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Universität | Donnerstag, 08. Oktober 20

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Unipräsident Ulrich Bartosch
Uni-Präsident Bartosch im Gespräch

Es ist Neuland für alle

Am 2. November starten an der Uni Passau die Vorlesungen zum Wintersemester, viele davon weiterhin als Onlineveranstaltungen. Zum Amtsantritt im vergangenen April sprachen wir mit dem neuen Uni-Präsidenten Ulrich Bartosch unter anderem über dieses Thema. Er sieht im Ausnahmezustand Chancen: das Potenzial der "elektrischen" Lehre.

Ein Amtsantritt auf einem leeren Campus. Fühlen Sie sich wie ein Wirt im Restaurant ohne Gäste?

So ganz leer ist er nicht. Es gibt hier tapfere Leute, die jeden Tag ihren Dienst machen. Ein großer Teil, sicher mehr als die Hälfte, arbeitet dank der guten technischen Vorbereitung der Uni im Homeoffice. Es war ja nicht geplant, dass die Pandemie kommt, aber man war sehr schnell sehr flexibel, das fand ich schon sehr beeindruckend. Das Semester startet „normal“, aber virtuell, und da kann man schon mit Fug und Recht sagen, dass viel Anstrengung, Engagement und Know-how dahinterstecken.

Gelingt dieses Semester der Startschuss für die „digitale Revolution“?

Das sind zwei verschiedene Sachen. Zum einen die ganze Verwaltung, die könnte man nicht in zwei Tagen vorbereiten. Das ist schon länger auf dem Weg. Geplant war der komplette Wechsel zuerst nicht, aber es hat technisch funktioniert. Zum anderen die Umstellung „Lehre auf Bildschirm“. Der Krisenstab unter der Leitung vom Kanzler ist schon einige Wochen unterwegs. Ich hatte die Möglichkeit, im Vorfeld meines Amtsantritts schon mal dabei zu sein. Das war ja alles elektrisch! Also wenn ich elektrisch sage, meine ich elektronisch, das sage ich immer so. Nicht, dass Sie meinen, ich bin total bescheuert. Ich habe es mir angewöhnt, es so zu benennen.

Wie sieht der Tag eines Präsidenten im Lockdown aus?

Ziemlich voll. Die meiste Zeit läuft eine Konferenz nach der anderen – am Bildschirm und zum Teil am Telefon.

Das heißt, Sie führen länger Telefonate als früher?

Grundsätzlich, auf mein ganzes Leben bezogen, auf jeden Fall, ja klar. Mit meiner Mutter zum Beispiel, weil ich die ja gar nicht sehen kann.

Wie konsequent halten Sie die Kontaktsperre ein?

Zu meiner Mutter vollständig, das tut richtig weh. Die ist fast 93 und lebt in Regensburg. Sie hat eine Betreuung, das geht nicht anders. Bis auf den Umzug nach Passau, den es zu organisieren galt, haben wir die Sperre sehr konsequent eingehalten.

Sie sind mitten in der Pandemie umgezogen?

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Also da war kein Vertun. Klar, wir haben uns mit Masken ausgestattet. Aber zeitweise waren sieben Leute in unserer Wohnung, und so groß ist die nicht, dass du da zwei Meter Abstand halten kannst. Es ist aber niemand krank geworden. Und da unsere Technik hauptsächlich von meinem Sohn betreut wird, mussten wir ihn irgendwann kurz einbestellen. Der studiert Informatik in Deggendorf und ist sehr versiert. Das war allerdings kein privates Treffen, sondern schlichtweg ein Hilferuf. Ohne Internet wäre ich aufgeschmissen.

Sie sind Mitglied in der „Vereinigung Deutscher Wissenschaftler“. Um welche Themen geht es gerade?

Im Sommer war ein Aktionstag in Passau geplant zum ökologischen Umbau und zur Klimagefährdung. Der wird nun virtuell stattfinden. Ich bin der VDW als Beiratsvorsitzender zwar sehr verbunden, aber die letzten Wochen war ich derart eingespannt, dass ich mich wenig einbringen konnte. Ich habe jetzt angeregt, einen Diskurs zur Lage über Videokonferenzen zu führen.

