Google-Anzeigen

Meinung | Sonntag, 15. April 18

bild_klein_0000013334.jpg
Der Herzog in Gummstiefel auf seinem Thron: Kyung Chun Kim (Alfonso) mit Yitian Luan (Lucrezia) und Victor Campos Leal (Gennaro). (Foto: Peter Litvai)
Nachtkritik

Opern-Wahnsinn im Wasser

Bei der Flut 2013 hatte der Inn die Bühne des Passauer Opernhauses knapp verschont. Jetzt war sie von Wasser knöcheltief geflutet. Die Sängerinnen und Sänger wateten darin, verspritzten es bis in den Orchestergraben, zuckten im Sterben wie die Wellen im Nass. In der verspiegelten Decke verdoppelte sich ihr Todeskampf.

Nein, dies sind nicht die Szenen einer Katastrophe, sondern der genialen Inszenierung einer Belcanto-Oper im Passauer Opernhaus. Das Landestheater Niederbayern hat sich in diesem Genre einmal mehr übertroffen.

bild_klein_0000013332.jpg
Packende Eröffnungsszene vor dem eisernen Theatervorhang: Yitian Luan als verzweifelte Lucrezia. (Foto: Peter Litvai)
Der italienische Komponist Gaetano Donizetti (1797-1848) widmete sich dem Stoff einer tragischen Frauenfigur der Renaissance: Fürstin Lucrezia Borgia, uneheliche Tochter eines Papstes, die sich als Mädchen dem Machtstreben ihres Vaters unterwerfen musste, später als mächtige Fürstin an den Männern Rache nahm. Giftmischerin, Ehebrecherin, Blutschänderin!

In der Hauptrolle, die einzige Gastrolle des Abends, die preisgekrönte chinesische Sopranistin Yitian Luan. Eine Königin des Belcanto-Gesangs, welcher die Regie in den schwierigsten Partien zusätzlich körperlichen Einsatz abnötigt. Zu Boden geworfen, liegend, kriechend, mit Atemschutzmaske und Megaphon entlockt sie ihrer Kehle in extremsten Lagen glasklare Töne, verwandelt im Schlussakt Schmerzensschreie in schönste Musik. Von der ersten Minute an, bei ihrem Klagelied vor dem geschlossenen Feuervorhang, hat Yitian Luan das Publikum für sich gewonnen.

Den Opern-Wahnsinn geboren haben Roland Schwab (Inszenierung) und Christl Wein (Bühne und Kostüme). Eine Herausforderung für die Haustechniker, die Wasserspiele und Lichtstrom gefahrlos kombinieren müssen; das Orchester im Graben spielt erstmals unter eine Spritzschutzdecke, damit die kostbaren Instrumente nicht nass werden. Eine Herausforderung für die Mitwirkenden, vom Chorsänger bis zu Operndiva; mal in Gummistiefeln watend, mal nass bis zu den Knien; sie kriechen aus Plastiksäcken oder verharren gefühlt stundenlang als Theaterleichen.

bild_klein_0000013337.jpg
Ein Kellern mit Gasmaske serviert das Gift: Mit nackten Oberkörpern spielen die Chorsänger die dem Tod geweihte Festgesellschaft. (Foto: Peter Litvai)
Starker Einsatz, starke Stimmen: der mexikanische Tenor Victor Campos Leal, der den unglücklichen Gennaro spielt, den heimlichen Sohn von Lucrezia, der erst sterbend in deren Armen erfährt, dass sie seine Mutter ist; die Berliner Mezzosopranistin Sabine Noack, Bart und Irokesenfrisur, die in der Hosenrolle des hasserfüllten Maffio Orsini das Messer gegen die Fürstin richtet; der koreanische Bariton Kyung Chun Kim in der Rolle des eifersüchtigen Ehemanns von Lucrezia, Herzog Alfonso, der deren Sohn als Nebenbuhler verkennt und ihn töten will.

Die Regie lässt dem Publikum keine Verschnaufpause. Wohin zuerst schauen? Auf dem Balkon über dem rechten Parkett verkündet Herzog Alfonso (Kyung Chun Kim) seine Mordlust und legt die Langwaffe an. Der rote Lichtpunkt wandert von der Decke zur Bühne. Vom Balkon gegenüber versucht ein Vertrauter des Herzogs (Mark Watson Williams) das Schlimmste zu verhindern. Unten auf der Wasserfläche tanzen, anhnungslos der Gefahr, weintrunkene Männer. Wen wird die erste Kugel treffen?

bild_klein_0000013330.jpg
Wasser, Spiegel, Nebel: Szene mit Victor Campos Leal (Gennaro) und dem Herrenchor. (Foto: Peter Litvai)
Die tragische Oper endet mit einer beklemmenden Parallelität zu aktuellen Ereignissen. Massenmord durch Giftgas. So entledigt sich Lucrezia in dieser modernen Inszenierung der feindseligen Festgesellschaft. Nur ihre Bediensteten, ihr Spion (der argentinische Tenor und Publikumsliebling Oscar Imhoff) und sie selbst haben Atemschutzmasken aufgesetzt. Das Giftgas strömt ein. Dichter weißer, süßlich schmeckender Theaternebel wabert durchs Parkett. Die Darsteller husten und manche im Publikum auch.

So hautnah und packend wie diese Oper kann das beste 3-D-Kino nicht sein. Man muss es erleben!

Hubert Jakob Denk

***


LUCREZIA BORGIA

Oper von Gaetano Donizetti

Musikalische Leitung Basil H. E. Coleman, Inszenierung Roland Schwab, Bühne & Kostüme Christl Wein, Choreinstudierung Eleni Papakyriakou;

 

BESETZUNG

Alfonso d‘Este, Herzog von Ferrara                 Kyung Chun Kim
Lucrezia Borgia, seine Frau                             Yitian Luan
Gennaro                                                            Victor Campos Leal
Maffio Orsini                                                     Sabine Noack
Rustighello, Vertrauter Alfonsos                       Mark Watson Williams
Gubetta, Spion Lucrezias                                  Oscar Imhoff
Astolfo                                                               Alwin Schmidt
Jeppo Liverotto                                                Moritz Kugler
Ascanio Petrucci                                              Peter Tilch
Don Apostolo Gazella                                      Michael Kohlhäufl
Oloferno Vitellozzo                                          Joachim Roth              

Niederbayerische Philharmonie
Chor des Landestheaters Niederbayern

Investieren Sie in die freie Presse!

Ihnen hat dieser Artikel genützt oder gefallen? Sie möchten auch weiterhin die Passauer Online-Zeitung Bürgerblick, ein Angebot im Netzwerk der freien Presse, lesen? Dann unterstützen Sie uns, indem Sie für dieses Angebot nach eigenem Ermessen bezahlen. Jeder Cent zählt. Einfach und bequem per Paypal.

10:45
Mittwoch
18. Juli 2018
 
Bitte klicken Sie diese Förderer
und Freunde der freien Presse:

SOCIAL MEDIA

KULTURKALENDER
18.07. | Mittwoch
ORTSPITZE
Eulenspiegel Poetry-Slam
 

Dichterwettstreit, bei dem jeder Teilnehmer sechs Minuten Vortragszeit hat.  Den Sieger bestimmt das Publikum.


20:00 Uhr | 12 Euro

Google-Anzeigen