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Report | Mittwoch, 17. Januar 18

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Rosenau: Alte Technik wieder in Gang bringen: Zwei Helfer hantieren an einer Weiche, die sich festgesetzt hat. (Foto: Tobias Köhler)
Stillgelegte Strecke

Frühling für Lokalbahn

Für die Freunde der Wiederinbetriebnahme der Granitbahn Passau-Hauzenberg geht es gerade um alles oder nichts: Schaffen sie es, die städtische Teilstrecke zwischen Voglau und Grubweg bis Ende Februar vorschriftmäßig freizuschneiden? Letzten Samstag haben zwölf Helfer das Doppelte des geplanten Arbeitspensums geschafft, morgen um 8 Uhr geht es weiter. Zur Motivation ein Beitrag, der im Bürgerblick-Magazin Nr. 104/ April 2017 erschien.

Manches erinnert an die Widerstände vor der Reaktivierung der Ilztalbahn. Kritiker beherrschen die Medienberichte. Die Bahnfreunde werden von manchen Gegnern sogar für verrückt erklärt. Dabei ist die Wahrheit: Dieser Frühling gehört der Granitbahn. Sie ist auf dem besten Weg, ihr erstes Etappenziel zu erreichen: Freie Fahrt vom Hauptbahnhof bis zum Hafen Lindau.

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Chef mit Unimog Granitbahn-Geschäftsführer Hanns Wiegel, 60, auf der Kräutel-steinbrücke mit dem wichtigsten Arbeitstier. Mehr zur Technik des Unimogs? Weiterlesen! (Foto: Tobias Köhler)
Der alte Dieselunimog, gestützt auf Schienenrädern, brüllt und stinkt. Sein Anhänger rattert mit teilweise ohrenbetäubendem Lärm übers Gleis, aber der Blick auf die vorbeiziehende Landschaft ist herrlich. Zwei Bahnstreckenarbeiter genießen ihn. Sie stehen mit orangefarbenen Warnwesten auf der Plattform des Anhängers, halten sich an dessen Metallstangen fest. Unter ihnen plätschert der Haibach in seinem neuen Bett aus Granitblöcken, in einer schmalen Schlucht hinter der Zahnradfabrik krallen sich hohe schlanke Bäume mit ihren Wurzeln an den Fels, zur Rechten grüßt die Holzskulptur der Donaunixe, hinter ihr glitzert im Sonnenlicht zwischen frühlingszartem Grün der Fluss.
„Wir müssen den Bürgern den Reiz dieser Strecke zeigen, damit sie verstehen, was für ein Gewinn diese Bahnstrecke ist“, sagt der Mann in der Fahrerkabine des gelben Schienenbaufahrzeugs. Er stellt sich eine Kamerafahrt entlang des Innstadtbahngleises vor, aus der späteren Zugfensterperspektive: Das farbenfrohe Altstadtpanorama der Dreiflüssestadt leuchtet in der Mittagssonne, im grünen Inn lässt sich ein weißes Ausflugsschiff flussabwärts treiben; die Postkartenansicht wird gekrönt von der Veste Oberhaus.

Unimogfahrer Alex Selbitschka, dunkelblond, kräftig, ist kein Träumer, sondern ein zupackender Typ. Der gebürtige Grubweger arbeitet als Kirchenrestaurator in Fürstenstein, an seinen Wochenenden schuftet er als freiwilliger Helfer für die Reaktivierung der Granitbahn. „Förderverein Lokalbahn Hauzenberg-Passau e.V.“ steht auf dem Rücken seiner Warnweste.  Der 24-Jährige ist wohl eines der fleißigsten Mitglieder des 2007 gegründeten Vereins. „Mein Urgroßvater war Leiter des Bahnbetriebswerkes“, erzählt er. Als Bub habe er noch erlebt, wie die Güterzüge in die Zahnradfabrik rollten. Das habe ihn fasziniert. Er wohnte nicht weit vom Bahnübergang in der Neuen Schulbergstraße.

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Zweiwege-Unimog: Alex Selbitschka, 24, ist mit dem Spezialfahrzeug fast jedes Wochenende im Einsatz. Von Beruf ist er Kirchenrestaurator. (Foto: Tobias Köhler)
Nach dem Vorbild der vor sechs Jahren reaktivierten  Ilztalbahn (Passau-Freyung, Saisonstart am 17. Mai) wollen Bürger wie Selbitschka diesem alten Schienenweg eine neue Chance geben. „Wir werden nicht alle Verkehrsprobleme dieser Stadt lösen, aber wir werden sehr wohl zur Entlastung beitragen“, versprüht Heidi Bauer, die Vorsitzende des Fördervereins, Optimismus. Ihr Verein zählt rund 170 Mitglieder.

