Google-Anzeigen

Meinung | Samstag, 22. September 18

bild_klein_0000014488.jpg
Auspuffrohr.
Scheuer und der Dieselskandal

Wer betrügt, wird belohnt?

Die Profiteure des Abgasbetrugs sollen belohnt werden.

Verkehrsminister Andreas Scheuer will den Verkauf von neuen Dieselfahrzeugen ankurbeln, das kann der Autoindustrie nur recht sein. "Den Besitzern alter Diesel müssen höchst attraktive Angebote gemacht werden", hat er der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" gesagt.

Millionen Dieselfahrzeuge würden also vorzeitig auf dem Schrott landen. Das klingt nach einer katastrophalen Ökobilanz. In Deutschland hat ein Auto eine durchschnittliche Lebensdauer von neuneinhalb Jahren.

Scheuer hatte sich hartnäckig dagegen gewehrt, dass die Abgasreinigungstechnik nachträglich umgerüstet wird. Diese Haltung ist wahrscheinlich ebenfalls im Sinne der Autohersteller, die lieber Neuwagen verkaufen als an den bereits Verkauften herumzubasteln, noch dazu auf eigene Kosten.

Scheuers vermuteten Handschlag mit der Autolobby spricht zwar keiner aus, aber die Opposition widerspricht. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) stellt sich gegen Scheuers Pläne. Jetzt legte auch Kanzlerin Merkel ihr Veto ein. Morgen gibt es ein Vieraugengespräch mit dem Passauer Spitzenpolitiker.

Die Pressemitteilungen des Bundesverkehrsministeriums und Scheuers Sprachrohr, die FAZ, verschleiern geschickt, dass der Verkehrsminister die Verursacher des Dieselskandals nicht unter Druck setzt, sondern ihnen entgegenkommt.

Rund 15,5 Millionen Dieselfahrzeuge sind in Deutschland zugelassen, davon erfüllen 3,8 Millionen die Abgasnorm Euro 6, 5,6 Millionen Euro 5 und 3,1 Millionen Euro 4; die restlichen 3 Millionen sind die die älteren, schmutzigen Diesel.

Grünen-Verkehrsexperte Oliver Krischer hat erklärt, dass nur über Nachrüstung der Euro-5-Diesel, der größten Gruppe, das Schlimmste verhindert werden könnte. Scheuer behauptet, dass "bestenfalls zwei Millionen Fahrzeuge technisch nachgerüstet werden“ könnten; nur diesen hätten Platz für den Einbau.

Bei den Diesel-Fahrzeugen der Euro-4-Norm sei der Einbau einer modernen Abgasreinigungsanlage nicht möglich, wird Scheuer zitiert. Und weiter: „Wir sollten in erster Linie nur da nachrüsten, wo es technisch und wirtschaftlich möglich ist. Am meisten Sinn macht das bei Bussen und kommunalen Fahrzeugen."

Hat der Verkehrsminister sein Versprechen schon vergessen, dass er vorantreiben wollte: vorrangig Busse und kommunale Fahrzeuge auf elektrischen Antrieb umzustellen?

Der Abgasskandal wird im Autoland Deutschland oft heruntergespielt und schön gerechnet. Dabei ist die Lage bitterernst: Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof in München droht der bayerischen Staatsregierung im Abgasstreit in letzter Konsequenz mit Erzwingungshaft gegen Amtsträger. Von Audi bis Porsche gab und gibt es Verkaufssperren und Rückrufaktionen.

Während die Politik die Samthandschuhe anzieht, zeigt die Justiz das, was Scheuer so oft beschwört: klare Kante. Der Audi-Vorstandsvorsitzende Rupert Stadler sitzt seit Juni in Untersuchungshaft, der VW-Konzern schluckt widerspruchslos ein Bußgeld von einer Milliarde Euro. Die Münchner Staatsanwälte ermittleln gegen BMW, dort werden Tausende hubraumgroße Wagen zurückgerufen. Hunderttausende Rückrufe gab es bei Mercedes. Porsche-Entwicklungsvorstand Wolfgang Hatz kommt nach neun Monaten Untersuchungshaft gegen drei Millionen Euro Kaution frei, hat Kontaktsperre mit Ex-VW-Chef Martin Winterkorn. Der Sportwagenhersteller will überhaupt keine Diesel mehr produzieren.

Der Krimi der Autoindustrie ist der wohl größte Wirtschaftsskandal der Nachkriegsgeschichte. "Fünfmal Haft, 70 Beschuldigte", fasst das Handelsblatt diesen Sommer des Abgasskandals zusammen. Die Betrogenen sind Millionen deutscher Autofahrer und Leidtragende seit jeher alle diejengen, die am Straßenrand atmen.