Das Thema ökologischer Umbau verknüpfen viele mit aktuellen Erfahrungen in der Corona-Krise.

Es gibt viele Dinge, die einem bei der Pandemie durch den Kopf gehen, oder? Nicht nur als Präsident, auch als Zeitgenosse. Ich beobachte eine unglaubliche Priorität der Politik. Wir sehen politische Entscheidungen, die ganz eindeutig in Richtung Leben und Gesundheit gehen, und da bin ich dankbar dafür. Es gibt ohne Zweifel politische Maßnahmen, über die man streiten kann, der komplette Stillstand und die Schließung der Kirchen etwa. Aber die Politik hat die Steuerung in einer Krisensituation übernommen und operiert sehr konsequent und eindeutig in Richtung Leben und Sicherung der medizinischen Grundversorgung. Und das finde ich beachtlich. Es gibt einige Länder auf dieser Welt, die sich anders verhalten.

Die Politik orientiert sich so stark wie noch nie an der Wissenschaft.

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Interview mit Abstand.
Das ist der zweite Punkt, den wir derzeit beobachten können. Die Wissenschaft, vor allem natürlich die Naturwissenschaft und Medizin, rückt in den Fokus. Sie hat in einer Phase, in der wir uns in den letzten Monaten mit Fake News und Fake Science auseinandersetzen mussten, plötzlich wieder einen unglaublichen Stellenwert. Auf einmal stehen da Personen im öffentlichen Raum, die manche von uns nicht kannten, die jetzt aber eine unglaubliche Reputation haben. Virologen wie Christian Drosten, die sehr präsent und teilweise sogar prominent sind. Das ist doch wirklich eine unglaubliche Veränderung. Dass Wissenschaft in dieser Form eine Orientierung gegeben hat, haben wir lange nicht gehabt. Was ich wichtig und spannend finde, ist, wie sich die Wissenschaft mit ihrer Fachlichkeit positioniert. Herr Drosten ist jemand, der sich nicht scheut, Änderungen seiner Einschätzung zu diskutieren, zu unterscheiden zwischen sicherem Wissen und Vermutung, zwischen Empfehlung und wissenschaftlicher Aussage. Die Wissenschaft hat sich jetzt zu bewähren und das Primat, die Vormacht der Politik, zu akzeptieren.

Also machen Wissenschaft und Politik derzeit alles richtig?

Mir hat sehr imponiert, wie unaufgeregt zum Beispiel der Bericht der Leopoldina (Anm. d. Red.: die älteste naturwissenschaftlich- medizinische Gelehrtengesellschaft) präsentiert wurde. Zu sagen: „Hier ist unser wissenschaftlicher Diskurs, in einem halben Jahr wissen wir mehr, jetzt müsst ihr handeln und das wären unsere Empfehlung, aber die Entscheidung liegt bei euch.“ Und eine wissenschaftliche Empfehlung ist eben von der Abwägung her keine politische. Das sind für mich zwei große Beobachtungen: das Primat des Politischen und die besondere Position der Wissenschaft bis hin zur Renaissance, Wissenschaft als Lösung der Probleme zu sehen. Dass die Wissenschaft nicht nur als Basis für schwierige, auch technische Entwicklungen gesehen wird, sondern auch als Möglichkeit, die wir Menschen haben, um uns aus dem Sumpf zu ziehen, das finde ich eine sehr wichtige Entwicklung. Ich möchte, dass wir uns da mit unserer wunderbaren Universität anschließen.

Könnte die virtuelle Lehre Präsenzveranstaltungen in Zukunft ersetzen?

Das steht überhaupt nicht zur Debatte. Es ist völlig ausgeschlossen, dass diese Breite und Vollständigkeit der Umsetzung in den virtuellen Raum wünschenswert wäre, eine Zielsetzung oder auch nur realistisch. Ich sehe mich und alle anderen gerade in der Verantwortung, den Menschen zu vermitteln, dass es um Leben und Tod geht. Dass Corona kein Spaß ist. Dass es kein Pseudoevent ist. Es ist ja gut, wenn wir das selber für uns nicht spüren. Es wäre fürchterlich, wenn wir jeden Tag ängstlich aus dem Haus gehen würden. Aber um unsere Familien und Freunde können wir schon fürchten. Ich habe zwischenzeitlich schon Menschen verloren, die teilweise in hohem Alter waren. Aus dem wissenschaftlichen Bereich zum Beispiel. Leute, die vor kurzem noch frisch und munter waren und nun verstorben sind. Und es gibt viele, viele andere vulnerable Gruppen, die nicht unbedingt 90 Jahre alt sein müssen. Das müssen wir begreifen.

