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Report | Sonntag, 09. Oktober 16

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"Einmauern oder absaufen?". Im April 2015 stellte dieses Magazin die Pläne für Hochwasserschutz vor. Der größte Aufreger steht jetzt bevor: Die Entscheidung über die Hochwassermauer an der Innpromenade.
Hochwasserschutz am Inn

Passau will Teil seiner schönsten Uferallee opfern

Für den geplanten Hochwasserschutz muss zwischen Marienbrücke und Karolinenplatz ein Teil der Innpromenade zerstört werden; etwa ein Drittel der Pflanzen, die meisten von ihnen alte Kastanienbäume, müssten weichen. Naturschützer und Stadtbildbewahrer haben diesen bevorstehenden Eingriff in den Köpfen verdrängt, kaum darüber debattiert. „Einmauern oder absaufen?“  hatte dieses Magazin vor eineinhalb Jahren die Pläne vorgestellt. Aber da war die Zeit noch nicht reif, das Thema hat die Bürger nicht angerührt. Am morgigen Montag steht die Entscheidung im Stadtrat dazu an; das Entsetzen in der Bevölkerung ist groß.

Die Innpromenade ist wohl der beliebteste Treffpunkt der Passauer Gesellschaft, um sich die Beine zu vertreten, die Seele baumeln zu lassen oder im Schatten der Kastanienbäume den Reiz einer alten Allee zu erspüren.  Der Passauer Verschönerungsverein, der Vorgänger der Stadtgärtnerei, hat die Kastanienallee Mitte des 19. Jahrhunderts anlegen lassen.  Seit 2013 weiß auch die jüngere Generation: Sie gehört bei dramatischem Hochwasser zum Überschwemmungsgebiet des Inn.  Laut einer Aufstellung der Stadt waren beim Jahrhunderthochwasser in diesem Abschnitt 50 Gebäude und 270 Bürger betroffen; der Schaden wird mit 15 Millionen Euro beziffert.

So soll der Hochwasserschutz aussehen:  Zwischen Marienbrücke und Karolinenplatz  erstreckt sich ein durchschnittlich gut hüft- bis brusthoher Mauersockel, der im Ernstfall als Fundament  für die eigentliche Hochwasserwand dient, mobile Steckelemente, etwa 2,50 Meter hoch.  Der Inn steigt bekanntlich schnell, deswegen wurde kalkuliert, wie die groß diese Hochwasserwand maximal sein darf; Helfer müssen den Aufbau zeitgerecht bewältigen können. 600 Quadratmeter, etwa die Flügelfläche eines Jumbojets oder die Fläche von gut zwei Tennisplätzen, gilt als Obergrenze.

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Eine 520 Meter lange Mauer, angeblich maximal brusthoch, soll den südlichen Neumarkt vor dem Innhochwasser schützen.
Von verschiedenen möglichen Varianten lässt diese Obergrenze nur eine Variante zu. Es ist diejenige, welche am weitesten vom Ufer weg und nahe der Hauptverkehrsstraße, der Gottfried-Schäffer-Promenade, verläuft. Neben dieser Flutmauer könnte später ein neuer Radweg verlaufen. Die Flutmauer würde Radfahrer und Fußgänger trennen. Heute teilen sich beide Verkehrsteilnehmer die Allee.

Brusthohe, halben Kilometer lange Sockelmauer
Der 520 Meter lange Mauersockel  ist nur der sichtbare Teil. Damit das Wasser abgehalten werden kann, müssen die Fundamente stellenweise elf Meter tief eingebracht werden, bis auf den Gesteinsgrund. Die Baustelle, die für diesen Hochwasserschutz notwendig ist, misst wegen der Maschinen, die zum Einsatz kommen, eine Breite von 14 Metern. Dies erklärt, warum die Schneise, die in die grüne Allee geschlagen wird, so mächtig ist. Die favorisierte Variante bedeutet mit 54 gefällten Bäumen offenbar noch den harmlosesten Eingriff in die Natur.

Nachdem die „Passauer Neue Presse“ die Pläne am Samstag vorgestellt hatte, begannen in Familien und an Stammtischen die Diskussionen: Brauchen wir das? Wollen wir das? Die Hochwassermauern, welche die Generation nach dem Hochwasser 1954 gebaut hat, sind beispielsweise bis heute Gesprächsstoff wegen Ihrer Hässlichkeit. Zudem haben sie 2013 fast nichts genutzt, aber bis heute – seit 60 Jahren – Passau verschandelt. Mit keinem Wort wird in der Heimatzeitung erwähnt, dass es sich bei der Allee an der Innpromenade um ein geschütztes Naturdenkmal handelt. 

"Der geplante Schutz ist die eigentliche Katastrophe"

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Eine 520 Meter lange Mauer, angeblich maximal brusthoch, soll den südlichen Neumarkt vor dem Innhochwasser schützen.
Der Verein „ Forum Passau“,  der sich für Stadtbild und Landschaft einsetzt, rief seine Mitglieder auf, die Stadtratssitzung morgen um 15 Uhr zu besuchen. Das Thema ist der erste Tagesordnungspunkt. Die Forums-Spitze formulierte diesen offenen Brief:

„Der Bereich um die Innpromenade ist in den letzte 60 Jahren dreimal von Jahrhunderthochwassern betroffen worden. Das ist schlimm, deutlich schlimmer ist aber das Ergebnis der Planungen, die davor schützen sollen. Der Verlust von 54 Bäumen bedeutet, dass ihre Sauerstoffproduktion, ihre ästhetische Qualität, ihre Aura vernichtet wird; etwas geht für immer verloren, was die Anwohner - und nicht nur sie - täglich(!) erfreut und gesundheitlich genutzt hat. Da reden wir noch gar nicht von der Mauer, die im übrigen teilweise bis zu vier Meter hoch sein wird, nicht nur 1,30 Meter.

Die Aufenthaltsqualität einer der zentralsten Stadträume wird unwiederbringlich, Tag für Tag, vernichtet. Die Innpromenade ist das Herz Passaus. So viel Stadtbild kann ein Hochwasser nicht zerstören wie das nun durch den - wirklich funktionierenden? - Schutz geplant ist. Dem Forum ist dieser Preis viel zu hoch. Der geplante Schutz ist die eigentliche Katastrophe."

Friedrich Brunner, Monika Fecher, Peter Zieske, Vorstandschaft FORUM Passau

Rechnerisch gesehen rentiert sich der Hochwasserschutz: Er kostet 5,5 Millionen Euro und soll einen Hochwasserschaden in fast dreifacher Höhe vermeiden. Es wird durchschnittlich je Gebäude ein Schaden von 300.000 Euro abgewendet, wenn sich das Ereignis wiederholt und der Hochwasserschutz wirksam ist. Auf einen langen Zeitraum gesehen, relativiert sich jedoch der wirtschaftliche Nutzen. Denn je später die neue Flut eintritt, desto höher steigt der Sanierungsbedarf dieser Häuser durch den Zahn der Zeit. Viele der Fluthäuser von gestern sind heute die schönsten und modernsten der Stadt. Mit dem Konjunkturprogramm „Fluthilfe“ wurden längst anstehende Sanierungen in einem Aufwasch erledigt. 

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Donnerstag
09. April 2020
 
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