Wer einmal bewusst diese Strecke abgefahren ist, erkennt die vielen Möglichkeiten: Kreuzschifffahrtstouristen könnten auf der Schiene zwischen Hauptbahnhof und Hafen Lindau pendeln, Panoramablick inklusive; das vermeidet den Busverkehr über Anger und Ilzstadt. Ein Pendlerparkplatz am Bahnhof Lindau könnte den Verkehr auf der Straße weiter entlasten. Die an Einwohnerzahl wachsende Innstadt wäre unabhängig von der Marienbrücke - über die Schiene angebunden an die Stadtteile jenseits des Inns... .
Bis zum Hochwasser 2002 war diese Bahnstrecke intakt. Zuletzt rollten einige wenige Güterzüge. Die Eisenbahnfreunde benutzten sie mit ihrem roten Schienenbus für Ausflugsfahrten. Doch nach der Überschwemmung zeigte die Deutsche Bahn kein Interesse daran, die Schienen zu säubern und legte sie still. Sie verpachtete das Gleis an die Bayerische Regionaleisenbahn (BRE), welche es im Dezember 2014 erworben hat. Der Name Granitbahn rührt von der ursprünglichen Bestimmung her: Sie diente der Granitindustrie in Hauzenberg.

Am 15. November 1904 fuhr der erste Zug von Passau nach Hauzenberg. Selbitschkas „Zweiwege-Unimog“ ist nach 15 Jahren Stillstand das erste motorisierte Fahrzeug auf diesen Schienen. Er kann mithilfe von Stützrädern zwischen Straße und Gleis wechseln. Die Einsätze enden am Stützpunkt in der Rosenau. Hier laden die Helfer Äste und Zweige vom Anhänger ab, Schnittgut, das sie neben der Strecke aufgelesen haben. Der Haufen am ehemaligen Rosenauer Bahnhof türmt sich auf, er zeugt vom Fleiß der Eisenbahnfreunde.

„Wer uns beim Wegschaffen hilft, kann sich gerne am Holz bedienen“, erklärt Heidi Bauer. Ein Landwirt, der einen großen Häcksler hat oder eine Hackschnitzelheizung betreibt, das wäre ideal. Das Thema ist ihr wichtig, denn der Schnittgutberg - obwohl er auf Bahngelände liegt ist zum Politikum geworden. Mitglieder vom CSU-Ortsverein Innstadt benutzen ihn, um gegen die Granitbahn Stimmung zu machen. Die Abholzungen würden den „Stadtteil entstellen“, das abgeholzte Geäst gebe ein „erbärmliches Bild“ ab, lassen sie in der Lokalpresse verlautbaren. Verärgert ist beispielsweise CSU-Mitglied Olaf Pint, der in der Rosenau zu Hause ist. Die CSU hätte lieber einen Rad-Fußweg. Sie verweist auf einen Plan des Landtagsabgeordneten Dr. Gerhard Waschler von 1985.

Studenten der „Technischen Hochschule Deggendorf “ haben vor zwei Jahren für die Reaktivierung dieser Regionalbahn 60 Ideen geliefert. Von der stillen Lesefahrt im Bücherwaggon, über den Musikzug mit Livekonzerten an Haltestellen bis zum Gastronomiezug. „Ein Diner im Speisewagen bei Sonnenuntergang auf der Kräutlsteinbrücke könnte der Höhepunkt sein“, fällt Selbitschka dazu ein. Die passenden Waggons hat sich der Verein vor einem Jahr gesichert: neun Bauzugwagen mit historischem Holzaufbau, welche in Kalteneck auf einem Abstellgleis standen. Sie stammen von den deutschen Reichsbahnen der ehemaligen DDR.

Ob die Reaktivierung der Granitbahn der Innstadt Lebensqualität nimmt oder bringt, das scheint ein politischer Streit geworden zu sein. Der SPD-Ortsverein begrüßt die Aktivitäten des Hauzenberger Fördervereins. Er bezeichnet die Bahn „als Bereicherung unseres schönen Stadtteils“.

