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Nachrichten | Mittwoch, 16. Mai 18

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Passau-Hals: Der Flutschutz verwandelt die westliche Uferstraße in eine betonierte, von Mauern beflankte Rampe ähnlich der Ilzstadt. Diese ist Ende der 1960er Jahre für den Hochwasserschutz "totsaniert" worden.
Technischer Hochwasserschutz

"Verbrechen an der Heimat"

Hausfrauen diskutieren am Marktplatz darüber, Schüler teilen es auf dem Handy, Anwohner fragen sich besorgt: „Was kommt da auf uns zu?“ Das Animationsvideo über die geplante Flutverbauung im Stadtteil Hals entsetzt die Bürger. Es ist für sie der Beweis, dass Rathaus und Wasserwirtschaftsamt ihre Glaubwürdigkeit verloren haben. Kommt der nächste Schock bei der Visualisierung der Innpromenade? Auf Infoveranstaltungen werden mit gefälligen Zeichnungen und abgewogenen Worten die Hochwasserprojekte schöngeredet. 

Das Ziel der Stadtregierung hat der Oberbürgermeister oft genug formuliert: Jetzt so viel Hochwasserschutz wie möglich bauen, denn dieses Geld vom Staat gäbe es nie wieder. Um dieses Ziel durchzusetzen, werden schon mal die Argumente gewechselt und Dinge ausgeblendet.

"Verbrechen an der Heimat"
Dieser Hochwasserschutz sei ein „Verbrechen an der Heimat“ hat der Vereinsvorsitzende vom „Forum Passau“, Friedrich Brunner, gestern auf einer Mitgliederversammlung gesagt. Er wird es heute fürs Mikrofon des Bayerischen Rundfunks wiederholen. Sein hartes Urteil gilt der geplanten Zerstörung des Naturdenkmals „Kastanienallee“, die Parkanlage der Innpromenade. Dies gelte genauso für das, was in Hals geschieht, betont er. Das Animationsvideo habe die Bürger geschockt. In Hals seien jedoch keine Aktionen geplant. Mit der Bewahrung der Innpromenade fühlten sich die Forumsleute an der Spitze der Bürgerinitiative „Rettet die Innpromenade“ genug gefordert.  

Flutmauer in Passau-Hals gegen die Ilz from Bürgerblick on Vimeo.

In Hals hat sich offener Widerstand nie formiert. Dieser abgelegene Stadtteil führt das Eigenleben eines Dorfes. Die Handvoll Hausbesitzer, die den Schutz einfordern, sind lauter als die Gegner. Sie sind gut vernetzt in Vereinen, im Kirchenchor oder im Pfarrgemeinderat. Das Thema "Flutmauer" gefährdet die gut funktionierende Dorfgemeinschaft. Man redet besser nicht drüber. Ansässige Geschäftsleute, die gegen den gravierenden Eingriff ins Ortsbild sind, können sich nicht erlauben, offen Position zu beziehen. „Wir würden Kundschaft verlieren“, sagt eine Verkäuferin.*

Mauergegner wollen Dorffrieden nicht stören

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Ein ÖDP-Stadtrat spricht nach dem Schock-Video mit dem Lokalfernsehen. Er ist offenbar der einzige Flutmauergegner, der sich vor die Kamera traut. (Photo: Bürgerblick)
An der baumbepflanzten Halser Ilzpromenade, „Esplanade“ genannt, die für die geplante Flutmauer weichen muss, hat heute ein Kamerateam vom Lokalfernsehen einen ÖDP-Stadtrat interviewt, der gefühlt einen einsamen Kampf gegen den Halser Hochwasserschutz führt. Er ist Mitglied im Bund Naturschutz. Als Interviewpartner war ein prominenter Halser Bürger vorgesehen, der die Flutverbauung kritisch sieht. Er hat kurzfristig abgesagt.

Hals, das Video führt es dramatisch vor Augen, wird sein Gesicht, seinen Charme verlieren. Das Ilzer Hochwasser ist eine Flut, die still wie ein See liegt, aber schnell wie ein Pfeil kommt. Das schwarze Moorflüsschen staut sich meterhoch auf, wenn an der Mündung seine starken Brüder Donau und Inn ihre Ellenbogen zeigen. Die Halser haben seit Generationen mit dem Ilzhochwasser gelebt. Wie die Altstädter richteten sie ihre Häuser darauf ein. Die Erdgeschosse im Ernstfall zu räumen, ist Passauer Routine seit dem Mittelalter. 

Es ist offenbar die neue Generation, die auf den Schutz pocht. „Das sind nicht mehr die alten Hausbesitzer, sondern Erben oder neue Käufer“, erklärt ein Bewohner dieses Ilztals, der die Infoveranstaltungen besucht hat. Mauergegner seien dort unerwünscht gewesen. Seiner Beschreibung nach gäbe es drei Familien, die sich besonders lautstark für den Hochwasserschutz einsetzten. Sie betrachteten jeden Kritiker als persönlichen Feind.

