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Meinung | Montag, 30. Juli 18

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Die Tocotronics gibt es seit 1993: Gitarrist Rick McPhail, Arne Zank am Schlagzeug, Sänger Dirk von Lowtzow und Bassist Jan Müller. (Foto: mediendenk)
Nachtkritik zum Eulenspiegel-Schlusskonzert

Heißes Hamburger Finale mit Tocotronics

Es wird die wärmste Nacht des Jahres werden. Die Temperaturen sinken selbst am Fluss nach Mitternacht nicht unter 20 Grad. Eine mollige Frau im hellbeigen Kleid fächelt sich unter der blauen Kuppel im schwülheißen Zelt mit einem schwarzen Fächer Wind zu. Die Umstehenden genießen mit. Ein hagerer Typ, ergrautes Haar, tänzelt mit drei Halbliterkrügen kühlem Bier durch die lockeren Reihen, um seine Kumpels am Absperrgitter zu bedienen. "Ihr seid irre, aber toll!“, ruft der Sänger der Band vor der zweiten Zugabe. Jetzt jubeln sie noch mehr.

600 alte und neue Fans aus dem Passauer Land waren gekommen, um eine Hamburger Band zu feiern, die Kleinkunstveranstalter Till Hoffmann zu ihrem 25-jährigen Bühnenjubiläum nach Passau geholt hat. Es ist das Schlusskonzert des Eulenspiegel-Festivals. Die vier gereiften Musiker von „Tocotronics“, an der Spitze der 47-jährige Denker, Textdichter und Sänger Dirk von Lowtzow,

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Alte und neue Tocotronic-Fans im Eulenspiegel-Zelt. (Foto: mediendenk)
„Ich habe sie das erste Mal gehört, einfach Klasse!“, schwärmte vor dem Nachhauseweg Stefan Brandl, der ehemalige Redaktionsleiter der „Passauer Woche“. Selbst der Leiter der PNP-Kulturredaktion, Raimund Meisenberger, der nach eigenem Bekunden mehr auf „härtere Sachen“ steht, war neugierig geworden und hatte sich seine Rezensionskarte abgeholt.

Es schien, als hätten die vier Männer auf der Zeltbühne vor dem kleinen Publikum in Passau mehr Spaß als zuletzt vor 25.000 Zuschauern auf der Berliner Waldbühne. Stellenweise wähnte man sich bei einem Rockkonzert gegen Rechts. Von Lowtzow warnte vor Politikern, die jetzt wieder von „Heimat und Grenzen“ reden. Das neue Album „Die Unendlichkeit“ zielt gegen Spießbürger und Ausgrenzer. „Hey Du, was starrst du mich so an? Bin ich was, was du nicht kennst, weil du mich Schwuchtel nennst?“

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Dirk von Lowtzow gibt in den Texten viel über sein Leben preis. Als Kind im Keller an der E-Gitarre übend träumte er sich in die Welt der Rockstars. (Foto: mediendenk)
Tocotronics hat im Eulenspiegelzelt eine bunte Mischung aus alten und neuen Fans ins Schlepptau genommen. Männer mit Dutt, Bart und Bierbauch, Frauen in Hotpans, mit Handtaschen und Sommerkleidern. Sie finden in den Texten sich wieder in banalen oder anrührenden Szenen, die der Sänger seiner Biografie entnommen hat. Die Gitarren jaulen, das Schlagzeug hämmert, der Bass hämmert. Das Zelt virbiert. Sonntagabend in Passau ist alles andere als tote Hose. 

Weit nach Mitternacht, die Tropenhitze hat den Inn an der Ortspitze auf einen Niedrigpegel von 1,50 Meter verdunsten lassen, erzählen an Strandkörben und Gartentischen die Konzertteilnehmer den Unbeteiligten, was sie versäumt haben. Hamburg hat Passau geküsst und die Dreiflüssestadt hat die Hansestadt umarmt. Tocotronics lässt es spüren: Von der Elbe bis zur Donau schlagen furchtlose Herzen im Takt.  

Nächstes Jahr feiert das Eulenspiegel-Zeltfestival 25-jähriges Jubiläum. „Da muss er wohl ein zweites Zelt anbauen“, scherzt ein Beobachter angesichts der vielen ausverkauften Veranstaltungen in diesem Jahr. Aber Kleinkunstveranstalter Till Hofmann lässt sich nicht irremachen. "Es wird alles bleiben wie es ist", sagt er. Beiläufig fügte er an, dass das Abschlusskonzert heute sein persönlicher Favorit gewesen ist.

hud/ Fotos: mediendenk

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