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Meinung | Montag, 16. Januar 12

Kommentar

Wulff und das Märchen von der Pressefreiheit

Wulff hat das Amt des Bundespräsidenten abgewertet. Das ist sehr bedauerlich. Damit kann ich leben, denn irgendwann wird ein Besserer es bekleiden. Aber diesen wochenlangen Medienwirbel, den nenne ich populistische Heuchelei.

Was mich am meisten an diesem einstimmigen Geheule wegen Wulffs angeblichen Tritt gegen die Meinungs- und Pressefreiheit stört, ist dies: Der Bundespräsident ist ein billiges Opfer, auf ihn mit der spitzen Feder zu zielen, auf ihm herumzutrampeln, das ist weder mutig noch besonders investigativ oder ehrenvoll. Es bringt Leser, Zugriffe, Auflage. Das freut doch die Brötchengeber der Redakteure, selbst wenn sie der Partei angehörten, die Wulff nahe steht.

Ich würde mir wünschen, dass von nun a l l e Angriffe gegen die Pressefreiheit so scharf und lautstark verurteilt werden wie bei dem auserkorenen Widersacher Wulff. Wenn Redakteure künftig von einer fremden Macht verdonnert werden zu schweigen, wenn sie die Schere im Kopf spüren, wenn sie glauben, vor dem Verleger oder dem Anzeigenchef kuschen zu müssen - dann sollten sie es in dicken Schlagzeilen hinausschreiben: Angriff auf die Meinungs- und Pressefreiheit! Das wäre wahre Transparenz. Die Leser würden es danken, denn sie haben oft keine Ahnung.

Wulffereien auf Vorstandsebene

Ich nenne nur ein Beispiel:  Als im Frühjahr des Vorjahres die engagierte Wirtschaftsjournalistin eines namhaften Nachrichtenmagazins aufdecken wollte, dass es in einem großen Duft-Konzern stinkt, dass schmutzige Geschäfte in den Chefetagen wahrscheinlich das Unternehmen und die Aktionäre übel schädigen, da hat einer den Wulff gespielt, den ganz großen: Er rief gleich beim Vorstand des Verlages an, zu dem das Nachrichtenmagazin gehört – und von einer Minute auf die andere war die Reporterin kaltgestellt. Bei ihrer Recherche müsse sich es um ein Versehen handeln, sie sei für das Haus gar nicht tätig, wurde der Konzern, ein bedeutender Anzeigenkunde, beruhigt und befriedigt. Der abservierten Journalistin blieb der Gang zum Arbeitsgericht. Ende der Geschichte. Abfindung. Stillschweigeklausel. Der unbekannte Wulff triumphiert.

Die geprellten Aktionäre, die gutgläubigen Kunden, die interessierten Leser – niemand hat von dem Wirtschaftsskandal je erfahren. Denn die Chefredaktion, über deren Kopf hinweg entschieden wurde, hüllte darüber den Mantel des Schweigens.

Merke: Wenn der "mächtige Wulff" anruft, der von der Wirtschaft, dann muckt selten einer von den Medienleuten auf. Aber wer ist schon dieser Bundespräsident, der sich nicht einmal ein Häuschen kaufen kann, ohne einen Kredit aufzunehmen?  

Hubert-Jakob Denk
 

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