Am 4. Juni werden die Pläne festgeklopft
„Darüber müssen wir diskutieren“, hat Oberbürgermeister Jürgen Dupper nach der Präsentation in der Stadtratssitzung gesagt. Die Betroffenheit der Stadträte nach dem Animationsvideo hatte ihn nicht kalt gelassen. Leere Worte? Am 4. Juni soll das Planfeststellungsverfahren beginnen. Gibt es eine weitere Bürgerversammlung? Der Halser Hochwasserschutz an der Ilz ist im Gegensatz zum Hochwasserschutz an der Innpromenade auf der Zielgeraden. „Noch gibt es ein Zurück“, sagt ein Halser Stadtrat. Zum Beispiel muss das Geld vom Finanzausschuss freigegeben werden. Bei einer Investition mit zweistelliger Millionensumme bleibt für die Stadt trotz Förderung ein großer Batzen hängen. 

Flutschutz Hals: Kosten verdoppelt?
In April 2014 schrieb die Stadtverwaltung, die Gesamtkosten der Maßnahme würden voraussichtlich 5,4 Millionen Euro betragen. Die Stadt Passau trage die Hälfte. Drei Jahre später: Der angebliche Schutz für etwa 15 Häuser sei nur erreichbar mit einem Aufwand von 10 Millionen Euro, pro Haus 650 000 Euro, kritisiert Naturschutzbund-Vorsitzender Karl Haberzettl. In diesen Kosten seien Straßenausbaukosten nicht eingerechnet. Seine Darstellung blieb offensichtlich unwidersprochen. Nach neuen Schätzungen könnte das Projekt an die 15 Millionen Euro verschlingen. Hier die Pläne vom Wasserwirtschaftsamt. 

Hochstein zwei Jahre abgehängt?

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Hals an der Ilz. Der Flutschutz würde das Ortsbild gravierend verändern.
Die rund 200 Einwohner im flussaufwärts von Hals gelegenen Ortsteil Hochstein befürchten, dass die Großbaustelle für sie zum unzumutbaren Verkehrshindernis auf dem Weg von und zur Stadt wird. Die Ilztalbewohner hätten zudem auf lange Zeit Staub, Lärm und Erschütterungen zu ertragen; die Bauzeit sei mit eineinhalb Jahren „sportlich veranschlagt“, es könne länger dauern, haben die Zuhörer in der letzten Infoversammlung erfahren. Was viele Bürger verwundert: Probebohrungen wie an der Donau (nördlicher Neumarkt) und Inn (südlicher Neumarkt) hat es in Hals bis heute nicht gegeben. "Wenn keiner weiß, wie die geologischen Gegebenheiten sind, wie  können dann Kosten kalkuliert werden?", fragt ein Ingenieur, der im Ilztal wohnt. Hier werde ein Pferd von hinten aufgezäumt. Ähnlich sei die Situation bei der Innpromenade.  

Technischer Hochwasserschutz erfordert Zwangsevakuierung

Die Stadt treibt den Hochwasserschutz voran, sieht die Kostenzusage des Staates als einmalige Chance.

Wollt Ihr lieber das Leben von Menschen auf Spiel setzen, unsere Häuser absaufen lassen, im Ernstfall Evakuierungen erzwingen? So fragen die Verteidiger der Flutschutzprojekte provokant. Die Wahrheiten, die dabei ausgeklammert werden:

  • Die Keller hinter der Flutschutzmauer werden nach wie vor absaufen, denn die Pumpen können nur das Oberflächenwasser fernhalten, die Häuser bleiben also nicht trocken;
  • Die Passauer Chroniken der Neuzeit kennen keine Flut, in der ein Bürger im Hochwasser umgekommen wäre; das Leben an den drei Flüssen meistern die Passauer im Flutfall offenbar seit Generationen mit Gelassenheit und Routine. Zweifellos hat 2013 die Passauer an ihre Grenzen gebracht, aber ihren Gemeinschaftssinn gestärkt;
  • Hinter den Flutmauern wird es im Ernstfall kein Leben geben, sondern Stillstand. Aus Sicherheitsgründen - ein Bruch der mobilen Elemente würde zu schlagartigem Wassereinbruch führen - müssen die Gebäude und Straßen der technisch geschützten Gebiete evakuiert werden. In den Infoveranstaltungen wird das vielleicht oft zu wenig betont. Die Stadt muss Pläne zur Zwangsevakuierung erstellen, die es vor dem technischen Schutz überhaupt nicht gegeben hat.  

In der Bürgerblickausgabe Nr. 114, April 2018, haben wir eine Reportage dem Halser Hochwasserschutz gewidmet. In Kürze werden wir ihn kostenlos ins Netz stellen. An dieser Stelle ein Dankeschön an alle Leserinnen und Leser, die mit dem Kauf des Magazins am Kiosk oder im Abo unsere Reporterarbeit unterstützen.

*zensiert auf Wunsch von Betroffenen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

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