Google-Anzeigen

Report | Montag, 10. September 18

bild_klein_0000014405.jpg
Sonnenuntergang. Von den ersten Tagen seiner Atlantikreise stellte Daniel Küblböck dieses Bild in sein neues Fotoalbum.
Vermisst im Nordatlantik

Küblböcks Kreuzfahrt: Tragödie eines Transexuellen

Wenige Tage vor der Tragödie auf dem Nordatlantik hat der niederbayerische Künstler Daniel Küblböck ein neues Fototagebuch im Netz angelegt. Es erzählt von einem 33-jährigen Mann, der im falschen Körper gefangen ist und sich offenbar entschlossen hat, dies zu ändern. Ein Neuanfang als Frau.

Die letzten drei Jahre lang hatte sich Küblböck an einer Berliner Schauspielschule ausbilden lassen. Er schrieb begeistert von den bevorstehenden Abschlussvorstellungen, aber wie er abgeschlossen hat, das löst er nicht auf. Hat der 33 -Jährige dort ein Mobbing erfahren, wie er es als Außenseiter in der Schulzeit erfahren hatte? Freundinnen, die ihm nahe stehen, stellen solche Spekulationen an. Dazu gibt es diesen Beleg.

Im Klatschzeitungen ist ein Foto zu sehen, das angeblich Küblböck als Frau gestylt im Warteterminal zeigt, bevor er an Bord der Aida Luna geht. Es passt zu den Bildern, die er am Tag vor der Tragödie aus seiner Kabine senden wird: glatt rasiertes, geschminktes Gesicht, die langen Haare streng nach hinten gekämmt, Frauenschmuck und Frauenkleider. Alle Bilder seiner Fotoserie, die er in den letzten beiden Tagen vor seinem Verschwinden veröffentlicht, sind mit den Schlagwörtern "Transformation" und "Transexuelle" versehen.

bild_klein_0000014406.jpg
Am Tag vor seinem Verschwinden stellte Daniel Küblböck von sich Frauenbilder ins Netz, versah sie mit den Schlagwörtern "Transformation" und "Transexuelle".
Zu den sieben Frauenbildern, die Daniel von sich ins Netz stellt, reihen sich zum Schluss neben dem Selfie mit einem blonden jungen Mann ("beste Freunde") Porträts seiner Idole: Ex-„Spice-Girl“ Victoria Beckham; seine „Mama mia“ nennt er Constance Leto, die Mutter des US-Schauspielers Jared Leto, der für die Rolle der transsexuellen Rayon in dem Film "Dallas Buyers Club" 2014 den Oscar als bester Nebendarsteller erhielt; als letztes Bild erscheint im Fotoalbum die Kanzlerin. Merkel markiert mit zwei Herzchen, drei Partytüten und "Germany".

Menschen, die ihr biologisches Geschlecht nicht akzeptieren können, weil sich ihre Seele dem anderen Geschlecht zugehörig fühlt, werden als Transsexuelle bezeichnet. Sie erleben einen Leidensdruck, der sie depressiv werden lässt, am Leben verzweifeln lassen kann. Die Geschlechtsumwandlung wird wie eine Erlösung empfunden.

Laut einer Statistik der Justiz haben in den Jahren 1991 bis 2013 rund 17.000 Menschen an deutschen Amtsgerichten ein Verfahren nach dem Transsexuellengesetz geführt. Hinzu kommt die Dunkelziffer derjenigen Männer und Frauen, die diesen Schritt scheuen. Seit 2011 der Zwang zur Operation aufgehoben worden ist, schnellte die Zahl auf jährlich etwa 1.500 Transsexuelle hoch, die vor Gericht gingen, um ihre geschlechtliche Identität im Personalausweis ändern zu lassen.

Kommentar

Ich habe Küblböck zweimal persönlich getroffen, einmal bei einem Pressefest in dem Bayerwaldstädtchen Bodenmais, wo ihn der damalige Bürgermeister und spätere Landrat Michael Adam, der sich als Schwuler geoutet hatte, als Werbefigur für den Fremdenverkehr einsetzte. Später traf ich ihn zufällig bei der Hochzeit eines Bekannten wieder, ein Bildzeitungsreporter. Küblböck war der private Überraschungsgast. Wer ihn persönlich kennenlernte, fand ihn wegen seiner unaufgeregten und offenen Art sofort sympathisch. Im Fernsehen war er der „Paradiesvogel“, im echten Leben einfach ein „netter Kerl“, der eine klare politische Haltung hatte: liberal und sozial. Nicht umsonst wählte er wohl als Pseudonym für sein letztes Fototagebuch im Netz die politische Figur Rosa Luxemburg, eine Kämpferin für Freiheit und Gleichheit.