Bezahlte Betrüger mit "weißer Weste"
Die Betrüger, die in diesem Krimi stets eine weiße Weste behalten, weil sie fürs Betrügen bezahlt werden, sind übrigens die Vertreter der Werbebranche. Es werden "Innovationen" angepriesen, die keine sind, der "saubere Diesel" wurde zur größten Lügenwerbekampagne. Spritschluckende Monstermaschinen werden als Gewinnbringer für Freiheit und Abenteuer verkauft. Die Autowerbung spielt mit Gefühlen wie seinerzeit Marlboro mit seinem Cowboy; den übrigens der Lungenkrebs dahinraffte. Den Geruch von Freiheit und Abenteuer vermittelt uns nach dem Tabakwerbeverbot nicht mehr der Glimmstängel, sondern offenbar das chromverkleidete Abgasrohr.

Dumme Frage: Warum wird Werbung für Verbrennungsmotoren eigentlich nicht verboten, wo sie doch nachweislich kaum weniger gesundheitsschädlich sind als Zigaretten?

Verbraucher haben im Abgasnebel den Durchblick verloren, Politiker auch. Die Giftmischungen, welche Motoren mit fossilen Brennstoffen in die Umwelt entlassen, sind mannigfach.

  • Kohlendioxid, CO2, das Treibhausgas, verantwortlich für die Erderwärmung, hat den Diesel nach vorne gebracht, denn bei den Verbrennungsmotoren sind die durstigeren Benziner das größere Problem; schwere, PS-starke SUVs haben jedoch den Vorteil der Dieseltechnik zunichte gemacht.
     
  • Stickoxide, die ätzenden Atemgifte, sind in Städten ein akutes Problem geworden. Sie entstehen vor allem durch den hohen Einspritzdruck moderner Dieselmotoren. Die alten Diesel rußen (Feinstaub), aber produzierten dieses Atemgift kaum. Dieselmotoren erzeugen – bei Turboladern besonders stark – wesentlich mehr Stickoxide als Benziner.
     
  • Feinstaub, das Lungengift, entsteht durch den Abrieb der Reifen und Bremsbeläge oder entlassen die Auspuffrohre alter Diesel ohne Partikelfilter. Viele Autofahrer dürften sich gar nicht bewusst sein, dass sie in den Städten mit Kavalierstarts an der Ampel, mit "sportlichem" Fahrverhalten (Vollgas, Vollbremsung) ihr Selbstwertgefühl steigern, aber den Mitmenschen noch mehr schaden.

Um Irrsinn des Energieverbrauchs zu veranschaulichen, den der Mensch als mobiles Individuum vergeudet, nehme ich gerne dieses Beispiel: Stellen Sie sich eine Ameise vor, die auf die wahnwitzige Idee käme, sich einen Rucksack ihres zehnfachen Körpergewichts umzuschnallen, um zehnmal schneller voranzukommen als sie laufen kann. Jeder, der alleine sein Auto besteigt, um von A nach B zu kommen, benimmt sich wie diese Ameise. Von ihren bodenständigen Artgenossen würde sie wohl als geisteskrank angesehen werden, aber wahrscheinlich auch Bewunderer finden. "Darf ich mir auch Mal Deinen Rucksack ausleihen?" Fazit: Ein schnelles Auto zu fahren ist eine faszinierende, aber eine mit ziemlicher Sicherheit verantwortungslose und unvernünftige Handlung. Dass es "alle" machen, macht es nicht besser.

Eine Verkehrswende wäre dringender denn je, doch der Aufruf "Wir müssen die Umwelt schützen!" rührt die meisten Mobilisten nicht. Sie vernehmen darin den Zwang, individuelle Freiheit und Unabhängigkeit aufzugeben, sehen Lebensqualität schwinden. Es müsste das Bewusstsein geschärft werden, dass es um uns selbst geht. Wir haben nach aktueller Perspektive nur diesen Heimatplaneten. Saubere Luft, trinkbares Wasser, unbelastete Nahrung, menschentaugliches Klima sind unverzichtbare Lebensgrundlagen. Der Erde, die Feuer- und Eiskugel war, dürfte es ziemlch egal sein, ob sie im menschgemachten Treibhausgas erstickt. Im Gegenteil, es könnte ein Befreiungsschlag sein, ihre größten Ausbeuter abzuschütteln.

Solange der Mensch das Steinzeitalter der Mobilität nicht verlässt, unter der Motorhaube ein Feuerchen entfacht, um vorwärts zukommen, fährt er mit Vollgas seine Zukunft gegen die Wand.

Investieren Sie in die freie Presse!

Ihnen hat dieser Artikel genützt oder gefallen? Sie möchten auch weiterhin die Passauer Online-Zeitung Bürgerblick, ein Angebot im Netzwerk der freien Presse, lesen? Dann unterstützen Sie uns, indem Sie für dieses Angebot nach eigenem Ermessen bezahlen. Jeder Cent zählt. Einfach und bequem per Paypal.

17:30
Dienstag
16. Oktober 2018
 
Bitte klicken Sie diese Förderer
und Freunde der freien Presse:

SOCIAL MEDIA

KULTURKALENDER
16.10. | Dienstag
Keine Einträge

Google-Anzeigen