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Hintergrund | Donnerstag, 05. Januar 17

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Der Fünferlsteg aus der Vogelperspektive zum 100. Jubiläum im Herbst 2016. (Foto: Tobias Köhler/ mediendenk)
100 Jahre Fünferlsteg

Passau vergisst Brückenjubiläum

Was Brücken anbelangt, hat die Passauer Stadtregierung gerade eine unglückliche Hand. Das hundertjährige Jubiläum der Fußgängerbrücke "Fünferlsteg" ist im vorigen Oktober vergessen worden; die Sperrung der Marienbrücke an Silvester wegen „abstrakter Terrorgefahr“ zieht eine breite Diskussion unter Bürgern und Politikern nach sich.

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Oktober 1916: Das Mittelstück der Fußgängerbrücke wird eingehoben. Mit Seilwinden und Lastkähnen. (Foto: Stadtarchiv)
In seiner gedruckten Novemberausgabe beschrieb dieses Magazin unter dem Titel „100 Jahre Fünferlsteg: Vergessenes Jubiläum“ ein Foto des Stadtarchivs, welches eine Szene der letzten Bauarbeiten vom Oktober 1916 zeigt:

"Von vier Seilwinden getragen wird das Mittelstück der neuen Innbrücke eingehoben. Schiffsleute, die lange Ruder führen, haben den Stahlriesen auf ihren Lastkähnen herbeigebracht. Mit diesem Fußgängersteg haben die Passauer vor 100 Jahren die Innstadt in Höhe der Kirche St. Severin mit dem Stadtteil St. Nikola verbunden. Davor verkehrte hier eine Seilfähre. Getauft wurde der Steg auf den Namen Hindenburg; wegen der Brückenmaut, die bis 1976 erhoben wurde, wurde er schlicht „Fünferlsteg“ genannt. Fünf Pfennige kostete anfangs der Übertritt.

Gebaut und betrieben hatte diese Brücke eine 1913 gegründete Aktiengesellschaft. Am 17. Juni 1917, siebeneinhalb Monate nach der Eröffnung, passierte der 100.000 Fußgänger den Innsteg. Von dieser Brücke bietet sich ein großartiger Blick auf die Altstadt. Zum 50. Jubiläum der „Europäischen Wochen“, 2002, war sie Abschussrampe für ein Feuerwerk. Ihren eigenen Geburtstag hat man vergessen.“

Nachtrag: Silvester 2016, am letzten Tag ihres Gründungsjahres, wurde dem Hindenburgsteg eine besondere Bedeutung zuteil: Er war wegen der Sperrung der Marienbrücke die einzige Passauer Innbrücke, welche die Bürger zur Begrüßung des Neujahrs betreten durften.

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Bauwerk aus der Zeit des Ersten Weltkriegs: Der Hindeburgsteg verbindet die Stadtteile um St. Nikola und St. Severin. (Foto: Stadtarchiv)
Der Bürgerblickbeitrag hat offenbar Gehör gefunden: Mit drei Monaten Verspätung würdigt die Stadt heute (4. Januar)  dieses Bauwerk: „Vor gut 100 Jahren wurde der Fünferlsteg eröffnet“, schreibt Mitarbeiter Jürgen Lang vom OB-Büro und liefert als Pressemitteilung eine lange geschichtliche Abhandlung. Damit ist dem Jubiläum wohl nachträglich Genüge getan. Feierfreudige Passauer, die vielleicht glaubten, die Stadt würde sie nach der verbotenen Brückenparty zu Silvester jetzt wenigstens mit einer 100-Jahr-Feier auf dieser hübschen Fußgängerbrücke entlohnen, womöglich mit Freibier und Feuerwerk, werden enttäuscht sein. Wer weiß, vielleicht wird das im Frühjahr nachgeholt.

Für Interessierte der Text, den die Stadt dem Fünferlsteg heute gewidmet hat:

„Allgemein hörte man Aussprüche des Lobes über das hübsche Werk, das der Innsteg darstellt“, hieß es am 3. Oktober 1916 in der Donau-Zeitung, einen Tag nach der Freigabe des Hindenburgstegs. Vielen bis heute nur als „Fünferlsteg“ bekannt, hat die berühmte Verbindung zwischen Inn- und Innenstadt eine wechselvolle Geschichte erlebt.

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Der Fünfersteg war Motiv des Titelbildes im April 2009, Bürgerblick Nr. 24.
Aufgrund der Wirren des Ersten Weltkriegs wurde bewusst auf Feierlichkeiten zur Eröffnung verzichtet, obwohl damit ein sich über Jahre hinziehender Prozess erfolgreich abgeschlossen werden konnte. Denn schon um die Jahrhundertwende sah man sich mit der Tatsache konfrontiert, dass Fußgängerverbindungen zwischen dem Stadtteil Beiderwies, der heutigen Innstadt, mit den städtischen Friedhöfen und der Innenstadt über die Marienbrücke und die gefährliche und zugleich unrentable „Obere Innseilfähre“ auf Höhe der Eisenbahnbrücke schlicht nicht ausreichend waren.

So traf sich im Februar 1908 die so genannte „Freie Bürgervereinigung“ auf Initiative des Apothekers Paul Egger, um über den Bau einer Fußgängerbrücke über den Inn zu diskutieren. Da die Stadtgemeinde die notwendigen finanziellen Mittel nicht aufbringen konnte, entschied man sich, diese über eine Aktiengesellschaft aufzubringen. Schon damals war ein Brückenzoll im Gespräch, über den die Verzinsung für die Aktionäre erwirtschaftet werden sollte. Belastbare Daten für den Bau ließen allerdings ein paar Jahre auf sich warten. Zudem bremste eine horrende Kostenschätzung von 250.000 Mark die Euphorie.