55 aufgelassene Strecken hat die Bayerische Eisenbahngesellschaft bisher betreut. Vor zwei Jahren hat man beschlossen, 22 Bahnen als Bürgerbahnprojekte weiter zu betreiben. Die Linie Passau-Hauzenberg ist die dritte, die einen solchen Kooperationsvertrag erhalten hat. Der Förderverein hat dafür eine haftungsbeschränkte Gesellschaft gegründet, die „Granitbahn UG“. Die Kosten für die Reaktivierung der gesamten 25 Kilometer langen Strecke sind von der BRE auf 800.000 Euro geschätzt worden, freiwillige Leistungen mit eingerechnet. „Alleine dadurch, dass wir das Freischneiden selbst erledigen, sparen wir 25.000 Euro“, sagt Heidi Bauer.
Das teilweise versandete Gleis wurde im Vorjahr von einem Baggerfahrer auf dem städtischen Gebiet komplett freigelegt. Jetzt steht die schwierigste Aufgabe an. Das Eisenbahnbundesamt schreibt vor, dass alle Stellschrauben der Bahnschwellen gesäubert und kontrolliert werden müssen, klingt nach Feinarbeit. Es betrifft eine Strecke von etwa drei Kilometern: 5.000 Stahlschwellen, 20.000 Stellschrauben.

„Am einfachsten ginge das wohl mit einem starken Hochdruckreiniger, das Innwasser wäre ja da“, sagt Selbitschka. Man habe bei der Feuerwehr angefragt, aber die befürchten angeblich, dass ihre Pumpen versanden oder zu schwach sind. „Wenn es keine Lösung gibt, bleibt nur Handarbeit. Wir brauchen sehr viele freiwilligen Helfer, um das zu schaffen“, sagt Heidi Bauer.

Vizevorsitzender Hanns Wiegel, Jahrgang 1956, ein erfahrener Touristikfachwirt und Passauer Stadtführer, hat die Geschäftsführung der „Granitbahn UG“ übernommen. „Ich war 42 Jahre lang Verkehrsamtsleiter und habe erlebt, wie die Bahnstrecke zwischen Hengersberg und Kalteneck abgebaut und in einen Radweg umgewandelt worden ist.“ Eine solche Überraschung wollte er kein zweites Mal erleben. Deshalb habe er sich der Hauzenberger Initiative angeschlossen. Mit der Gründung der Granitbahngesellschaft im vorigen Oktober sei alles auf rechtliche Beine gestellt worden. „Jeder Helfer ist automatisch versichert“, erklärt Wiegel. Er hofft, dass mit den Erlösen der städtischen Lokalbahn die Reaktivierung bis Hauzenberg vorangetrieben werden kann.

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Schilder montieren: 200 intakte Bahnzeichen, vom Kilometerstein bis zum Haltesignal, benötigt die neue Strecke. Zwei Helfer demontieren an der Brücke „Löwmühle“ zur Reparatur ein Abschnittssignal. (Foto: Tobias Köhler)
Bei der Baustellenfahrt über das Innstadtgleis werden der Unimogfahrer und seine Helfer von den Menschen am Gleis freundlich empfangen
, obwohl ihr gelbes Ungetüm die Wochenendruhe stört: In Haibach winkt ihnen eine radelnde Mutter mit ihrem Kind zu, die staunend angehalten hat; vom Innufer grüßen Wanderer und die Rentner in den Schrebergärten, mit Fühlingsarbeiten beschäftigt, schenken den Bahnarbeitern ein solidarisches Lächeln. Nur die wenigsten schauen böse oder demonstrativ weg. Andere Bürger, wie Schauspielschüler David Gaviria, ist erschrocken, als er das erste Mal das Schienenfahrzeug erblickt. „Ich nehme oft zu Fuß die Abkürzung über die Eisenbahnbrücke, weil es schneller geht als mit dem Bus durch die Stadt“, erzählt er. Er wohnt in der Innstadt, pendelt täglich in die Athanor-Schule nach Grubweg. Er wäre wohl einer der ersten Stammkunden dieser Lokalbahn. 

Das Eisenbahnbundesamt gibt die Strecke erst frei, wenn das „Lichtraumprofil“ am Gleis passt: 4,5 Meter hoch, 5 Meter breit. Wer auch nur ein paar Stunden beim Freischneiden mithelfen will, meldet sich unter 0160 99214272 oder 0175 2060151.

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27. Mai 2018
 
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