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Meinung | Mittwoch, 13. August 14

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Auf Floskelwolke Sieben

Die Blümchen in der Sprache ausrupfen!

Der Begriff „Floskel“ leitet sich aus dem Lateinischen ab. „Flosculus“ heißt übersetzt „Blümchen“. In den Texten meiner Zunft sprießen diese Blümchen wie Unkraut. Auf der Blümchenwiese der Medienlandschaft setzen zwei Kollegen jetzt die Sense an. Auf "Floskelwolke.de" nehmen sie den Unfug unter die Lupe.

Blümchensprache ist vergleichbar mit Blümchenkaffee. Wenn die Hausfrau mit Kaffeepulver spart, brüht sie dünnen, geschmacklosen Kaffee auf. Wenn dem Journalisten mangels Recherche die Fakten fehlen, liefert er dünne Texte mit faden oder aufgeblasenen Floskeln. 

Sebastian Pertsch und Udo Stiehl, zwei Nachrichtenredakteure, haben „Floskelwolke.de“ im Netz aufsteigen lassen. Sie wollen aufzeigen, wie häufig welche Floskeln falsch verwendet werden. "Grünes Licht geben", "Wetterchaos", "humanitäre Katastrophe"... Mithilfe von Google gibt es eine tägliche Rangliste und dazu Erklärungen, warum diese oder jene Phrase daneben ist. Es soll kein Pranger sein (die Phrasendrescher werden nicht genannt), eher eine anregende Plattform zur Sprachpflege. Zweimal täglich lassen sie rund 2.300 Medien nach derzeit 50 von ihnen festgelegten Floskeln durchsuchen. Hier geht´s zur Rangliste (Klick auf "Chart").

Pertsch, der Miterschaffer der Floskelwolke, erklärt in einem Interview mit dem Online-Magazin Meedia: „Was bringt es meinem Leser oder Zuhörer eigentlich, wenn ich von einem “furchtbaren Mord” berichte? Ich habe noch nie einen schönen erlebt. Wenn es keinen schönen Mord gibt, muss ich nicht erwähnen, dass er furchtbar oder schrecklich ist“.

Verheerende Fehler
Gleich am ersten Tag fühlten wir uns zweimal selbst ertappt. „Geisterfahrt fordert zwei Tote“. Völliger Blödsinn. Ereignisse können nicht sprechen, nichts postulieren, nichts fordern. Obendrein gaben wir dem Frontalzusammenstoß die Eigenschaft „verheerend“.  Magazine wie „Focus“ und Nachrichtenagenturen schrieben es nach. Aber: Bei einem Unglück mit zwei Fahrzeugen von „verheerend“ zu schreiben, ist absolut übertrieben. „Verheeren“ heißt laut Duden „in weiter Ausdehnung verwüsten“. Verheerend mag ein Orkan sein, der durchs Land zieht oder ein Krieg. Ein Frontalzusammenstoß richtet sicher keine Verwüstung an.

Wir Journalisten versteigen uns oft zu solchen Superlativen und Übertreibungen. Aus Effekthascherei, aus purer Gedankenlosigkeit? Ist es schon ein „Großeinsatz“, wenn in Passau zu einem Brand im Technikraum eines Geschäftszentrums zwei von vierzehn Stadtfeuerwehren ausrücken? Die Heimatzeitung sieht es so und garniert mit „Großeinsatz“ die Überschrift. Wie benennt sie dann einen Einsatz, bei dem wirklich alle Kräfte gebraucht werden? Mammuteinsatz, gigantischer Großeinsatz oder gleich Katastropheneinsatz? Auch die Floskel „Bild des Schreckens“ taucht bei Unfallberichten gerne auf. Aber sie gibt dem Leser eines bestimmt nicht, ein treffendes Bild vom tatsächlichen Geschehen.

Floskeln schleichen sich meist dann ein, wenn der Journalist zu wenig Fakten kennt. An solchen Stellen wäre es mutiger, dem Leser einfach zu sagen: „Weiß ich nicht, habe ich nicht nachgefragt, nicht in Erfahrung bringen können.“

Wir arbeiten fieberhaft daran
Wenn Sie bei uns künftig eine unsinnige Floskel entdecken, her damit! Wir streuen gerne Asche auf unser Haupt, wenn es einer klaren, treffenden Sprache dient. Die Fallstricke verbergen sich nicht selten in den Pressemitteilungen, die blindlings übernommen werden. Die Polizei ermittelt stets „mit Hochdruck“ oder „fieberhaft“. Gesetze werden von Politikern „nachgebessert“, obwohl sie schlicht „geändert“ werden und sich die Bedingungen danach verschlechtern können.

In der Floskelwolke schweben Begriffe wie diese:

“abgesegnet“
Verleiht Parlamenten bei Abstimmungen ungewollt religiöse Mythen und Nachrichtentexten einen leichte Weihrauchnote, die dort aber nichts zu suchen hat.

“Datendiebstahl“
Ist technischer Unfug. Werden Daten gestohlen bzw. geklaut, wird in fast allen Fällen nur eine Kopie erstellt. Die Originaldateien werden von den Dieben in der Regel nicht gelöscht.

“Menschen evakuiert“
Nach langjähriger Falschbenutzung inzwischen sogar vom Duden zugelassen. Menschen werden demnach "luftleer" gemacht oder "vollständig geleert". Das sollte eigentlich für die Gebiete gelten, aus denen sie in Sicherheit gebracht wurden.

“protestiert für“
Rutscht schnell ins Manuskript, wenn ein Synonym für "demonstriert für" zur Hand sein soll. Protest richtet sich jedoch grundsätzlich gegen etwas. Zum Beispiel gegen Demonstrationen, die sowohl für als auch gegen Proteste gerichtet sind.

“Thermometer fällt“
Wenn Herbst und Winter völlig überraschend einbrechen, gehen erstaunlich viele Thermometer kaputt, denn die Medien berichten von "fallenden" Messgeräten. Millionen Barometer und Hygrometer erleiden jährlich ähnliche Schicksale.

“Tote gefordert“
Ereignisse können nichts fordern. Der "Absturz eines Hubschraubers hat drei Tote gefordert" ist falsch. Bisher wurde noch kein folgenschweres Unglück mit dieser Forderung gehört. Abstürzende Hubschrauber sprechen nicht.

“am hellichten Tag“
Beschreibt sämtliche Tage, an denen keine komplette Sonnenfinsternis herrscht; also quasi den alltäglichen Zustand zwischen Sonnenauf- und Untergang. Formschön und sinnfrei.

“Blutbad“
Schiefes Bild. Mag auch viel Blut in einer gewaltsamen Auseinandersetzung geflossen sein, baden tut dennoch niemand darin.

“neue Innovation“
Alter Klassiker eines weißen Schimmels in dunkler Nacht. Auch die tote Leiche kommt der neuen Innovation gefährlich nahe.

“sintflutartiger Regen“
Übertreibung in der Wetter-Berichterstattung: Kann durch "sehr starken Regen" oder "ungewöhnliche hohe Regenmengen" eimerweise sachlicher beschrieben werden, ohne Noah um Rat zu bitten.

“auf offener Straße“
Hier ist eigentlich "vor aller Augen" oder in "aller Öffentlichkeit" gemeint. Frage nach dem Gegenteil: Gibt es geschlossene Straßen, die nicht gesperrt sind? Und werden die nicht als "Tunnel" bezeichnet?

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