Ein Grünen-Politiker, kein Mitglied des Stadtrats, gibt beim Nahverkehr Gas. Er fordert eine neue, zusätzliche Bushaltestelle am Hauptbahnhof und lässt sich mit Mitstreitern und Papptafel abbilden. Pressetext, Foto. Es ist ein Schauantrag in eigener Sache. Wenn seine Forderung den Bürgern etwas Gutes bringen soll, wäre der einzig zielführende Weg: entsprechenden Antrag über einen Stadtrat stellen, abstimmen lassen, fertig. Aber darum geht es ihm wohl nicht. Er ist angefressen auf seine Partei, die ihn auf dem Wahlschein auf hintere Plätze verwiesen hat. Er will zeigen, dass er es besser kann, wenn man ihn lassen würde. Die Heimatzeitung verkauft ihren Lesern diesen Luftantrag, statt sie über die Hintergründe dieses Aktionismus aufzuklären. Wäre der verletzte Stolz eines Grünen-Mitglieds, die offensichtlichen Machtkämpfe bei den Grünen nicht die interessantere Geschichte?

Discounter zählen zum fairen Handel?

  • „Für mehr Nachhaltigkeit: Wird Passau "Fairtrade-Stadt?“ ", plappert die Heimatzeitung den Aktionismus einer anderen Wählergruppe nach. Klar, natürlich wollen wir fairen Handel. Doch diese Ökoprädikate, die das Gewissen beruhigen, vermehren sich wie Bio-Siegel, wachsen wie die Pilze. Nicht falsch verstehen, solche Initiativen, die ein Umdenken in unserem Konsumverhalten bewirken, sind wichtig. Nur: Man könnte, statt des PR-Textes mit dem sich eine Stadtratskandidatin der "Passauer Liste" als Initiatorin schmückt, auch mal hinterfragen: Wie sieht es mit fairem Handel in Passau eigentlich aus? Eine Zählung würde ergeben: Das wichtigste Kriterium einer „Fair-Trade-Stadt“ (50.000 bis 55.000 Einwohner), nämlich mindestens elf Geschäfte und sechs Gastronomiebetriebe, hat Passau mehr als erfüllt. Die Fair-Trade-Anbieter auf den drei Wochenmärkten nicht mitgerechnet.

    Und bei dieser Bilanzaufstellung fällt dem kritischen Reporter vielleicht auf, dass Discounter wie Lidl, Penny und Rewe bei dieser Aktion auch als „Fair Trade“-Laden mitgezählt werden dürfen! Genügt es denn, dass eine Sorte Fair-Trade-Kaffee im Regal angeboten wird? Ob die Frau an der Kasse fair bezahlt wird, im Tiefkühlregal totes Fleisch aus Massentierhaltung liegt, geschlachtet in Billiglohnländern, lässt man bei dieser Städtekampagne „Fair trade“ für Konzernketten unter den Tisch fallen? Tolle Richtschnur. Schon relativiert sich die Frage, ob Passau nach Burghausen, Buxtehude und Bickenbach unbedingt „Fair-Trade-Stadt“ Nr. 227 in Deutschland werden muss.

Die drei Scheinheiligen?

  • Das Trio „drei Wirte, ein Ziel“, Stadtratskandidaten, die im Fasching als Engel gegen die Sperrstunde auftraten, dürfen von einer anderen tollen Idee mit Text und Bild in einem Tochterblatt der Heimatzeitung erzählen. Sie wollen Passau zum Ort der Nächstenliebe ausbauen. Mit Kaffee und folgender Gebrauchsanleitung für Gäste: Zahl´ zwei Tassen, trink eine – die zweite, den "Aufgeschobenen", bekommt dann ein Bedürftiger geschenkt. Die Nachwuchspolitiker beten in ihrer Pressemitteilung eine Idee nach, die mit einer großen Welle durchs Internet rauscht, weil sie wirklich rührend ist. Der Wirt kann dabei nichts verlieren, denn die Spende zahlt der Gast. Ob die gespendeten Tassen Kaffee in Passau überhaupt Bedürftige erreichen, darüber wurde natürlich nicht nachgedacht.

    In Neapel, der Geburtsstadt dieser Geste für Arme, gibt es diese Tradition seit Jahrzehnten. In den Großstädten wie Berlin, Hamburg und München läuft es gerade an und mag in der Anonymität funktionieren. Aber in einer Provinzstadt, wo jeder fast jeden kennt? Die Hemmschwelle nach so einem Kaffee zu fragen, sei groß, berichtet Frank-Ulrich John vom Bayerischen Hotel- und Gaststättenverband in der „Süddeutschen“. Das erklärt, warum ein Wirt aus Kaufbeuren (42.000 Einwohner), der die Aktion eingeführt hat, vergeblich auf Besteller des Gratiskaffees für Arme wartet.

    Die Passauer wären sicher großzügig, obwohl sie für Kaffee in ihren Lokalen den zwei- bis dreifachen Preis der Neapolitaner zahlen. Aber was tun, damit die drei Passauer Wirte und ihre Nachahmer nicht wie der Kaufbeurer auf dem gespendeten Kaffee, dem Überschuss in der Kasse, sitzen bleiben?

    Es gäbe in der Stadt eine Gruppe von Frauen und Männern, die sich vielleicht ohne Scham über den Gratiskaffee freuen würden. Sie erhalten bekanntlich nur 4,50 Euro Taschengeld am Tag und wohnen am Stadtrand, in drei städtischen Flüchtlingsheimen. Wenn diese Mitbürger in den Lokalen der Innenstadt gratis diesen gespendeten Kaffee trinken können, wäre viel gewonnen, würden gute Kontakte entstehen. Die eine Seite fühlte sich weniger ausgegrenzt, die andere baute Vorurteile ab gegenüber den Fremden. Die drei Wirte müssten sich natürlich gut überlegen, ob ihre Partei (die mit dem unchristlichen „C“) von dieser Idee begeistert wäre: Gratiskaffee für Asylbewerber! Was wohl Seehofer dazu sagt?
Unabhängiger Journalismus ist abhängig von zahlenden Lesenden

Wenn Sie uns zusätzlich unterstützen wollen, hier können Sie „spenden“.
Hinweis fürs Finanzamt: Zahlungseingänge werden wie Abozahlungen verbucht.
Bürgerblick als gemeinnützige Gesellschaft zu etablieren ist in Arbeit.

13:18
Montag
25. Oktober 2021
 
Bitte klicken Sie diese Förderer
und Freunde der freien Presse:

SOCIAL MEDIA

KULTURKALENDAR
25.10. | Montag
MVZ
Telefonsprechstunde "Brustkrebs"
 
bild_klein_19716.jpg

Die Diagnose "Brustkrebs" hat im Vorjahr 400 Frauen in Stadt und Landkreis getroffen. Diese Telefonaktion mit Experten-Trio Radiologe Dr. Braitinger, Frauenärztin Nolte und Klinikum-Professor Südhoff soll Ängste nehmen und über Behandlungsmethoden aufklären. Bei Früherkennung sind 85 Prozent der Erkrankten heilbar. Telefon 0851-5300-8444 und -8445 bis 16 Uhr. 


14:00 Uhr
ZEUGHAUS
Dichterwettstreit
 

Poeten, sowohl Anfänger und als auch erfahrene, bemühen sich um die Gunst des Publikums beim Poetry Slam. Moderiert von Sebastian Ruppert und Pascal Simon. Einlass 19 Uhr.


19:30 Uhr | 6 Euro

Google-Anzeigen