bild_klein_0000014404.jpg
2014, das Musiksvideo seines selbstgeschriebenen Eurovision-Song-Contest-Liedes "Be a man" hat Symbolkraft: In der Schlusszene erscheint Küblböck mit blonder Perücke als Frau - in Doppelrolle spielt er selbst das Objekt der Begierde eines jungen Mannes.
Er kokettierte mit Männer und mit Frauen, mit Letzteren pflegte er wohl die tieferen Freundschaften. Seine Managerin, die Mäzenin aus Mallorca, die ihn adoptierte. Je mehr er wegen seines Anderseins  angegriffen worden ist, desto stärker schien über die Jahre sein Selbstbewusstsein zu wachsen. Als er seinen Song 2014 für den Eurovision-Song-Contest vorstellte „Be A Man“, schrieben 100 verschiedene Personen hintereinander „Hurensohn!“ in seine Kommentarleiste. Wie er das verkraftet hat? Er zitierte Justin Bieber: "Jeder Hater brachte mich nur weiter nach vorne".

Dass dieser drittplatzierte DSDS-Sänger aus den Anfangstagen uns mehr im Gedächtnis geblieben ist als viel erfolgreichere nach ihm, spricht für ihn: Er polarisiert, er provoziert, er findet leidenschaftliche Fans und ekelhafte Feinde. Nur zu sich selbst gefunden hat er wahrscheinlich nicht. Er hat sein Schicksal der Transsexualität nie formuliert. Erstmals in der Fotoserie von der Reise mit der Aida Luna.

Aber wer genau hingesehen hätte, fand Anspielungen bereits früher. Im Musikvideo „Be A Man“, selbst getextet, spielt er einen schüchternen jungen Mann, der am Strand eine Blondine umwirbt. In der Schlussszene dreht sie sich erstmals um: Es ist Küblböck selbst, geschminkt mit Perücke.

Jetzt wird klarer, warum er Reporterfragen, ob er nun schwul oder hetero sei, nicht klar beantworten konnte. Er sei bisexuell hat er einmal in DSDS-Tagen gesagt. Es drückt das Dilemma aus. Zu Männern hingezogen fühlte sich nicht der Mann Daniel Küblböck, sondern vielmehr die Frau in ihm. An Bord der Aida Luna wollte er seinem wahren Wesen wahrscheinlich zum Durchbruch verhelfen. Plante er eine Geschlechtsumwandlung als nächsten Schritt? Mit seinem Verschwinden hat er sein Geheimnis mitgenommen.    

 

***

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Hier finden Sie - auch anonyme - Hilfsangebote in vermeintlich ausweglosen Lebenslagen. Per Telefon, Chat, E-Mail oder im persönlichen Gespräch.
Investieren Sie in die freie Presse!

Ihnen hat dieser Artikel genützt oder gefallen? Sie möchten auch weiterhin die Passauer Online-Zeitung Bürgerblick, ein Angebot im Netzwerk der freien Presse, lesen? Dann unterstützen Sie uns, indem Sie für dieses Angebot nach eigenem Ermessen bezahlen. Jeder Cent zählt. Einfach und bequem per Paypal.

07:11
Freitag
21. September 2018
 
Bitte klicken Sie diese Förderer
und Freunde der freien Presse:

SOCIAL MEDIA

KULTURKALENDER
21.09. | Freitag
SCHARFRICHTERHAUS
Lesung: Erich Hackl
 
bild_klein_0000014358.jpg

Der Schriftsteller liest aus "Am Seil", seines auf Tatsachen beruhenden Romans über einen wortkargen Kunsthandwerker, der zwei Jüdinnen im Dritten Reich vor der Deportation bewahrte.


20:00 Uhr | 10 Euro
RATHAUS
Nachtwächterführung
 

Spätabendliche Führung durch Passau mit einem "historischen Nachtwächter". Treffpunkt vorm Rathausturm.


21:15 Uhr | 13 Euro
DOMPLATZ
Symphonie aus Licht und Klang
 
bild_klein_0000014120.jpg

Sehenswert! Die kalkweiße Fassade des Stephansdomes wird zur 1000 Quadratmeter großen Projektionsfläche: die Kirchengeschichte der Kathedrale wird zum 350-jährigen Barockjubiläum erzählt in zwölf Szenen, untermalt von Chor- und Orgelmusik. 20 Minuten, findet bei jedem Wetter statt. 


22:00 Uhr | frei

Google-Anzeigen