Wie machen Sie den Studenten die Notwendigkeit der Restriktionen klar?

Wir können bloß versuchen, das genauso zu transportieren. Es gibt gerade eine große Diskussion, wann die Bibliotheken wieder öffnen. Es gibt die Möglichkeiten, das moderat und vorsichtig zu tun. Wir werden den Ausleihbetrieb und den Scan-Service stärken, also alles, was die Verfügbarmachung von Literatur auf dem Online-Weg betrifft. Und es wird eine Ausleihmöglichkeit für Studenten geben, die kurz vor dem Abschluss stehen. Aber keinesfalls eine komplette Öffnung. Ich möchte nicht mitverantwortlich sein, wenn wir hier Jubel, Trubel, Heiterkeit haben, und anschließend schauen wir in die Zeitung und sehen die Infiziertenzahlen hochschnellen.

Wie erhalten Studenten den Online-Zugriff auf die Literatur?

Wir müssen den Zugriff erst herstellen, das braucht Zeit, aber ich glaube, wir sind ziemlich gut dabei. Derzeit ist ein erweiterter Ausleihbetrieb geplant. Also wenn Sie jetzt an Ihrer Doktorarbeit sitzen, dann melden Sie sich im System an und kriegen einen Termin. Und dann können Sie für eine bestimmte Zeit mit dem Bibliothekar, wie am Postschalter, entweder vorbestellte oder neue Literatur ergänzen. Was wir verhindern müssen, ist, den Studenten zu kommunizieren „Kommt alle wieder nach Passau, es ist nett hier!“ Das ist das Schlimmste, was wir machen können. Wenn ich dieses Signal gebe, kommen tausend Leute her, die Zahl der Infizierten steigt womöglich, und wir haben hier das große Viren-Revival.

Wie lang hält ein Bildungsbetrieb den fehlenden persönlichen Kontakt aus?

Also von der Beziehungsarbeit her kann ich das noch nicht beantworten. Ich bin mir aber sicher, dass wir das Semester in dieser Richtung locker wegstecken. Meine Söhne sind damals auch in die Welt hinaus und wir haben uns nur über Skype getroffen und sind als Familie nicht zerbrochen. Also bleiben wir mal auf dem Teppich, wir sind in einem ganz anderen Zeitalter. Das Hardcore-Problem sind die Prüfungen.

Prüfungen auf Distanz lassen sich wohl schwer umsetzen. Geht es um die fehlende Kontrolle?

Es gibt zwar Arbeitsgruppen, die sich damit befassen, aber für die Klausuren lässt sich noch keine Online-Umsetzung finden, die alle Kriterien erfüllt. Es muss gleichwertig, chancengleich und rechtssicher sein. Der andere Aspekt ist, dass man sich möglichst weit entfernen müsste von der bisherigen Form der Prüfung. Ich hätte kein Problem damit, es über ein Online-Medium zu gestalten, nur dafür müssten alle einverstanden sein.

Wie sähe es rechtlich für solche Online-Prüfungen aus?

Der erste Referenzpunkt ist zunächst das Bayerische Hochschulgesetz. Wir haben offensichtlich noch keine Routine, was Online-Prüfungen betrifft, wie viele andere Hochschulen auch. Dass es andere Prüfungsformen mit hochtechnischen Verifikationssystemen gibt, ist mir klar. Aber damit kommen wir in Bereiche, in denen wir absolute Spezialisten für die Beurteilung und Realisierung brauchen. Und: Online- Prüfungen sind nie zu hundert Prozent sicher.

Die Uni hat sich bei der Bildschirmlehre für die private US-Plattform „Zoom“ entschieden.