Erst am 10. März 1911 konnte die „Freie Bürgervereinigung“ erneut zusammentreten und auf Basis der nun konkret ermittelten Baukosten sowie einer Rentabilitätsprüfung gemäß der zu erwartenden Nutzungsfrequenz ein Aktienkapital von 170.000 Mark mit einer garantierten Dividende von drei Prozent fixieren. Der städtische Anteil sollte sich auf 50.000 Mark belaufen. So wurde es im Stadtrat am 20. Dezember 1912 beschlossen, die offizielle Gründung der Passauer Innsteg Aktiengesellschaft erfolgte drei Tage später. Passauer Bürger hatten zu diesem Zeitpunkt bereits Anteile im Wert von 130.200 Mark gezeichnet.

Bis zur endgültigen Bauerlaubnis und zum Baubeginn für die 170 Meter lange und 2,50 Meter breite Eisenkonstruktion mit zwei Pfeilern und zwei Widerlagern verstrichen noch mal gut zwei Jahre. Die Kosten waren mittlerweile auf 180.000 Mark angestiegen. Der kriegsbedingte Mangel an Strom, Material und Personal führte zu weiteren Verzögerungen, so dass erst am 2. Oktober 1915 die Freigabe für den Fußgängerverkehr erfolgte. In den beiden Tagen zuvor konnten die Bürgerinnen und Bürger den Übertritt gegen eine Sondergebühr von 20 Pfennigen schon einmal testen. Die regulären Mauttarife waren folgendermaßen festgelegt: 5 Pfennige für Personen ab vier Jahren, Kinderwagen, Schiebkarren, Radler und Kleinvieh sowie 10 Pfennige für Esel- und Hundefuhrwerke, größere Handkarren und Großvieh. Eine Jahreskarte kostete 10 Mark (für Kinder unter 14 Jahren beziehungsweise Schüler 5 Mark), eine Halbjahreskarte 6 Mark und eine Arbeiterkarte monatlich 50 Pfennige. Zu entrichten waren die Gebühren täglich von fünf bis elf Uhr. Bestimmte Personengruppen wie Krankenhausbedienstete waren grundsätzlich befreit. Bis 1940 nutzten rund 700 Personen täglich den kostenpflichtigen Übergang.

Der Zweite Weltkrieg sollte in der Historie des „Fünferlstegs“ ebenfalls eine Rolle spielen. Verschont von Bombardierungen, waren es am 3. Mai 1945 marodierende SS-Truppen, die im Rahmen befohlener Brückensprengungen auch den Innsteg nicht verschonten. Bereits ein knappes Jahr später beschloss die Aktionärsversammlung den Wiederaufbau. Das Grundkapital wurde von 85.000 Reichsmark – die Inflation von 1924 erforderte die Zusammenlegung des Aktienkapitals von 170.000 Mark auf 85.000 Reichsmark – auf 220.000 Reichsmark erhöht. Die Stadt übernahm ein Drittel der Kosten. Nach einem mühevollen Wiederaufbau, der sogar zwei Todesopfer forderte, konnte der neue „Fünferlsteg“ am 29. August 1947 seiner Bestimmung übergeben werden. „Eigentlich hätten sie doch einen schmetternden Tusch oder ein fröhliches Lied verdient. Das Werk und seine Meister. Schon aus stolzer Freude darüber, was Privatinitiative und freie Wirtschaft vermögen, wenn Energie und Fleiß dahinter stecken“, war entsprechend in der Passauer Neuen Presse am 2. September dieses Jahres zu lesen.

Allerdings geriet die Innsteg-AG in der Folge zunehmend an ihre finanziellen Grenzen. Die Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben klaffte immer weiter auseinander. Ursächlich dafür waren nicht zuletzt reguläre und auch unerwartete Wartungsarbeiten wie etwa im Zuge der Hochwasserkatastrophe von 1954. Schließlich sahen sich die Verantwortlichen gezwungen, zum 1. Januar 1959 der Brückenzoll zu erhöhen: 10 Pfennige für den einmaligen Übertritt, 15 Pfennige für Hin- und Rückweg, 2 Mark für die Monatskarte und 4,50 Mark für die Vierteljahreskarte. „Der Fünferlsteg wird jetzt ein Zehnerlsteg“, berichtete folgerichtig die Passauer Neue Presse am 9. Dezember 1958 über die Hauptversammlung, in der der entsprechende Beschluss gefasst worden war. Eine weitere Anhebung zum 1. Januar 1973 auf 20 Pfennige für die Rückwegkarte und 2,50 Mark für die Monatskarte führte zu Protesten bei den Passanten, manche boykottierten den Innsteg sogar und nahmen den Umweg über die Marienbrücke in Kauf. Die rückläufigen Nutzerzahlen verschärften die wirtschaftliche Lage der Innsteg-AG, so dass der Stadt Passau 1976 die Übernahme des Stegs angeboten wurde. Der Vollzug erfolgte zum 1. Oktober 1976 mit der Konsequenz, dass der Brückenzoll ab sofort entfiel. Die Innsteg-AG löste sich im August 1977 auf.

Der „Fünferlsteg“, wie er nach wie vor von Einheimischen und Gästen genannt wird, ist bis zum heutigen Tag eine beliebte Verbindungsstrecke zwischen Innen- und Innstadt.

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