Wenn wir „Zoom“ einsetzen, dann nicht, um irgendwelchen amerikanischen Firmen Schleusen zu öffnen, sondern weil wir nach Möglichkeiten suchten, die Kontakte zu beschränken. Nur darum geht es. Wir hätten natürlich auch sagen können, dass es diesen Sommer kein Semester geben wird. Aber was würde das bedeuten? Wir haben alle die Verpflichtung, das Leben und ebenso die Universitäten nicht nur aus ökonomischen, sondern auch aus gesellschaftlichen Gründen am Laufen zu halten. Es geht darum, dass wir funktionieren, dass wir die Krise überstehen und miteinander da durchkommen. Wir hatten im Vorfeld schon ein paar Versuchsläufe mit „Zoom“ und dort hat alles funktioniert. Es geht wirklich darum, wer die Datenmengen schultern kann. Und das hätte die Universität aus eigener Kraft nicht lösen können. Das heißt nicht, Hauptsache, es läuft, sondern wenn es läuft, müssen wir miteinander kritisch schauen, was wir wollen. Wir haben jetzt einen Diskurs mit den zwei Datenschutzbeauftragten des Studierendenparlaments. Denen habe ich gesagt, dass wir „Zoom“ jetzt für ein Jahr eingekauft haben und das Ganze genau beobachten müssen. Ich möchte, dass wir so kritisch wie möglich da drauf schauen. Und wenn ich der Meinung bin, wir verkaufen unsere Seele, dann würde ich das nicht machen.

Viele sehen in der Krise eine Chance zum Umbruch. Wie könnte der an der Universität aussehen?

Im Zweifelsfall lernen wir jetzt etwas für die Zeit nach der Krise und können einschätzen, wie sehr uns digitale Lehre vielleicht hilft. Ich mache seit 2003 Online-Lehre. Ich bin einer der ersten in der virtuellen Hochschule Bayern gewesen und gebe bis heute Online-Seminare. Für mich war auch immer ein Punkt zu schauen, wie viel man online anbieten will, um damit Spielräume für zeitintensivere Veranstaltungen zu gewinnen. Zum Beispiel wäre es erträglich für mich, wenn ich meine große Einführungsveranstaltung dauerhaft online anbieten würde. Dafür hätte ich dann mehr Zeit für entsprechend intensivere Seminare mit Exkursionen. Jetzt machen alle ihre Erfahrungen und können später damit umgehen und sagen, ob sie es gerne weiterführen möchten oder nicht. Ich glaube, dass der große Teil froh ist, wenn er wieder im Seminarraum ist. Die großen Vorlesungen werden häufig von beiden Seiten missachtet. Ich habe es immer wieder genossen, in einem großen Saal zu sein, sowohl als Student als auch als Dozent. Ich will bloß nicht, dass die Leute das Gefühl haben, sie werden sozusagen von hinten durch die Brust ins Auge in die digitale Lehre geschoben. Die Form der Lehre ist eine wichtige Entscheidung für die Dozenten.

Wie lange kann die Universität die derzeitige Situation aushalten?

Es gibt ja Befürchtungen, dass wir zum Wintersemester erneut eine steigende Kurve der Corona-Fälle beobachten können. Das wäre natürlich nicht lustig. Es sieht allerdings auch nicht so aus, als dass wir im Juli hier Beachvolleyball veranstalten. Aber wer weiß das schon?

Wie ist Online-Lehre aus Sicht der Studierenden?

Ich glaube, die Lerntypen sind sehr unterschiedlich. Der eine genießt es, sich das Zeug holen zu können, wann er will, und nicht unbedingt um 8 Uhr in der Vorlesung sein zu müssen. Andere leiden, weil sie auf die sozialen Kontakte und vielleicht auch auf den Schub von anderen angewiesen sind. Es gibt viele Initiativen und wir müssen schauen, dass wir die im Semester noch mehr hochziehen.

Und wie ist die Situation für Sie persönlich?

Mir kommt es ganz und gar nicht so vor, als ob ich in einen entschleunigten Job reingehe. Der Vorteil ist, die Situation ist für alle im Moment Neuland. Ich bin nicht der einzige, der sich nicht auskennt.

Erschienen in der Maiausgabe Nr. 135

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Donnerstag
03. Dezember 2020
 
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